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Brief (08-06426)

Leipzig, 16. Januar 1897
Stephanstr. 10III

Lieber Freund.

Wenn der Herr Chachanow1 sich in Leipzig zur Promotion melden sollte, so wird mir das keinen Schrecken erregen. So lange die Einrichtung der Promotion in absentia noch besteht, kann man niemand wehren sie zu benutzen, und wenn der Mann praestanda prästiert, werde ich seine Promotion befürworten, freilich auch wieder auf Ihr Urtheil recurrieren, wobei ich ja hinzufügen kann, daß sie mit der Bewerbung nichts zu thun und sie nicht veranlaßt haben.

Ihren Gruß werde ich Böhtlingk morgen ausrichten; er ist höchst munter und freut sich der neuen viel hübscheren Wohnung, die er Neujahr bezogen hat (Hospitalstr. 25II, damit Sie die Adresse wissen). Es ist fabelhaft, was er mit seinen 82 Jahren noch leisten kann: vorgestern abend haben wir zusammen noch zwei Flaschen Rothwein geleert und er trug mir dabei seine neuesten Arbeitspläne vor.

Mit meinen albano-bulgarischen Studien steht es nicht zum besten: ich habe seit Anfang des Wintersemesters alles liegen lassen müssen: erst mußte ich einem theologischen Collegen zu Liebe eine lange Abhandlung über die slavischen Bibelübersetzungen2 schreiben; dann habe ich mir einige populäre Vorträge, im Kaufmännischen Verein3 und sonst, aufhalsen lassen, die mich auch Zeit kosten. So muß ich mich auf die Osterferien vertrösten.

Wenn Sie in den Ferien nach Leipzig kommen, so rechne ich bestimmt darauf, daß Sie nicht so durchflitschen, sondern mir und Böhtlingk einmal eine ausgiebige Zeit widmen.

Wenn Sie Meyer sehen, sagen Sie ihm doch (vielleicht weiß er es auch schon), daß bei Шапкаревъ, Сборникъ отъ български народни умотворения. Heft 9 (in den neunziger Jahren erschienen),4 6 albanesische Erzählungen aus dem Munde von Albanesen aus Monastir publiciert sind, in bulgarischer Orthographie. Wenn er sie nicht kennt und Interesse daran hat, bin ich gern bereit, ihm den Text abzuschreiben.

Mit bestem Gruß, dem sich die
Meinigen anschließen
Ihr

Leskien


[1] Gemeint ist der georgische Historiker und Philologe Aleksander Salomonovich Khakhanov, georgisch Khakhanaschwili (1864 o. 1866-1912). Im Nachlass Schuchardts ist nur ein Brief von Khakhanov erhalten (datum des Poststempels in Graz: 19.12.1902), im georgischen Nationalzentrum für Handschriften (pers. K. von Sophie Mujiri) liegen hingegen elf Briefe von Schuchardt an Khakhanaschwili vor. Aus diesen geht hervor, dass Khakhanov sich offenbar auch nach Möglichkeiten einer Promotion in absentia an der Universität Leipzig erkundigt hatte. Wie das Verfahren ausgegangen ist, wird in den Briefen nicht thematisiert. Der Briefwechsel ist derzeit in Bearbeitung.

[2] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 90, FN): "Der Leipziger Theologe und Prof. für Kirchengeschichte an der Universität D. Albert Hauck (1845-1918) war Herausgeber der 'Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche'. Im Band 3, Leipzig 1897, erschienen die von A. Leskien übernommenen Stichwortartikel zu den slavischen sowie auch litauischen und lettischen Bibelübersetzungen (S. 151-167 und 113-115)" (vgl. Leskien 1897a und 1897b).

[3] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 90, FN): "Im Leipziger Kaufmännischen Verein fanden regelmäßig wissenschaftliche Vorträge statt. Für A. Leskiens Ansehen spricht die Einladung zu mehreren Vorträgen in diesem Kreis zwischen 1890 und 1898 über die slawischen Völker und Länder. Im Frühjahr 1897 hielt er einen Vortrag über 'Der Panslavismus und die Wiederbelebung der slavischen Nationalitäten im 19. Jahrhundert'".

[4] Vgl. Eichler & Schröter (1986: 90, FN): "Vgl. [Šapkarev 1892]. Es handelt sich um 6 albanische, in kyrillischer Schrift wiedergegebene und mit bulgarischer Übersetzung versehene Texte aus Krusovo (Gegend um Bitola, Makedonien), aufgezeichnet aus dem Munde einer Albanerin".