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Brief (03-12524)

Derzeit in Leisnig, Sachsen.1

26/VI 96.

Sehr geehrter Herr Kollege!

Auf Ihre freundliche Karte kann ich Ihnen erst heute erwidern. Da ich mich zur Zeit hier in Leisnig2 aufhalte, konnte ich selbst Ihre Anfrage nicht beantworten; ich wandte mich deshalb an Stiefel3 in Nürnberg, der mir soeben folgendes schreibt:

„Die Anfrage des Herrn Prof. Schuchardt ist nicht leicht zu beantworten, denn mir ist nicht klar, was unter der edit. princ. des Calderon auf seiner Karte zu verstehen sei.4 Calderons Dramen (mit Ausschluß der Autos) umfassen nicht 4 sondern 9 Bände und davon repräsentirt für die 5 letzten Bände die Ausg. des Vera Tassis die edit. princ. Handelt es sich aber nur um die 4 ersten Bände so wären die edit. princ.: I Bd. Madr. M. de Qiñones 1636, II Bd. ibid. 1637, III Bd. Md. 1664 u. IV. Bd. Md. 1672. Diese 4 Bände sind von außerordentlicher Seltenheit – von Band eins ist nur 1Exemplar (München) bekannt, von II sind nur 2 (Salva N° 1123 u. München) bekannt – und sie werden meines Erachtens zusammen mit 400 Mk. nicht zu teuer bezahlt. Besäße ich sie, würde ich sie nicht zu dem doppelten Preis hergeben.

Anders verhält es sich mit späteren Ausgaben, z.B. I. Bd. 1640, II Bd. 1641, die mit 30-40 Mk pro Bd und die einzelnen Bände der Ausg. Vera Tassis, die mit 15-25 Mk pro Band wohl bezahlt wären. Damit will ich nicht sagen, daß diese Bände nicht noch teurer oder billiger antiquarisch vorkommen. Ich selbst habe einzelne Bde der ed. Vera Tassis um 2-4 Mk und sogar 5 zusammen für 4 fl. gekauft. Viele Antiquare verstehen eben nichts von spanischen Büchern. Es ist natürlich auch ein Unterschied, ob man die Bücher sucht oder nur zufällig findet. So fest wie bei frz., engl. und deutschen Drucken steht der Preis der spanischen – von Romanceros abgesehen – übrigens nicht.

Zu beachten ist noch, daß die älteren Ausg. des Calderon nachgeahmt bzw. gefälscht worden sind, besonders die Bände der Ausg. von V. Tassis. Solche aus Sueltas zusammengestellte mit getreulich imitirtem Titelblatt versehene Bände sind natürlich sehr geringwertig“.

Ich bedaure sehr, daß Sie das Referat über Baskisch nicht haben übernehmen können, doch lag das Missverständis offenbar auf Seiten des Herrn von Eys.5

Mit freundl. Gruß
Ihr ergebenster Karl Vollmöller


[1] Stempel; der Brieftext wurde vermutlich diktiert, denn die Handschrift weist keinerlei Ähnlichkeit mit der der beiden vorangehenden Briefe auf.

[2] Vollmöllers Frau war in Leisnig im Tal der Sächsischen Mulde geboren und gründete dort das Augusta-Heim als Sommerfrische für berufstätige Frauen.

[3] Arthur Ludwig Stiefel (1852-1915) war ein kundiger Romanist, der als Lehrer in Nürnberg und München seinen Lebensunterhalt verdiente. Er arbeitete u.a. als Rezensent für die von Vollmöller hrsg. Kritischen Jahresberichte mit, wo er die Rubrik „Spanisches Drama“ verantwortete.

[4] Der heutige Forscher kann sich am besten orientieren an Kurt Reichenberger, Bibliographisches Handbuch der Calderón-Forschung, Bd. 1: Die Calderón-Texte und ihre Überlieferung, Kassel 1979, bzw. Bd. 3: Bibliographische Beschreibungen, Kassel 1981.

[5] Willem Jan van Eys (1825-1914), niederländischer Baskologe, mit dem Schuchardt in den Jahren 1893-1902 korrespondierte (HSA Briefe 02845-02868). Um welches Missverständnis es sich handelt, ist nicht ersichtlich. Der Bericht über das Baskische in den Jahren 1890-97 in den Kritischen Jahresberichten IV, 1898, I 381-396 bzw. II, 32-35 stammt aus der Feder von Julien Vinson (1843-1926), mit dem Schuchardt ebenfalls korrespondierte (HSA Briefe 12444-12480). Vinson, in Pondicherry (Französisch Indien) geboren, war von Hause aus Forstbeamter, der sich selber zu einem kundigen und originellen Linguisten heranbildete.