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Brief (033-12)

Graz 15 Mai 92.

Lieber Herr Dodgson,

Ich danke Ihnen vielmals für Ihren langen Brief, der mir auch die Freude machte mir Nachricht von dem für mich verschollenen Dr. Priebsch zu geben. Er hat mir inzwischen geschrieben, und ich habe ihm auch heute geantwortet.

Wenn es mir nur gelänge Ihre Ohren gegen die Sirenenklänge des Gleichklangs unempfindlich zu machen! Z.B. wenn das rumänische ba Sie an das baskische ba erinnert, so müssen Sie doch bedenken dass jenes zunächst in den slawischen Sprachen vorkommt woher es das Rumänische hat; sollen aber nun die Slawen das Wort von den Basken |2| entlehnt haben, oder diese von jenen, oder von wem beide zugleich? Chal ist für chahal (so labourd.), wie kann das mit Kalb verwandt sein? Ohne genaue Kenntniss von den Normen, nach denen sich die Lautveränderungen in den einzelnen Sprachen vollziehen, lässt sich gar keine Vergleichung anstellen. Aber auch die Bedeutungsentwicklung kommt in Betracht. Haben Sie bemerkt wie sehr bask. narra, sowohl der Form als dem Sinne nach zum deutschen Narr stimmt? Ich wäre nicht abgeneigt gewesen, jenes für ein Ueberbleibsel aus der Gothenzeit zu halten (obwohl das Wort in den gothischen Sprachdenkmälern nicht vorkommt), wenn ich nicht gefunden hätte dass es gewisse andere Bedeutungen hat |3| die davon abliegen (das span. narria 1) Schleife 2) dicke Weibsperson wird aus dem Baskischen stammen). Sie werden auch bei Andern keine Zustimmung zu Ihren Vergleichungen finden, es müssten denn solche sein, wie der Oberförster Schwerdtfeger den Sie ja selbst nicht anzuerkennen geneigt sind. Verzeihen Sie wenn mein Interesse sowohl für das Baskische als für Sie mich veranlasst mit franqueza castellana zu Ihnen zu reden. Sie beherrschen jetzt das Baskische in einem solchen Umfang, Sie sind im Besitze solcher litterarischen Hülfsmittel, und solcher persönlichen Beziehungen dass Sie auf diesem |4| Gebiete sehr Erspriessliches zu leisten vermögen. Warum zersplittern Sie nun Ihre Thätigkeit so? Warum lassen Sie nicht, wenigstens für einige Zeit, die andern Sprachen ruhen? Woher z.B. die Lust von der Sie mir neulich sprachen, das Litauische an Ort und Stelle zu studiren und eine Grammatik desselben zu verfassen? Wir haben ja genug und treffliche Arbeiten darüber. Denken Sie an das italienische Sprichwort: Chi troppo abbraccia poco stringe. Bleiben Sie vorderhand beim Baskischen, und widmen Sie ihm ihre ganze Kraft. Und schreiben Sie nicht in zu viel verschiedene Zeitungen und Zeitschriften; wie kann man denn in Galignani Messenger etwas Baskisches vermuthen? Und dazu werden die Sachen immer mit einer Menge Druckfehler abgedruckt. Sie haben ja eine |5| Reihe von Aufgaben vor sich zu denen Sie sehr befähigt sind und deren Lösung alle Baskophilen befriedigen würde. Es würden sich auch schon Mittel und Wege finden die Neuausgaben älterer Schriftsteller zu ermöglichen. Sie geben ja doch wie es scheint, verhältnissmässig viel für Kuriositäten aus. Solche üben auf mich gar keinen Reiz aus; ich rechne z.B. dahin die Veröffentlichung von F.X. Simonet der mir schon vor Jahr und Tag davon schrieb. Was ist denn aus dieser recht theuern Schrift, für das Baskische, zu lernen? Ich beschäftige mich jetzt hauptsächlich mit dem Studium des baskischen Verbums; wieviel ist hier noch zu erklären! Dabei fehlt |6| es mir an manchen nothwendigen Vorarbeiten; hätte ich nur z.B. eine Uebersicht aller bei Axular vorkommenden Formen!

Doch hierüber liesse sich allzuviel sagen, und was nützte das so lange ich Sie in allem Prinzipiellen nicht zu überzeugen vermag?

Mit herzlichem Grusse

Ihr ergebenster

Hugo Schuchardt