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Brief (28-s.n.)

Graz, 11 Jänner 92

Hochverehrte Frau,

Ihre liebenswürdigen Zeilen, für die ich Ihnen vielmals danke, treffen mich beim "port. Infinitiv";1 ich habe diesen Gegenstand wieder aufgenommen, weiss aber wirklich nicht ob ich auch nur einen kurzen Bericht fertig bekomme – ich bin jetzt immer so duselig, mag das nun die Folge meiner ewigen Neurasthenie, oder einer schleichenden Influenza sein.

Ich will Ihnen nun – behufs gelegentlicher Berücksichtigung – die Punkte darlegen über welche mir Auskunft erwünscht wäre.

I. Weihnachtslieder. J. de Leite V. hat mir nun doch vor kurzem geantwortet, weiss mir aber darüber so gut wie Nichts zu melden. Ich schreibe Ihnen die Anfänge der kreolisirten Lieder ab, und zwar in der Schreibung in der sie mir geschickt worden sind - aus Bequemlichkeit, obwohl auch mir nicht Alles klar ist:

1

Nacen Estrella dawa de manja selver

Recordam Pastore vamus at Belem

Vamus tudus juntum vamus Abelem

Wejita Maria Deus Filiu oqutem...

2

Recordemos todos vamus Abelem

Parawer Menino de nosa nasses

Fermozo Menino que mais paraser

Melindroza corpu Nalapa padiser...

3

Menino fermozo como padiser

Que esta nise lapa freu etirme

Fuzio meu Menino diseboij eque bem

Trapay nos pukoso de santo Joseph...

4

Aij som des tambor, Ayle

Saijam todo atizero meu bem, meu beta

Com wij ola Ecompandero Jesus in Jesus

Do mea bom Jesus lavore Aijle ...

5

Tanz: Es treten auf nacheinander

Pintor, Pidagu (Fidalgo) Dottor, Pilotei, Soldadu

Oririus, Piscador, Djugador, Grandi Duku, Grandi

Prispi, Maskador (Mercador). Sie richten an die Princessin ihre Werbungen, die schliesslich einen von ihnen zum Manu wählt z.B.

Pintor:

Een Sinora sau pintor

Keng major naun pode asa

Sike migur kije kaja

Aboa wentura ngaunande parta

Maskador

Eeu sinjora so Maskador

Testogo muli djodja, perawo djodja

Siku migur kije kaja

Dinjeru paradjend a ngaunande parta.

6. Lied in 16 Strophen, welches auf die Körpertheile des Heilands sich bezieht

1. Senjor de Monte Clavario…

2. Vosso devinjo cabessa…

3. Vosso devinjo cabello…

4. Vosso devinjo olhar…

u.s.w.

II. Romanzen. Ich habe unter den Malaien die vom Grafen Alarcos entdeckt; von dieser sind mir an port. Fassungen bekannt: Braga Rom ger. S. 68. 71 Cant. açor. S. 259. Roméro Cant. braz. I, 11. II, 162. Azevedo Rom. da Madeira S. 127.135., und die galiz. Romania VI, 68. Kennen Sie andere? Die Sammlung von Estacio da Veiga Rom do Algarve, welche Sie anführen, ist mir nicht zur Hand; wann und wo ist sie denn erschienen? – Haben Sie irgend eine Ahnung wohin die Romanzenbruchstücke die ich in der auch Ihnen gesandten Abhandlung über das Tugusche2 S. 24 veröffentlicht habe, gehören?

III. Lyrisches. Die kreolischen Vierzeiler sind meistens nicht in 8, sondern in 6-silbern, so:

En more na matu

Vosse na sidade

Per este musinha

Ningen teng piedade

Ich habe zwar in der spanischen und portugiesischen Volksdichtung genug Beispiele solcher Sechssilber gefunden aber doch nicht so viele dass sie mir erklärten wie im ganzen portugiesischen Asien diese Versart die volksthüm­liche geworden ist. Wissen Sie Rath?3

Gelegentlich Ihrer allgemeinen Bemerkungen über port. Syntax fällt mir ein: ist die Verschmelzung des Artikels eines vom Infinitiv abhängigen Substantivs mit der diesen Infitiv regierenden Präposition wie sie in den mittelalterlichen Sprachen so gewöhnlich ist schon für das heutige Portugiesische wo sie auch vorkommt (por falta do governo adoptar uma medida energica), irgendwo bemerkt worden?4 – Verzeihen Sie, ich hätte Ihnen gern, wenn nicht mehr, doch besser geschrieben; aber ich fühle heute eine solche Schwere im Kopf dass ich kaum so viel zu Stande bekomme.

Mit hochachtungsvollstem Grusse
Ihr ganz ergebener
HSchuchardt.

Graz, Elisabethstr.6.


[1] CMdV hatte 1891 eine Arbeit zum portugiesischen Infinitiv veröffentlicht (CMdV 1891), die HS im darauffolgenden Jahr im Literaturblatt (HS 1892; Brevier/Archiv Nr. 260) kritsch bespricht und erweitert. Caroline scheint von der Rezension nicht recht begeistert gewesen zu sein; s.u. spätere Briefe.

[2] HS (1890) Kreolische Studien IX: Ueber das Malaioportugiesische von Batavia und Tugu, eine der zentralen und über 250 Seiten lange Arbeiten von HS zum Kreolischen; Brevier/Archiv Nr. 232.

[3] Zusatz CMdV mit Bleistift: "Sie waren gerade im 16s Mode."

[4] An dieser Passage erkennt man, daß der Zugang Schuchardts zu einem Problem wie dem des portugiesischen Infinitivs ein genuin linguistischer war. Solche Erklärungen waren Caroline, die sich zumeist mit historischer Ableitung begnügt, eher fremd. Diese Diskrepanz zeigt sich auch in Schuchardts Rezension von ihrem portugiesischen Infinitiv.