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Brief (035-13)

Graz, 25 Mai 92.

Mein lieber Herr Dodgson! Was ich Ihnen in meinem letzten Briefe schrieb, entspringt nur einer wirklichen Sympathie für Sie. Obwohl ich auch glaube dass Beschränkung in allen Dingen gut thut, auch im Lernen, so will ich darauf doch weiter keinen Nachdruck legen. Ich verstehe jenen unersättlichen Durst sich immer neue Sprachen anzueignen, den Mezzofantismus, wenn ich so sagen darf. In Deutschland existirt ein Dr Sauerwein der es in dieser Beziehung weiter gebracht hat als irgend ein Lebender; ich denke mich gelegentlich einmal mit ihm in Korrespondenz zu setzen, es interessirt mich vom psychologischen Standpunkt aus, die Art und den Umfang der Sprachenerwerbung zu betrachten. Ich selbst habe stets grosse Neigung gehabt – wenn auch geringes Talent – fremde Sprachen praktisch zu betreiben; jetzt beschränke ich mich aber mehr und mehr auf den theoretischen Betrieb. Ich sehe nämlich dass die ungemeine Gedächtnissbelastung, welche damit verbunden ist, meinen Nerven schädlicher ist, als irgend ein Thee oder äusseres Mittel ihnen nützlich zu sein vermöchte. Sie ist für Jeden mehr oder minder schädlich, wie ja von den Ärzten der Umstand dass unter den Schauspielern so viele |2| Fälle von Geisteskrankheit sich finden, vor Allem der bei ihnen nothwendigen übermässigen Anstrengung des Gedächtnisses zugeschrieben wird. Ich könnte ja allerdings Ihrem Abbé Harispe in labourdischem Baskisch schreiben; aber welcher denkbare Nutzen für ihn oder für mich wäre damit verbunden? “Making show of“ – weiter Nichts! Wenn ich ihm schreiben werde, werde ich ihm also französisch schreiben.

Ich habe Ihnen gesagt dass ich den Polyglottismus durchaus würdige; muss aber nun hinzusetzen dass er meistens – dies war auch bei Mezzofanti der Fall – von wirklich wissenschaftlichem Interesse nicht begleitet zu sein pflegt. Nun, Sie hegen ein solches; warum lenken Sie denn Ihren erstaunlichen Lerntrieb so vorwiegend auf den rohen Sprachstoff, warum, wenn Sie sich für die Zusammenhänge der Sprachen, für die Verwandtschaft der Völker interessiren, studiren Sie die Sprachen nicht in methodisch-geschichtlicher Weise? Sie denken z.B. an eine mögliche Gleichheit zwischen lat. vallis und deutschem fallen; warum verfolgen Sie nicht die Geschichte der Laute |3| und Bedeutungen durch die andern Sprachen hindurch? Mir geht es wie Ihnen, auch ich fürchte “narrowmindedness“, und desshalb habe ich mich in den letzten Jahren zum Theil recht eingehend mit Anatomie und Physiologie beschäftigt, aber immer in einem gewissen Bezug auf die allgemeine Sprachwissenschaft. Ich meine dass wenn Einer auch alle Sprachen des Erdballs erlernte, er dabei immer recht einseitig sein könnte; die wahre, die fruchtbare Vielseitigkeit beruht nicht auf der Menge des bewältigten Rohstoffs, sondern auf der Mannichfaltigkeit der angeeigneten Methoden.

Was das Baskische anlangt, so wiederhole ich Ihnen dass wir uns auf einen gewissen festen Boden stellen müssen und das kann nur geschehen, indem wir dies Verbum analysiren. Damit ist erst der Anfang gemacht worden – die grössten Schwierigkeiten sind noch zu lösen. Ich bin bei meinen Untersuchungen sehr dadurch behindert dass mir über die sog. unregelmässigen Verba keine vollständigen und zuverlässigen Paradigmen vorliegen. Das “Verbe Basque“ des Prinzen Bonaparte |4| enthält nur “haben“ und “sein“; das Übrige würde im dritten Theile gekommen sein, der nicht erschienen ist. Ich habe mich nach London gewendet um zu erfahren, was mit der Bibliothek und den Handschriften des Prinzen geworden ist, aber man hat mir darüber Nichts sagen können. Demnächst – ich reise heute auf einige Tage nach Wien zu den Akademiewahlen – werde ich mich vielleicht an Abbé Harispe mit einiger [sic] auf seine Mundart (an welchem Ort im Labourd ist er geboren und aufgewachsen?) bezüglichen Fragen wenden. Doch ich will Ihnen gleich ein Specimen meiner Neugier geben; vielleicht bereiten Sie ihn vor. Es existiren im Baskischen eine Reihe von Zeitwörtern mit der Bed. “fliessen“, “schmatzen“ u.s.w., deren Konjugation und Konstruktion in den verschiedenen Mundarten ich genau kennen möchte. Sie finden sich bei Lardizabal S. 51 f. für das Guipuzc. und App. S. 21 f. für das Biskaische.

darausquit, hablo mucho

            daratsat, hablo con furia

            darauntsat, diñotzāt me está manando

            dariot, dariozquit, -zcat me mano en palabras

            darit, se me está cayendo

Il s’agit de bien connaître la construction de ces verbes qui sont tandis impersonels tandis personels, mais avec le régime indirect (comme par exemple en biscayen: darraitzut, je vous suis propr. je vous le suis, ich folge es Euch = guip. narraiquizu).

Bestes wünschend und bestens grüssend

Ihr H. Schuchardt