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Brief (18-12538)


München, 10. Nov.19[1]

Leopoldstr. 87 II

Hochverehrter u. lieber Herr Hofrat,

Durch Frau Hofrat Goldschmied[2] u. durch den kleinen Herbert Steiner[3] höre ich, daß Sie sich für mein Tun u. Lassen so freundlich u. lebhaft interessieren. Da will ich Ihnen nun eigenhändig die Nachricht bringen, daß ich soeben den Ruf nach Berlin abgelehnt habe. Man hat mir hier so viel Entgegenkommen u. Freundschaft gezeigt, daß es ein Unrecht gewesen wäre zu gehen. Ich bekomme im nächsten Sommer ein planmäßiges Extraordinariat der roman. Philologie zu meiner Entlastung bei der Ausbildung der Lehramtskandidaten u. kann nun wieder mehr zum Italienischen zurückkehren u. mich auch sprachphilosophisch noch wilder austoben. Ich kann einen verdienten jungen Gelehrten ins Brot setzen: Lerch[4] oder, wenn man mir diesen nach Cöln wegholen sollte, |2| Spitzer[5] in Amt u. Würde bringen; ich habe auch die Zusage bekommen, daß man für Mittellatein in einem der nächsten Staatshaushalte wieder sorgen werde: u. daraufhin habe ich gerne Einiges von den größeren Einnahmen und Ehren, mit denen man mich in Berlin hat locken wollen, schwimmen lassen. Für meine italienischen Verbindungen ist München ohnedem der günstigere Platz, u. die besten meiner italienischen Freunde, Croce vor Allen, dann aber auch Torraca,[6] De Lollis,[7] Gentile,[8] Farinelli[9] u. verschiedene Jüngere haben in so herzlicher, in so schonender u. feiner Art mir die Hand als Erste wieder angeboten, daß ich das Gefühl habe: man ist sich menschlich noch näher gerückt als man früher stand. Ich weiß nicht, ob Sie die Pagine sulla guerra kennen, die Croce während des Krieges gelegentlich veröffentlicht u. jetzt bei Ricciardi in Neapel in einem Sammelband hat erscheinen lassen.[10] Da spricht doch überall |3| eine klare Vernunft, ein anständiges Vaterlandsgefühl, eine seltene Zivilcourage gegen Chauvinismus u. ein warmes Herz. – Mit den französischen Kollegen bin ich fertig u. glaube auch nicht, daß Einer von ihnen wieder Annäherungsversuche macht, wenigstens bei mir nicht, der ich zu den 93 Sündenböcken gehöre;[11] aber aus Italien bekomme ich halbe Bibliotheken privatissima u. gratis geschickt u. lasse mich hätscheln von diesen braven Leutchen wie ein Kranker, den man aus Versehen vergiftet hat.

Wie geht es nun aber Ihnen? Hoffentlich wird der Winter Ihnen milde sein. Herbert Steiner hat mir schriftlich von Ihnen erzählt. Wenn nur der gute u. zweifellos begabte Junge mehr Energie hätte. Ich fürchte noch immer, er bleibt mir stecken, mit dem schönen Doktor-Thema, das ich ihm gegeben habe. Aber wenn Er's nicht macht, so setze ich ihm einen Andern auf die Fersen, der's ihm abjagen wird, denn es liegt |4| mir viel daran, daß es gemacht wird, d.h. daß die Methoden u. sprachphilosophischen Voraussetzungen, mit denen Sie im Laufe langer Jahre der Sprachwissenschaft so reiche und wertvolle Ergebnisse geschenkt haben, klar herausgearbeitet u. in eine Übersicht gebracht werden, die durch sich selbst spricht u. sich, das bin ich überzeugt, als eines der wichtigsten Kapitel in der sprachwiss. Forschungsgeschichte herausstellen wird.[12]

Mit den herzlichsten Wünschen

in aufrichtiger Verehrung

Ihr stets ergebener

Karl Vossler.

   

[1] Die Einordnung der Briefe mit den Lfd. Nr. 18-12538 und 19-HS-KV_s.n. erfolgt nicht nach den auf den Briefen klar erkennbaren Datumsangaben, sondern in dazu umgekehrter Reihenfolge. Dies erfolgt aus inhaltlichen Bezügen, die darauf hindeuten, dass vermutlich Schuchardt bei der Datierung ein Fehler unterlaufen ist und der auf 07.11.1919 datierte Brief Schuchardts (Lfd. Nr. 19-HS_KV_s.n.) eine Reaktion auf Vosslers auf 10.11.1919 datiertes Schreiben (Lfd. Nr. 18-12538) ist. So schreibt Schuchardt z.B. von einem Brief D'Ovidios, den er während des Verfassens des Schreibens an Vossler erhalten habe, und zitiert aus diesem. Der betreffende Brief Francesco D'Ovidios aus Neapel (Bibl. Nr. 08492) ist allerdings, wie der daraus zitierende Brief Schuchardts an Vossler, auf den 07.11.1919 datiert. Auch der Dank Vosslers für Schuchardts "lieben ausführlichen Brief u. die darauf folgende Karte" in seinem Schreiben vom 14.12.1919 (Lfd. Nr. 21-12541) legt nahe, dass die Korrespondenzstücke mit den Lfd. Nr. 19-HS_KV_s.n. und 20-HS_KV_s.n. tatsächlich direkt aufeinander folgten.

