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Brief (37-s.n.)

Graz 20 Nov. 98.

Hochverehrte Frau,

Zwar nehme ich an dass es Ihnen gar keine Mühe kostet ein so reiches Füllhorn auf mich auszuschütten; immerhin fühle ich mich beschämt, nehme mir vor Sie nicht wieder zu belästigen – denn ich wäre vorkommenden Falles einer entsprechenden Gegenleistung nicht fähig.

Ihr liebenswürdiger und höchst belehrender Brief sowie die beiden sehr willkommenen Spindeln1 trafen mich als "Gretchen am Spinnrad". Ich hatte nämlich, in Folge meiner Spindelnachforschungen aus slawischen Landen ein alterthümliches Spinnrad erhalten und suchte nun zunächst mich mit der in der Gabel befindlichen Spindel vertraut zu machen. Aber ich sehe schon ich muss doch einmal von einer Italienerin mir mit der Handspindel etwas vorspinnen lassen, um ins Klare zu kommen; com fusos bin ich bis jetzt noch confuso. Wenn die Spindel in beständiger Drehung langsam zur Erde sinkt, so kann sich doch der Faden nicht auf ihr aufwinden; er muss oben in einer lockern Masche befestigt sein – dazu kann aber wiederum eine spiralförmige Einkerbung nicht dienen. Oder aber die Spindel bleibt in gleicher Höhe – von einer süditalienischen mit einem Haken wurde mir von Augenzeugen mitgetheilt dass sie auf dem Schosse gedreht wurde. Also es handelt sich um zwei verschiedene Funktionen, die eine verschiedene Form des obern Spindeltheiles zu bedingen scheinen. Das finde ich auch in den Angaben des Wörterbuches angedeutet, und ebenso in den Worten die mir ein Baske hierüber schreibt: "Le mécanisme que j'ai vu constamment employer pour retenir le fil au fuseau est la thie? (metallener Aufsatz); mais il est une opération secondaire que l'on fait avec le fuseau sans quenouille, une fois que lui a été filé et l'on se sert alors d'un crochet." Ich verstehe insbesondere nicht dass von dem Haken oder der Kerbe öfter wie von einer Einrichtung die Rede ist die die Drehung des Fadens begünstigen, sein Abgleiten verhindern solle. Ohne dergleichen könnte ja der Faden überhaupt nicht auf der Spindel bleiben. Aber ich will nicht fortfahren Sie mit meinen Zweifeln und Dunkelheiten zu quälen, umso mehr als ich hoffe hier an Ort und Stelle die Mittel zu meiner Erleuchtung zu finden. Nur eines noch. So viel ich sehe, setzen Sie die Spindelkerbe dem Wirtel gleich; aber während jene oben an der Spindel, so befindet sich dieser am untern Theil derselben (it. frullo, franz. peson usw.). Im Wörterbuch Ihrer Schwester ist mainça, mannça allerdings mit "Wirtel" wiedergegeben aber Cuveiro Piñol hat maizo = muesca espiral que se hace en la sonata del nuso." Ich finde noch gastão als "Wirtel", das ist doch dasselbe wie Ihr castão "unterer Spindeltheil"?2

Ich würde mich sehr gefreut haben Ihren Sprössling kennen zu lernen, wenn er auch von mir kaum viel gelernt hätte. Ich bin mit meinen Nerven immer unzufrieden gewesen, aber jetzt befinde ich mich nun schon seit geraumer Zeit in einem Zustande der Erschöpfung in welchem ich den Anforderungen des Berufes nicht mehr genügen kann. Ich wünsche dass sich Ihr Gatte von seinem Leiden thunlichst erhole und die Zeit finde Hand an Ihr Etymologicum magnum zu legen. Eine so günstige Vereinigung der hierzu erforderlichen Eigenschaften findet sich kaum je wieder, wie in Ihnen, der deutschen Portugiesin. – Nehmen Sie meinen allerherzlichsten Dank für alle Ihre Freundlichkeiten (die Bauerfrau mit den schönen Runzeln inbegriffen) und seien Sie nachsichtig betreffs eines Briefes der in jeder Beziehung so von dem Ihrigen absticht (ich meine natürlich ungünstig).

In grösster Verehrung und Sympathie

Ihr ganz ergebener Hugo Schuchardt


[1] Carolina Michaëlis De Vasconcellos hatte Ihrem Schreiben vom 10. November 1898 (36-7333) zwei Spindeln beigelegt, die sich in der im Österreichischen Museum für Volkskunde aufbewahrten Sammlung Schuchardts befinden. Die beiden Spindeln tragen die Inventarnummern ÖMV/63.423 und ÖMV/63.428. Unter Umständen stammt auch die hier nicht erwähnte Spindel mit der Inventarnummer ÖMV/63.425 von Carolina Michaëlis De Vasconcellos.

[2] Zeichnung s. Scan