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Brief (48-s.n.)

Graz 7 Aug 00

Hochverehrte Frau

Ich danke Ihnen aufrichtigst und wärmstens für Ihre immer liebenswürdigen und sachgetränkten Brief der mir gute Dienste leisten wir. Dem betreffenden Aufsatz, der im Stoffe so gut wie fertig ist, gedenke ich erst nach meiner Rückkehr von Herkulesbad die nöthige Form zu geben. [Übrigens bin ich jetzt, auf mein Verlangen, pensioniert, habe also völlig freie Zeit]. Die gezähnte Sichel ist ich wie ich nun sehe, auf romanischem Boden fast das Herrschende, wenigstens das ursprünglich Vertretene. Die römischen Zahlen Ihres Briefes scheinen auf Sichelumrisse zu deuten; aber diese liegen nicht bei, ich gestehe, sie wären mir sehr erwünscht gewesen. Was die lebende Sichel anlangt, so möchte ich nicht die Erfahrungen wieder durchmachen, die ich eben mir einer in Paris für mich erliegenden bretonischen Sichel durchgemacht habe – alle Welt erbot sich mir zur Vermittlung derselben, bebte aber im letzten Augenblick vor dem gezähnten Ungethüm zurück.

Leite de Vasconcellos war zwei Tage hier;1 ich habe mich seines Besuches sehr gefreut, aber ich weiss nicht ob er von mir einen guten Eindruck bekommen hat. Er sagte mir zu wiederholten Malen, er habe mich sich ganz anders vorgestellt. So waren zwei schwüle, gewitterhafte Tage und wir mussten sie grossentheils im Zimmer verbringen. An heissen, schönen Tagen und in der freien Natur bin ich allerdings ein etwas andrer Mensch. Auch er war etwas melancholisch, abgemattet und überarbeitet, dazu mit grossem Heimweh, sodass ich ihm nicht zugeredet habe länger zu bleiben, besonders da ihm die Hôtels ganz schrecklich geworden waren.

Ich habe Ihnen eine kleine Jugendsünde von mir geschickt, um deren nachsichtige Betrachtung ich bitte – falls Ihnen überhaupt die Broschüre nach Vizella nachgeschickt worden ist.2

Innere und äussere Erquickung von ganzem Herzen wünschend

in Dankbarkeit und Verehrung

Ihr ganz ergebener Hugo Schuchardt


[1] Vgl. dazu Castro & Rodrigues-Moura (2003).

[2] Leider nicht zu eruieren.