[2] Angelika Goldschmiedt (1866-1827) war die Gattin des Chemikers Guido Goldschmiedt (1850-1915), deren Tochter Guida Loewi, geb. Goldschmiedt (1889-1958) mit dem Pharmakologen und späteren Nobelpreisträger Otto Loewi (1873-1961) (vgl. Engel 1987) verheiratet war. Letztere lebten wie Schuchardt in der Johann-Fux-Gasse und standen mit diesem in freundschaftlichem Kontakt. Angelika Goldschmiedt hielt sich offensichtlich Ende 1919 in München auf und äußert sich auf einer an Schuchardt adressierten Postkarte vom 31.12.1919 (Bibl. Nr. 03844) ausführlich zu den Bemühungen, die in München angestellt wurden, um Vossler dazu zu bewegen, den Ruf nach Berlin nicht anzunehmen und in München zu bleiben.

[3] Herbert Steiner (1892-1966) war ein in Österreich geborener Germanist, später u.a. Herausgeber der Zeitschrift Corona in Zürich. Im Sommer 1919 bat der Vossler-Schüler Steiner, der (auf Anregung Vosslers) zu Schuchardts Sprachphilosophie promovieren sollte – dieses Vorhaben wurde allerdings nie abgeschlossen (vgl. Schürer 2003) –, Schuchardt, ihn im Rahmen eines Grazaufenthalts aufsuchen zu dürfen (Bibl. Nr. 11236) und stand seitdem in regem Briefkontakt mit ihm, von dem die in Graz und Marbach erhaltenen, aber bislang nicht edierten Briefe der beiden Wissenschaftler zeugen.

[4] Eugen Lerch (1888-1952) promovierte (1911) und habilitierte (1913) bei Vossler und war vor seiner Berufung nach Münster (1930) ab 1920/21 als außerordentlicher Professor in München tätig (vgl. Elwert 1985). Lerch wurde zwar erst ab 1921 als Extraordinarius besoldet, Titel und Rang eines Extraordinarius wurden allerdings schon 1920 verliehen (vgl. Seidel-Vollmann 1977: 237). Ein Kontakt zwischen Lerch und Schuchardt kam erst später zustande, der erste Brief von Lerch an Schuchardt ist auf den 02.02.1922 datiert und enthält Glückwünsche zum 80. Geburtstag Schuchardts.

[5] Spitzer hatte lange Zeit keinen Lehrstuhl inne. Immerhin lag seine 1912 in Wien erfolgte Habilitation (Umhabilitierung in Bonn 1918) schon sieben Jahre zurück als Vossler den vorliegenden Brief schrieb und erst 1925 sollte er nach Marburg berufen werden (vgl. Hurch 2010).

[6] Francesco Torraca (1853-1938), italienischer Literaturwissenschaftler (vgl. http://www.treccani.it/enciclopedia/francesco-torraca/).

[7] Cesare De Lollis (1863-1928), italienischer Literaturkritiker und Romanist (vgl. Angeletti 1990), mit dem auch Schuchardt in – wenn auch sporadischem – Briefkontakt stand. Im Schuchardt-Nachlass sind drei Briefe De Lollis' aus den Jahren 1898, 1907 und 1915 erhalten.

[8] Giovanni Gentile (1875-1944) war ein italienischer Historiker und Philosoph, der in engem Kontakt mit Croce stand und sich später klar faschistisch positionierte (vgl. Sasso 2000).

[9] Arturo Farinelli (1876-1948), italienischer Literaturwissenschaftler und Romanist (vgl. Strappini 1995), der 1896 u.a. bei Schuchardt habilitierte (vgl. http://www.uibk.ac.at/
romanistik/institut/institutsgeschichte/
, sowie Lehner 1980: 52) und mit ihm ebenfalls in Briefkontakt stand.

[10] Die genannten Arbeiten Croces erschienen gesammelt beim Verleger Ricciardi (Croce 1919).

[11] Vossler zählte im September 1914 zu den Unterzeichnern des Manifests der 93, in dem sich die Signatare vorbehaltlos mit der Rolle Deutschlands im Ersten Weltkrieg einverstanden erklärten. Sie wehrten sich damit gegen die Vorwürfe der Kriegsgegner des Ersten Weltkrieges.

[12] Steiner sollte ursprünglich seine Dissertation zu Schuchardts Sprachphilosophie abfassen, was nicht realisiert wurde. Steiner promovierte schließlich 1930 (mündliche Prüfung 1925) bei Louis Gauchat in Zürich zu Chevalier de Méré (vgl. Schürer 2003).