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Brief (027-09)

Riva, Hôtel du Lac, 10 April 1892.

Lieber Herr Dodgson,

Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen dass Sie mir, trotz meinem langen Schweigen, so rasch und ausführlich geschrieben und Ihren Brief mit so interessanten Drucken begleitet haben. Ich kann auch für die Zukunft keine regelmässigere Korrespondenz geloben, da meine Gesundheit mir von Zeit zu Zeit durch alle meine Rechnungen Striche macht. Wenn ich jetzt nur einige Wochen bei leidlicher Kraft bleibe, werde ich eine längere Arbeit über das Baskische, deren Stoff ich schon seit Jahren beisammen habe, druckfertig stellen.

Ich bedauere dass Ihr Nachtrag zu Vinson nicht anderswo und besser gedruckt ist als in der Unión v.-n. Warum senden Sie nicht etwa an die Revue critique eine ausführliche Besprechung des Werkes ein. Abgesehen von dem Alcate-Berriya fehlen noch ein paar andere Stücke Marcelino Soroas bei Vinson. Was aber den Abschnitt in Gröbers Grundriss (von Gerland) und meine Romano-baskisches anlangt, so brauchte, seinem Prinzip zufolge, Vinson diese Schriften, da sie nicht als Separatdrucke er|2|schienen sind, nicht zu berücksichtigen. Wohl aber z. B. meine über vier Seiten lange Besprechung von Gerlands Abhandlung, da davon ein Separatdruck veranstaltet worden ist. – Die Ausgabe des Katechismus Guiristinoen doctrina usw. von 1731, deren Existenz Vinson in Zweifel zieht, besitze ich.

Vielleicht wäre es am Besten wenn man wie das z. B. mit romanischen Büchern in so grossem Umfange – auch in Deutschland – geschehen ist, die ältesten baskischen Bücher in einer Serie abdruckte. Sollte dafür nicht die Unterstützung etwa der franz. Akademie zu gewinnen sein? Wenn ich Pfingsten zu den Akademiewahlen nach Wien gehe (ich bin seit vorigem Jahre wirkliches Mitglied), so will ich einmal hören ob man dort vielleicht dem Plane einer baskischen Bibliothek nicht abgeneigt ist. Wenigstens sollten wir endlich einmal das N. T. Leiçarragas vollständig bekommen.

Dass Inchauspe noch im Baskischen thätig ist – wenn auch nur auf fremde Anregung hin – freut mich; es ist schade dass die Accente in Ihrem Drucke weggelassen sind. Wo lebt denn van Eys? Geht es leidlich mit seiner Gesundheit und hat er Neues vor? Ich gestehe, dass ich, ohne den grossen Nutzen läugnen wollen welchen |3| er der Baskologie geleistet hat, doch, wo es sich um laut- und formgeschichtliche Aufstellungen handelt, öfter von ihm abweiche als mit ihm übereinstimme. –

Die Grammatik von Azcue hatte ich mir schon von Graz aus bestellen wollen, bemerkte aber dann dass wir noch immer aus Oestreich keine Postanweisungen nach Spanien schicken können. So werde ich sie denn von Gotha aus bestellen. Der eben angeführte Umstand erschwert mir die Erlangung baskischer Bücher aus Spanien sehr. Wenn Sie Doubletten haben oder überhaupt baskischen Büchern begegnen sollten, auf welche Sie selbst nicht reflektiren, so stelle ich mich Ihnen als Abnehmer vor.

Alles Gedruckte hat freilich für den Sprachforscher einen grossen Uebelstand; es werden da die Wörter und Wortformen ganz verschiedener Mundarten durcheinander gemischt. Ich habe Goyhetches Fabeln mit auf die Reise genommen; wie fliesst da Guipuzkoasches und Niedernavarrasches in das Labourdische hinein!

|4| Was consul u.s.w. anlangt, so müssen Sie bedenken dass die romanischen Sprachen keine volksthümliche Form davon aufweisen, sondern nur eine gelehrte oder halbgelehrte. Vergleichen Sie das volksthümliche peser > pensare mit dem gelehrten penser > pensare (auch panser ist dasselbe Wort), das freilich nun schon längst, dem Gebrauche nach, durchaus volksthümlich ist.

Bis zum 1 Mai ist meine Adresse: Gotha, Grosse Siebleberstrasse 33.

Herzlich grüssend

Ihr

H Schuchardt