Senden hat offenbar funktioniert, aber es wird noch ein Bestätigungsmail verschickt, sobald die Änderungen angekommen sind.
Es hat etwas nicht funktioniert. Bitte den Inhalt in Word (o.Ä.) kopieren und per Mail schicken.

Feldpostkarte (14-12536)


Osthofen, U.Els. 8.Aug.15

Sehr verehrter Herr Professor,

Mit lebhafter Teilnahme habe ich Ihre schönen Worte aus dem Herzen eines Romanisten gelesen.[1] Die Einteilung in Wort- und Sachmenschen[2] gefällt mir sehr gut. Von meinen italien. Freunden erfahre auch ich nichts mehr. Mit den besten unter ihnen: Croce u. De Lollis[3] glaube ich mich rasch wieder zu verstehen. Mit den andern hatte ich innerlich zum Teil schon vor dem Kriege gebrochen, sodaß der äußere Bruch mir nicht ganz ungelegen kommt. D'Ovidio[4] u. Rajna[5] glaube ich allmälich unter die Wortmenschen klassifizieren zu dürfen; eine aufrichtige Neigung zum deutschen Wesen haben sie wohl nie gehabt. Der Krieg hat unter anderem auch das Gute, daß er die Menschen entpuppt.

Mit herzl. Dank u. Gruß Ihr erg.

K.Vossler.

 

[1] Schuchardt bezieht in seiner hier angesprochenen Schrift Aus dem Herzen eines Romanisten (Schuchardt 1915, HSA 675) sehr persönlich Stellung zum Ersten Weltkrieg, insbesondere zu Italien.

[2] "Die Romanen sind, wenn wir auf die Triebfedern blicken, Wortmenschen, die Germanen Sachmenschen; uns gilt die Sache, jenen das Wort mehr, Wahres oder Gutes schätzen wir, auch wenn es in Lumpen gekleidet ist, jene Gold oder Purpur, auch wenn es Nichtiges oder nichts umhüllt" (Schuchardt 1915: 8, Sperrung im Original, HSA 675).

[3] Cesare De Lollis (1863-1928), italienischer Literaturkritiker und Romanist (vgl. Angeletti 1990), mit dem auch Schuchardt in – wenn auch sporadischem – Briefkontakt stand. Im Schuchardt-Nachlass sind drei Briefe De Lollis' aus den Jahren 1898, 1907 und 1915 erhalten.

[4] Auch der Kontakt zwischen Schuchardt und Francesco D'Ovidio litt unter den Geschehnissen des Ersten Weltkriegs – zwischen 1915 und 1919 reißt der zuvor intensive Briefwechsel, dessen Edition in Vorbereitung ist, komplett ab.

[5] Pio Rajna (1847-1930), italienischer Philologe. Zum Briefwechsel mit Schuchardt, der ebenfalls durch den Ersten Weltkrieg abriss, vgl. Melchior (2011, 2012).