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Brief (22-07513)

BERLIN-HALENSEE

100 Kurfürstendamm

Neubrandenburg i./M.

3.IX.15.

 

Hochverehrter lieber Herr Kollege,

Seit Wochen verleben meine Frau & ich – und auch Kinder= & Enkelbesuch ist da und Freunde fehlen nicht – stille Tage hier in Dörchläuchtings Residenz, lesen Fritz Reuter hier auf dem Schauplatz seiner Werke[1] & unter den Menschen, welche die liebenswürdigen Nachkommen seiner Frugensminscher und Mannesminscher sind. Eine idyllische Sommerwohnung in einem grossen Garten voll grüner Wildnis am Ufer der Tollense, unfern des Sees, beherbergt uns behaglich, & die Verpflegung ist in diesem Lande, wo Milch & Honig fliesst, vortrefflich. Feld & Wald und See & Fluss liefern in Hülle & Fülle. Wie schön muss es hier zur Friedenszeit sein, da es im Kriege hier friedlich ist. Wie schön lässt sich’s hier im Garten unter den hohen Bäumen wandeln & plaudern! Wie manchen lieben Kollegen & Freund wünschten wir uns noch her. So hätten auch wir Zwei uns wohl mancherlei zu erzählen, während das Siegesbrausen aus dem Osten herüberklingt – ob diese machtvollen Klänge den nahen Frieden präludieren?[2]

I2I Mit Bewegung habe ich Ihr Abschiedswort an „unser Italien“ gelesen[3] & mit Wehmuth dabei an meine Studienzeit in Florenz gedacht (1878), wo ich täglich mit Caix, Vitelli[4] & andern beim Domino zusammensass. Und noch sind es nicht zwei Jahre her, dass ich Croce & Dovidio in Neapel, Rajna[5] in Florenz gesehen. Aber die Italiener haben mir nie so nahe gestanden, wie die Franzosen, & der Eintritt Italiens in den Krieg hat mich nicht so erschüttert, wie der Frankreichs, durch den ich persönlich viel mehr verloren habe. Wenn ich damals von einem Trümmerfeld sprach, so hatte ich natürlich nur uns deutsche Romanisten im Auge, der Überzeugung, dass auch hier neues Leben aus den Ruinen blühen wird, habe auch ich Ausdruck gegeben.

Das schmerzlichste Erlebnis war mir Bédier’s Eintritt in den Verhetzungskampf. Ich habe Bédier sehr lieb gehabt & habe ihn jetzt noch lieb. Ich fühle, wie er leiden muss, da er sich zu solcher Arbeit hergegeben hat.[6] Wir sind seit Jahrzehnten befreundet & haben uns in der tiefen Zuneigung & Dankbarkeit zu unserem gemeinsamen Lehrer G. Paris gefunden. Als ich im Wintersemester 1913/14 in Urlaub gieng, war mein liebes Paris mein vornehmstes Ziel: ich lebte dort von Neujahr bis Ostern mit meiner Frau, hatte eine möblierte Wohnung in rue Jussieu, neben Morel-Fatio.[7] Wir führten I3I eigenen Haushalt & lebten im Quartier latin unter den Kollegen der Sorbonne & des Collège de France wie ihresgeichen. Mme Morf empfieng Mittwochs von 5 Uhr nach Bédier’s Vorlesung – die ich regemässig besuchte, wie die von Thomas, Gilliéron & auch Rousselot[8] - & da sahen wir die Kollegen & ihre Frauen bei uns, auch Mme  Paris. Es waren wundervolle Wochen freundschaftlichen & wissenschaftlichen Genusses – sie werden nicht wiederkehren, auch wenn mir das Leben noch so viel Jahre schenkt, dass ich je wieder zur Arbeit nach Paris fahren kann. Zwischen uns Alten liegt der Krieg. Ich wünsche den Jungen die schöne Zeit, die ich Paris verdanke, seit ich dort G. Paris kennen gelernt (1878).

Mir ist Bédier nicht nur lieb, sondern ich kenne ihn auch sehr gut. Und was ich etwa noch nicht wusste, das haben mich unsere langen Spaziergänge im Luxenburg- & Cluny-Garten & unsere langen Plauderstunden in seinem oder meinem Studierzimmer 1914 gelehrt. Vor allem kenne & anerkenne ich seine Wahrheitsliebe. Auch in seinem Pamphlet glaubt er sicherlich, wahrhaftig zu sein, & es darf, wer ihn kennt, nicht von Fälschung sprechen. Aber so milde, wie Sie ich in W.& L. p. 613[9] ausdrücken, vermöchte ich nicht. Ehe man, wie Bédier, einen grossen wissenschaftlichen Namen in den Dienst so furchtbarer allgemeiner Anklagen stellt und seine anerkannte kritische Autorität braucht, um eines Politikers Wort vom système de meurtres & de pillages collectifs Deutschlands I4I (p. 28) wissenschaftlich zu stützen, sollte man seine Leidenschaft – die Feindin aller Erkenntnis – kritischer prüfen und selber sich bewusst sein, dass man bei jedem Wort, das man schreibt, Gefahr läuft, Unrecht zu thun – Unrecht zu thun, in einer Sache von so furchtbarem Ernst, dass dagegen das Gebelfer Braga’s[10] ein Kinderspiel ist. Bédier’s Schrift hat ungeheuren Schaden in der Welt angerichtet & dazu hätte er sich nicht hergeben sollen Er war zu gut dazu, ein Pamphlet zu schreiben, dem ich den Vorwurf nicht ersparen kann, dass es, bei allem subjektiven Wahrheitsglauben, eine fortlaufende Entstellung, eine Verdrehung ist. Auch berüht mich auf’s Schmerzlichste, die Methode; zu versichern (p. 6) je me garderai bien de produire ici … des témoignages belges ou français und dann zur Stimmungsmache sie doch zu benutzen & anzuführen (p. 11 u. 28 ff) oder der einleitenden Versicherung, nur wirkliche authentische documents allemands zu bringen, zuwider, einen von Franzosen fabrizierten Brigadebefehl (p. 29) anzuführen und endgiltig (p. 39 f) stehen zu lassen. Es ist dies kein wissenschaftliches Verfahren, als was er es in seiner Leidenschaftlichkeit ausgiebt, sondern das sind Kniffe eines Advokaten, & zu denen durfte in einer Anklage gegen ein ganzes Volk ein Mann wie Bédier nicht Zuflucht nehmen.

