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Brief (04-12870)

Verehrter Freund u. College!

Halle 1877. Mrz. 7.

Gestern brachte mir der Journalbote unter Anderem das Literarische Centralblatt vom 10. v. M.; erst heute aber entdecke ich darin Ihre Anzeige der Vita Nuova.1 Da ich mich gar sehr darüber gefreut habe, will ich den Tat nicht zu Ende gehen lassen, ohne Ihnen von Herzen dafür zu danken. Ein Lob ist nur dann von Werth, wenn der Leser ihm einestheils entnimmt, daß die Sachkunde des Lobenden ihn mit der Fähigkeit auch die Mängel zu entdecken reichlich ausstattete u. daß er anderntheils auch aufrichtig genug ist, die entdeckten namhaft zu machen … Neben mehreren die Unkunde des Anzeigenden bloslegenden Lobereien ist mir, außer der Ihrigen, nur noch eine Anzeige von Fanfani /: Rivista internazion. Brit. Germ.2 Maggio 16, 1876 :/ bekannt geworden, die mich im obigen Sinne erfreut hat. In Einzelnem sind Sie auch mit ihm zusammengetroffen.

Ihre Erinnerung gegen das Zusammentreffen der Adolescenza des Conv. mit der V.N. im Sinn der Gegner trifft, um Einzelnes zu berühren, theilweise mit dem zusammen, was Fanfani über diesen Punct sagt. Mir selber war bereits, nur leider zu spät, der Gegensatz eingefallen, den Conv. IV.24 zwischen puerizia: i primi dieci anni, u. adolescenza macht. Was Sie über die schwankende Orthographie sagen, ist nur allzu begründet; doch muß ich, meine Fähigkeit zum Bessermachen anlangend, mich auf das in den Prolegomeni zur Div. Comm. p. LXXXI, LXXXII Gesagte berufen.3 – Ihre Druckfehlerrügen, die leider sämmtlich gegründet sind, habe ich eingetragen u. nur ein bischen Schadenfreude empfunden, daß man auch Ihnen die Tugend zur Jugend gemacht hat. Indeß, ich habe selbs habe selbst corrigirt u. Sie weilten über 100. Meilen vom Druckort. Der Aufsatz von Canello ist mir unbekannt geblieben und Ihr daraus erwähntes clamaverint bleibt mir unverständlich.4

Was Sie über das Serventese bei Manni5 sagen, ist so gewichtig, daß ich bedaure in der Storia del Dec. die Quelle, aus der das Fragment entnommen ist, nicht erwähnt zu finden. Baldelli6 hat das Gedicht nicht aufgenommen, also schwerlich an Boccaccios Autorschaft geglaubt.

Noch eine Frage, die an die Ausgabe der V.N. knüpft: S. XIII wird bemerkt, daß ich Lubin’s Schriftchen Intorno all’epoca della V.N. 1862 nicht kenne. Könnte ich dasselbe nicht vielleicht durch Ihre gefällige Vermittlung erlangen?7

Mit Suchier komme ich wenig zusammen. Der Berührungspunkte zwischen uns sind nicht eben viele.8 Traurig, daß die Hallische Luft Ihnen so anitpathisch war! Freilich Graz!Ich habe nur, mich dünkt dreimal, dort genächtigt; dennoch aber auf dem Schloßberg u. sonst mich ein wenig umgesehen, so daß ich es wohl zu schätzen weiß.

Noch einmal also recht herzlichen Dank! Behalten Sie in gutem Andenken Ihren
aufrichtig ergebenen
Witte


[1] „Anzeige von: Dante Allighieri, La vita nuova [hg. von] C. Witte“, Literarisches Zentralblatt, 1877, 218-219.

[2] Der genaue Titel der Zeitschrift lautet: Rivista internazionale britannica-germanica-slava ecc di scienze, lettere, arti; sie erschien nur 1876/77 in Florenz. Pietro Fanfani (1815-1879), Mitbegründer der Rivista, war ein toskanischer Historiker und Philologe, der sich verschiedentlich zur Dantephilologie geäußert hat. Im HSA gibt es einen Brief von ihm (Nr. 02871).

[3] Diese „Prolegomeni“ finden sich in Wittes Berliner Divina Commedia-Ausgabe von 1862.

[4] U. A. Canello, „A proposito d’un luogo della Vita Nova“, Riv. di fil. Rom. I, 46-51.

[5] Domenico Maria Manni, Istoria del Decamerone, Firenze 1742, 63f. („Delle rime varie attribuite al Boccaccio“).

[6] Giovanni Battista Baldelli Boni, Vita di Giovanni Boccaccio, Firenze 1806.

[7] Dies hatte Fanfani angemerkt; es handelt sich um Antonio Lubin, Intorno all'epoca della Vita nuova di Dante Allighieri: dissertazione ... letta nell'Ateneo veneto nelle adunanze del 23 maggio e 12 dicembre 1861, Graz 1862.

[8] Hermann Suchier (1848-1914) war ein bekannter Romanist, der im Augst 1876 zum Nachfolger Schuchardts nach Halle berufen wurde (vgl. HSA Briefe 11404-11431). Da er vor allem als Herausgeber altfranzösischer und altprovenzalischer Texte hervortrat, gab es keine wissenschaftlichen Berührungspunkte mit dem Danteforscher Witte.