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Brief (004-01713)

Prag, Krakauergasse 11,

den 7. mai 1880.

Werther Freund und College,

Die Saudades nach den Ufern des Tejo sind vorhanden. Ich habe die Absicht Anfang Julis nach Lissabon zu fahren. Es freut mich Ihnen vielleicht behülflich sein zu können. Neben Bragas Historia de Camões[1] (Parte I Vida de Luiz de Camões. Parte II Eschola de Camões. Livro I – os poetas lyricos. Livro II os poetas epicos) ist vor allem d. Ensaio biographico no qual se relatam alguns faitos não conhecidos da sua vida pelo visconde de Juromenha[2] im ersten Bande der grossen Ausgabe von Lissabon zu benützen. Luiz de Camoens von Reinhardtstoettner Leipzig 1879[3] werden Sie wohl besitzen. Nach seinen Schlussanmerkungen scheint er wohl alles in seinen Händen gehabt zu haben. In welcher Weise er es benützt hat, wissen Gott und der Teufel. Was haben Sie nicht von den angeführten Werken? Schreiben Sie mir sofort einige Zeilen und sofort wird das Verlangte nach Graz abgeschickt werden.

ǀ2ǀ Vielleicht schreibe ich auch etwas über Camoens, aber ich mache Ihnen gewiss keine Concurrenz – Concurrenz ist ja unmöglich –, denn ich würde seine ungenauen Reime besprechen. Missklang bei der Feierlichkeit. Nicht wahr?

Ich sitze, wie sie es richtig sagen, im romanischen Urschlamme, wo ich zu Ihnen bewundernd heraufblicke. Denn Ihr Vokalismus ist so reich an Thatsachen, so reich auch an scharfsinnigen Deutungen! Ich erkläre die Epistula Anthimi,[4] wozu ich Collationen von 2 Handschriften von Sankt Gallen habe.[5] Andere Texte, welche geeigneter wären, sind für die Studenten kaum erreichbar.

Mit besten Grüssen

Cornu



[1] Theophilo Braga, Historia de Camões, Porto: Imprensa Portugueza, 1873, 2 Bde.

[2] João-Antonio visconde de Juromenha, Obras de Luiz de Camões precedidas de um ensaio biographico no qual se relatam alguns factos não conhecidos da sua vida augmentadas com algumas composiçoes ineditas do poeta, Lisboa: Imprensa nacional, 1861.

[3] Karl von Reinhardstöttner, Luiz de Camoens, der Sänger der Lusiaden; Biographische Skizze, Leipzig: C. Hildebrandt, 1877; 21879.

[4] Anthimi De observatione ciborum ad Theodoricum regem Francorum epistula.

[5] Codex Sangallensis 762 u. Codex Sangallensis 878. Vgl. die Ausgabe von Eduard Liechtenhan, Berlin: Akademie-Verlag, 21963 (Corpus Medicorum Latinorum, 8,1). Cornu benutzte den Text, den er vielleicht selber edieren wollte, im akademischen Unterricht.