Ist es übrigens richtig, wie Nyrop in Politiken[11] im Sommer einmal gesagt hat, dass eine deutsche Zeitung sich geweigert habe, Ihr Urtheil über die Bédier’sche Broschüre abzudrucken? –

Ich hoffe, Ihnen bald auch wieder etwas Wissenschaftliches senden zu können. Ich habe hier Manches mit, was nur noch einer endgiltigen Durchsicht – aber auch immer in Ruhe – bedarf, I4I[12] und hoffe es in diesem angulus, der mir praeter omnes ridet, fertig zum Druck zu machen.

I3I An den feinen Bemerkungen Ihres ,Offenen Briefes‘ und Ihres Herzensergusses habe ich mich sehr erbaut & habe sie eben wieder I2I gelesen und damit Reuters „Dörchleuchting“ durchsetzt, der auch einiges Romanisches enthält (ein französ. Aufnahmsexamen für Secunda). Und nicht nur genossen habe ich Ihre Worte, sondern I1I auch viel Tatsächliches daraus gelernt, was mir neu war. Und ich sehe, dass ich Guerra-Junqueiro lesen muss.[13] Also vielen herzlichen Dank! Meine Frau ruft zum Essen: ein Tollenser Aal wartet, wie mein kleiner Enkel verkündet. Finir estuet! Alle, Gross & Klein, Bekannte & Unbekannte, grüssen Sie herzlich mit mir. Ihr getr. H. Morf.



[1] Fritz Reuter, Olle Kamellen VI (Dörchläuchting). Herzog Adolf Friedrich IV. von Mecklenburg wird zur Hauptfigur von Reuters Humoreske, die in Neubrandenburg spielt, wo die Herzöge das gleichnamige Palais besaßen, welches in den letzten Kriegstagen 1945 bis auf die Grundmauern niederbrannte.

[2] Am 3.9.1915 hatten die Deutschen Riga besetzt, nachdem einen Monat zuvor von deutschen und österreichischen Truppen Czernowitz zurückerobert worden war.

[3] Aus dem Herzen eines Romanisten, Graz 1915.

[4] Napoleone Caix (1845-1882) war ein italienischer Romanist, Girolamo Vitteli (1849-1935) ein italienischer klassischer Philologe; mit  beiden hatte auch Schuchardt korrespondiert.

[5] Benedetto Croce (1866-1952), Francesco D’Ovidio (1849-1925) und Pio Rajna (1847-1930) waren angesehene italienische Wissenschaftler.

[6] Joseph Bédier, Les Crimes allemands d’après des  témoignages allemands, Paris 1915.

[7] Alfred Morel-Fatio (1850-1924), französischer Hispanist. Dieser hatte Material über Morfs Haltung im Jahr 1914 gesammelt, vgl. „Catalogue des manuscrits de Morel-Fatio“, Bulletin Hispanique 24, 1922, 67-75, hier Nr. 204 Manifeste des 93 intellectuels allemands, darin z.B. Pierre Mille, „A M. Morf, professeur de philologie romane à Berlin“, Temps 23.10.1914.

[8] Antoine Thomas (1857-1935), Jules Gilliéron (1854-1926), Abbé Jean-Pierre Rousselot (1846-1924).

[9] „Offener Brief“, Wissen und Leben 8, 1915, 601-613. Zu Bédiers Schrift Les Crimes allemands d’après des  témoignages allemands vgl. die Briefe von Ernest Bovet im HSA (Lfd.Nr. 04-01292; 05-01293).

[10] Teófilo Braga (1843-1924), Präsident der portigiesischen Akademie der Wissenschaften, vgl. Schuchardt, „An die Portugiesen. Deutscher Neujahrsgruß“, Graz 1915.

[11] Morf meint vermutlich Nyrops Intervention in Politiken 21.2.1915.

[12] Der folgende Brieftext steht kopfstehend auf den Briefrändern und verläuft von der letzten zurück zur ersten Seite.

[13] A. M. Guerra-Junqueiro, Auswahl aus seinen Werken mit erklärenden Anmerkungen und einigen deutschen Nachdichtungen sowie einer Einleitung von Luise Ey. Heidelberg: J. Groos, 1921.