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Brief (54-s.n.)

Graz, 15 Okt. 1904.

Hochverehrte Frau,

Die Spindel trägt einen langen Faden, er wird auf der Garnhaspel zu Strähnen aufgewickelt und die Strähne wiederum von der Garnwinde aus zum Knäuel. So knüpft sich denn an die Spindel die mir einst durch Ihre Güte in Wort, Bild und Körper zukam, nun die Haspel und die Winde an.

Verzeihen Sie diese Präambel mit der ich einen neuen Angriff auf Ihr Wissen und Wollen zu beschönigen dachte. Die Sache ist, unbildlich gesprochen, diese. Mein alter Freund Mussafia feiert demnächst seinen siebzigsten Geburtstag. Obwohl ich bisher – in Folge meiner natürlichen Schwächen – mit meinen Huldigungsabsichten immer verunglückt bin, hoffe ich doch diesmal eine solche zu verwirklichen. Schon seit längerer Zeit hatte ich mir zweierlei vorge­nommen: erstens M. solle eine ganz kleine, aber mit Bildchen geschmückte Widmung erhalten und zweitens, es sollte darin wenig de mon cru vorkommen, ich wollte vielmehr Dinge die Mussafia selbst vorgebracht hat, ans Licht ziehen und im eigentlichen wie uneigentlichen Sinne illustrieren. Ich halte seinen Beitrag z. K.d.n.Mdd.1 für seine bedeutendste Arbeit, jedenfalls liegt sie mir am nächsten, und ist mir durch meine letzten etymologischen Interessen wiederum besonders nahe gerückt worden. Ich konnte aber für meine augen­blicklichen Zwecke lange nichts Passendes darin finden; endlich in diesen Tagen bemerkte ich dass mit der Anmerkung 1 auf S. 46 (des Sonderabdrucks) über Garnhaspel und winde sich etwas anfangen lasse, und so habe ich sie zur pièce de résistance der mir vorschwebenden (und hoffentlich nicht wieder in die Luft zerrinnenden) Festschriftchens erkoren. Nun schreibe ich an ein paar Personen, von denen ich vielleicht irgend etwas Bildreiches oder doch eine sachliche Auskunft erhalten kann, und zu allererst an Sie, die auch als Frau über solche Dinge Bescheid weiss als ein Mann. Die Dinge selbst sind ja meistens jetzt unserem Anblick entrückt; ich muss sie aus meinen Erinnerungen hervorsuchen, und es fällt mir ein dass schon während meiner jungen Jahre mich der zeitweilige Mangel der Garnwinde zu kränken vermochte, indem ich nämlich ihren Platz einehmen musste. Es käme nun darauf an zu wissen ob bei Ihnen sich irgend etwas Besonderes in diesem technischen Zweig findet. Die italienischen Verhältnisse sind mir am klarsten. Da wird zunächst zwischen aspo und arcolajo scharf geschieden. Von jemen gibt es eine einfach Art2 die mich weiter nicht interessiert und eine drehbare, sei es mit einem Kreuz3, sei es mit zwei durch Stäbe verbundenen Kreuzen4, wobei entweder die Achse (……) wirklich durchläuft oder nur an dem einen Kreuz selbst als Fortsetzung der Kurbel besteht. Die Kreuze können auch von verschiedener Grösse sein, damit sich die Strähnen leichter (nach dem kleinen Kreuze zu) abstreifen lassen.5 Die Garnwinde ist in der einen Gestalt überall verbreitet (oder war es):6; es sind da auch nicht viele Modifikaitonen möglich; der Napf welcher den senkrechten Stab krönt, zur Aufnahme des Knäuels, ist vielleicht nicht überall vorhanden. Nun kenne ich aber aus Italien noch eine zweite Garnwinde, eine Mittelform, wichtig wie alle Mittelformen und auch deshalb weil sie die mehrfach vorkommende Bezeichnung "Schlösschen" erklärt. Es ist die senkrecht gestellte Haspel mit ungleichen Kreuzen, nur dass in den Speichen noch die Felgen hinzugefügt sind und also ein völliges Rad entstanden ist. Das untere Kreuz hat vier kurze Vorsprünge, damit die Strähne nicht herabrutscht.7 Ob der senkrechte Stab vielleicht eine Achse bildet um den sich die Winde dreht – das anzunehmen ist ja das Natürliche – oder ob etwa die Strähne sich bewegt, weiss ich nicht; der genuasche Ausdruck ghìndao fisso lässt mich an letzteres denken vielleicht aber bezieht sich dieser Gegensatz (zum guíndolo pieghevole) auf die unveränderlichen Winkel welche die Stäbchen zur Achse bilden, kurz gesagt, jene Winde ist nicht regenschirmartig.

Wenn Sie nun hierüber irgend etwas weiteres Portugal Betreffendes mir zu sagen und vielleicht sogar ein für einen hiesigen Zeichner verwendbares Bildlein hinzuzufügen fähig und willig wären, so würde ich Ihnen ausserordentlich dankbar sein. Ich glaube wenn es sich nur um mich allein, ich meine nur um meine eigensten wissenschaftlichen Interessen handelte, ich hätte kaum den Mut gehabt, Sie wiederum zu belästigen. Diesmal ist wirklich Mussafia8 daran schuld; ich bin mit Netzen und Spindeln zufrieden und hätte von selbst schwerlich meine Aufmerksamkeit auf Haspeln und Winden gerichtet. Übrigens fällt mir dabei ein dass sie überall herrschende Verwirrung in Bezug auf beide Dinge auch dem Wtb. Ihres Fräulein Schwester nicht fremd ist; es hat dobadoura, Haspel neben Garnwinde und sarilho (ist dessen Etymologie festgestellt?) Garnwinde neben Haspel. Oder besteht etwa nur ein Gerät für beide Funktionen? Auch bei den Franzosen sollte man nur eines vermuten, insofern sie nur (in der Schriftsprache) ein Wort haben: dévidoir. Eine vollständige Synonymität der beiden Ausdrücke ist mir doch unwahrscheinlich.

Ich werde auch an Leite de Vasconcellos schreiben; vielleicht dass er in seinem Museum einen Feuerbock hat, der das von Mussafia angeführte span. morillos erläuterte.9

Ich beglückwünsche Sie zum Schluss, aber deshalb nicht nebenbei, aufrichtigst zur Vermählung Ihres Einzigen (wird er dauernd in Berlin leben?); Sie sind doch von der "Hochzeitsreise" längst zurück. Über guarvaya habe ich nachgedacht, aber noch nicht mit Erfolg; ich pflege nur die Hasen zu treffen die dicht vor mir vorüberlaufen.

In treuer Verehrung

Ihr ergebenster HSchuchardt


[1] A. Mussafia (1873).

[2] Zeichnung s. Scan

[3] Zeichnung s. Scan

[4] Zeichnung s. Scan

[5] Zeichnung s. Scan

[6] Zeichnung s. Scan

[7] Zeichnung s. Scan

[8] Schuchardt erhebt und verwendete diese Details für seine Mussafia Festschrift (HS 1905, Brevier/Archiv Nr. 480).

[9] In der aufwendigen Festschrift für Mussafia dankt er Leite für diese Hilfestellung beim Feuerbock.