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Brief (44-s.n.)

Graz 30 Dez 99

Hochverehrte Frau,

Ich habe lange Nichts von mir hören lassen; ich habe aber oft an Sie gedacht, das heisst ich bin Ihretwegen sehr in Sorge gewesen. Die Epidemie ist ja wohl jetzt noch nicht ganz erloschen; wenigstens las ich von der Erkrankung eines aus Oporto Kommenden an der Pest.

In den allernächsten Tagen werde ich Ihnen endlich meine Roman. Etym. II1 zusenden können. Sie werden daraus ersehen dass mein Interesse für die romanische Ethnographie stark gewachsen ist, und ich füge hinzu dass ich in der That meine schwachen Kräfte ihr jetzt zum grössten Theil widmen möchte (den baskischen und kaukasischen Sprachstudien Einiges vorbehaltend). Auf romanischem Boden als Linguist zu arbeiten ist jetzt gar zu mühselig, und trägt keine entsprechenden Früchte. Ich spreche von meiner Person, nicht von Andern.

Ich erflehe nun Ihren Beistand für meine ethnographischen Absichten, soweit Portugal dabei ins Spiel kommt. Hätten Sie nämlich die Güte mich auf dort erschienene Werke mit guten Abbildungen aufmerksam zu machen, welche ethnographische Gegenstände behandeln (auch die Prähistorie beschäftigt mich jetzt)?2 Zwar hat J. Leite de V. in seinem Aufsatz über das Museu Ethn. Port.3 wohl die ganze Litteratur (bis 1895) angegeben; aber was davon wirklich sich empfiehlt, kann ich doch nicht immer mit Sicherheit entnehmen.

In Bezug auf das Fischbuch erlaube ich mir Ihnen einen Vorschlag zu machen. Ich hatte, weil ich insbesondere meine Fischereistudien fortzusetzen gedenke, mir das Buch aus Lissabon kommen lassen und Ihnen Ihr Exemplar zurückstellen wollen. Dann aber kam mir bei, es liesse sich dies chassé-croisé, ohne Schaden für Sie durch einen einfachen Vorgang ersetzen. Würden Sie die Gnade haben den Ladenpreis (den ich übrigens am Buch selbst nicht angegeben finde) oder ein Aequivalent von mir anzunehmen? *) Wo nicht, so werde ich Ihnen das Buch (das schon auf der Herreise durch die Zweitheilung etwas gelitten hat) sofort zurückschicken; jedenfalls bitte ich wegen der ausserordentlichen Verlängerung seiner Grazer Sommerfrische um Verzeihung. Bitte, machen Sie mir keine grossmüthigen Angebote; als Junggeselle kann ich mir solche Erwerbungen und noch ganz andere ohne Weiters gestatten.–

Die Revista Lusitana Bd. IV und V habe ich mir eben bestellt, direkt; R. Severos Portugalia werde ich durch Welter beziehen.4

Mit den wärmsten Wünschen für Sie und die Ihrigen, nicht bloss gelegentlich dieser "Wende", sondern zu allen Zeiten

Ihr dankbar und aufrichtig ergebener HSchuchardt

*) ich würde Ihnen angeben, wo Sie Bleistiftstriche gemacht oder gar ein Wort hinzugesetzt haben.


[1] HS (1899); Brevier/Archiv Nr. 335.

[2] Randanfügung CMdV: Leite.

[3] Leite de Vasconcelos (1895).

[4] Severo (1903); von dieser Zeitschrift erschien nur ein Jahrgang.