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Brief (03-06414)

Rich. Wagnerstr. 30

 

Hochverehrter Pasing 29.I.23

Meister,

Herzlichen Dank für Ihre freundlichen Zeilen, die ich in Anbetracht der großen Mühe, die Ihnen das Schreiben in Ihrem biblischen Alter machen muß, besonders zu schätzen weiß. Auf Ihren Aufsatz, der sich nach Ihrer Mitteilung inhaltlich mit dem meinen berührt, bin ich sehr gespannt.[1] Daß Sie in einzelnen Punkten von Voßler abweichen, war mir wohl bewußt, und Sie haben dieselben mit großer Klarheit ausgesprochen. Aber die Hauptsache scheint mir die Übereinstimmung in der Grundrichtung, in der Überzeugung, daß die Sprache nicht an sich existiere und nicht an sich zu verstehen sei. Daß Ihre Gefolgschaft durchaus nicht homogen sei, hab‘ ich ja angedeutet. Ja, je vivrai, je verrai – und werde vielleicht noch manche Wandlung durchmachen – vorausgesetzt, daß die Not des Vaterlandes ihm noch längere Zeit erlaubt, Universitäten zu halten und den Dozenten die Muße zu wissenschaftlichen Arbeiten zu geben.

Um Ihnen alle Sorgen wegen Spitzer, „der alles erfährt“, abzunehmen, habe ich auch diesem ein Exemplar der Recension geschickt. Ich kann mir zwar nicht denken, daß ihn meine Einwände, die ich in der denkbar mildesten Form vorgebracht habe, irgend kränken könnten (vorbringen mußte ich sie schließlich) – aber wenn er die Besprechung noch vor Erscheinen von mir selbst erhält, kann er I2I m. E. noch weniger gekränkt sein. Sollte er trotzdem deswegen an Sie schreiben, so verweisen Sie ihn nur einfach an mich. Seine Empfindlichkeit ist allerdings groß, und das ist angesichts des Antisemitismus (er kann nur froh sein, nicht in Bayern leben zu müssen, wo man selbst die blondesten und blauäugigsten Zeitgenossen, sofern sie ‘mal eine Notiz in die Frankfurter Zeitung gesetzt haben, für Juden hält!) und der Zurücksetzung bei den Berufungen nur zu begreiflich.[2] Es sieht auch leider nicht so aus, als ob er in Heidelberg irgendwelche Aussichten hätte.[3] Voßler hatte ihm mein Extraordinariat zugedacht, für den Fall, daß ich nach Würzburg berufen würde – aber dieser Fall ist ja nicht eingetreten.[4]

Croces Artikel in seiner Critica über die Krisis der Sprachwissenschaft ist nur drei Seiten lang und enthält nichts für Sie Neues (er schreibt aus Anlaß von Gilliéron, Faillite).[5]

Ihre Anteilnahme an Voßlers schwerem Verlust habe ich diesem ausgerichtet; er läßt Ihnen einstweilen durch mich danken und wird es noch direkt tun.[6]

Von der 2. Hälfte meines Imperfektum[7] habe ich bis heute, trotz Mahnung, noch keinen Sonderabzug erhalten, weder die pflichtmäßigen noch die darüber hinaus bestellten. Aber nachdem Sie, hochverehrter Meister, das 4. Heft der Z. ohnehin erhalten haben, das diese 2. Hälfte vollständig enthält – darf ich Sie da, in Anbetracht der wenigen Exemplare, die ich gegen erhebliche Zuzahlung erhalten werde (wenn ich Sie bekomme) nicht bitten, mich zugunsten solcher, die die Z. nicht erhalten, von meinem Versprechen zu entbinden?

Mit den herzlichsten Wünschen für Ihre Gesundheit und besonders für Ihre Augen

in dankbarer Verehrung

Ihr Lerch.



[1] „Individualismus“, Euphorion, 16. Ergänzungsheft, Festschrift für Bernhard Seuffert. Zum 23. Mai 1923, 1-8.

[2] Spitzer reagierte Schuchardt gegenüber (Brief Lfd.Nr. 327-11088) höchst ungehalten auf Lerchs Zusendung: „Ich antworte auf den Ihnen wesentlichen Punkt, nämlich die Besprechung Lerchs. Ich finde diesen Menschen in allem, was er tut, namenlos geschmacklos – so auch die Sendung der Besprechung vor der Drucklegung. Mag er auch gedacht haben, Ihnen eine Freude zu bereiten, so ist das doch ein ganz ungewöhnlicher Vorgang. Auch inhaltlch bin ich natürlich nicht mit allem einverstanden. Für ihn ist tatsächlich, wie Sie andeuten, alles erledigt, wenn man Vossler anerkennt. Er unterwirft alle Forscher einer Musterung, bei der die Tauglichkeit nach der Vossler-Unterwürfigkeit bemessen wird. Dagegen müßte man sich einmal aufs schärfste zur Wehr setzen“ (ed. Hurch, S. 238; dieser undatierte Brief ist demnach auf Anfang bis Mitte Februar zu datieren).

[3] Es ging um die Nachfolge von Friedrich (Fritz) Neumann (1854-1934), der am 31.3.1923 emeritiert worden war. Berufen wurde Ernst Robert Curtius.

[4] Vgl. Spitzers Brief an Schuchardt vom 27.10.1922: „In Wien lernte ich Küchler samt Frau kennen. […] Küchler erzählte mir, was ich auch so schon wußte: er habe Lerch mit aller Macht durchsetzen wollen, sei aber auf eine Einheitsfront gestoßen. Durch Lerchs Avancement wäre dann München für mich in Frage gekommen, wie auch er bestätigte“ (HSA, Lfd.Nr. 356-11116, ed. Hurch, 276).

[5] „A proposito della crisi nella scienza linguistica“, La Critica 20, 1922, 177-180 (zu J. Gilliéron, Études sur la défectivité des verbes. La faillite de l’Étymologie phonétique. Résumé de conférences faites à l’École Pratique des Haures Études, Bern 1919).

[6] Voßlers erste Frau, Esterina (Ester) Gräfin Gnoli, war im November 1922 verstorben.

[7] Vgl. Anm. 3.