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Brief (12-05005)

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Fetan[1] 10.VIII 1923

 

Hochverehrter Herr Kollege,

Nehmen Sie aus diesem herrlichen engadinischen Bergdorf, wo ich mich mit meiner Frau wieder einmal des unmittelbaren Kontaktes mit rätischer Sprache und Sitte freue, meinen herzlichsten Dank für Ihre so manche Saite zum Klingen bringenden Ausführungen über Individualismus.[2] ǀ2ǀ Wie Sie sich zu Vossler stellen (heisst zu jemandem stellen nicht etwas anderes und ist „sich zu jemandem stellen“ nicht gerade deswegen gebildet worden?), hat mich besonders interessiert und ich habe eigentlich bedauert, dass Sie sich durch Schürr[3] haben abhalten lassen, mehr zu sagen. Ich muss gestehen, dass ich der Übertragung der Croce’schen Anschauungen und auch seiner Terminologie auf die Sprachwissenschaft etwas ratlos gegen- ǀ3ǀ überstehe, und die Ratlosigkeit hat sich nach der Lektüre von Croce’s Ästhetik nicht vermindert. Wir können davon doch wohl nicht viel anderes brauchen als das was Sie hervorheben, den Hinweis auf die Bedeutung, die dem individuellen Schöpfungsakt bei der Genese sprachlicher Erscheinungen zukommt. Was wir aber dabei gewinnen, wenn Bertoni[4] so vage Begriffe wie natura, spirito und dergleichen in die Sprachwissenschaft einführt, sehe ich ǀ4ǀ nicht recht ein. Sobald Bertoni in seinem idealistischen Brevier oder anderswo an die Lösung konkreter Fragen herantritt, behandelt er sie nicht anders, als der Nicht-Ästhetiker es auch tut. Handelt es sich bei Bertoni nicht mehr um die Einführung einer wohlklingenden Modeterminologie als um eine Bereicherung der wissenschaftlichen Erkenntnis? Blüten sind ja schön und erfreulich; aber der Forschung Endziel sind die Früchte.

ǀ5ǀ Dass ich mit Ihrer Auffassung der Sprache als Mitteilung einverstanden bin, brauche ich Ihnen kaum zu sagen. Ich glaube auch, dass sich für die Linguistik aus dieser Auffassung fruchtbarere Resultate ergeben, als aus derjenigen, die für Croce und Vossler (theoretisch wenigstens) die einzig gangbare ist.

Gibt der Ausdruck „natürlicher Spaltungstrieb“, den Sie S. 2 brauchen, nicht eine falsche Vorstellung? Die ǀ6ǀ Sprachhaltung ist doch wohl der Effekt eines nicht auf Spaltung gerichteten, individuellen Bedürfnisses der oder gewisser Sprechenden.

Jud und ich hoffen Ihnen nächstens einen vorläufigen Bericht über unsern schweiz.-ital. Sprachatlas zusenden zu können, den Sie, wie ich wohl annehmen darf, nicht zu jenen Stoffanhäufungen rechnen werden, die Ihnen Bedenken einflössen.[5]

Verzeihen Sie, dass ich Ihnen den Empfang Ihrer ǀ7ǀ Aufsätze in den Abhandlungen der Berl. Ak. nicht regelmässig angezeigt habe. Ich habe sie alle richtig erhalten und mit grossem Interesse gelesen, habe sie aber jetzt nicht genügend gegenwärtig, um Ihnen darüber zu schreiben.

Der Postzwischenfall, der mir und meiner Frau so peinlich war, und von dem wir durch Hubschmied Kenntnis erhielten, haben Sie mit meiner Frau in liebenswürdiger Weise erledigt;[6] ich habe Dedikationen fast ǀ8ǀ immer die Form von Grüssen gegeben und nur einmal mit einem übereifrigen Postbeamten einen Austausch gehabt. Der in Frage stehende Paragraph scheint verschiedene Auslegungen zuzulassen.

Mit freundlichen Grüssen

Ihr aufrichtig ergebener

K. Jaberg



[1] Heute „Ftan“, Dorf in der Gemeinde Scuol im Kreis Sur Tasna im Bezirk Inn des Schweizer Kantons Graubünden.

[2] Schuchardt, „Individualismus“, Euphorion, 16. Ergänzungsheft (= Festschrift für Bernhard Seuffert), 1-8. – Zu Vossler bes. S. 3ff.

[3] Friedrich Schürr, Sprachwissenschaft und Zeitgeist, eine sprachphilosophische Studie, Marburg: Elwert, 1922 (Die neueren Sprachen – Beihefte, 1); 2., durchges., um ein Nachw. verm. Aufl. 1925.

[4] Giulio Bertoni, Programma di filologia romanza come scienza idealistica, Florenz: Olschki, 1922 (Archivum Romanicum / Biblioteca / 1 ; 2).

[5] Jaberg-Jud, „A linguistic and ethnographical atlas of the Raetian and Italian speech-domain of Switzerland and of Upper and Central Italy : A. plan of the atlas  B. method employed in the recording of dialects from 1918 – 1923“, aus Romanic review  14, 1923,4.

[6] Vgl. HSA 04993 (23.7.1923).