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Brief (19-s.n.)

Graz 31 Dez. 1881.

Verehrteste Frau!

Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Nachrichten und Anerbietungen. Ja, daß ich wegen des Shakespeare von Dom Luiz nicht einmal in das Jahrbuch geschaut habe! Ich habe eben Ihre Produktivität in ihrem Umfang noch unterschätzt und nicht vermuthet, daß bei dem vielen Andern, was Sie leisten, noch eine so ausgezeichnete, eingehende Abhandlung über Shakespeare in Portugal Ihrer Feder entstammen könnte. Obwohl Sie etwas streng sind (übrigens da Sie Portugiesin geworden, auch streng zu sein das Recht haben), so unterschreibe ich – so weit ich überhaupt ein Urtheil auf diesem Gebiete haben kann – Alles was Sie sagen. Nur muß ich Ihnen gestehen, so wünschenswerth in einer Prosaübersetzung die Strichlein, welche die Verse des Urtextes andeuten, für den Kritiker sind, so wenig wohltuend sind sie für das Auge dessen, der nur zu seinem Vergnügen liest; wenigstens mich machen sie geradezu nervös und ich lege die Uebersetzung aus den Händen. Sollte man nicht zunächst (und dies gilt ja wohl noch von Portugal) daran denken, dem großen Publikum Geschmack an den fremden Schriften beizubringen? Wäre es dort wohl am Platze, bei einer Uebersetzung allen den Forderungen zu entsprechen, die wir in Deutschland nach einem Jahrhundert des fleißigsten und angestrengtesten Uebersetzens hatten?

Ich werde über die Uebersetzungen von Dom Luiz irgendwo ein paar allgemeine Phrasen loslaßen; anderes ist nicht möglich, da sie sich größtentheils doch meinem Urtheil entziehen. Ich will mir "den Kaufmann von Venedig" und "Richard den III" näher ansehen, wenn ein Fortschritt stattgefunden hat (ich hätte das gern von Ihnen gehört), so wird es für mich schwer sein zu konstatieren, besonders da ich diese Betrachtung doch nur […] führen kann und andere Arbeiten mich an einer gründlichen Vertiefung hindern. Bulhão Pato's K.v.V. würde mich allerdings interessieren; es geschieht noch wohl nicht ofner Absicht, daß er sich dieselben Stücke wie der König auswählt?

Noch eine Bitte. Über Coelho's Studie (in der Geogr. Ges.)1 dachte ich eine Rezension zu schreiben; allein ich habe mich für den Gegenstand, der mich schon, vor einem Dutzend von Jahren, sehr beschäftigt hatte, wieder so begeistert, daß ich mit den Gedanken einer vergleichenden Arbeit über sämmtliche außereuropäischen Jargons romanischer und germanischer Grundlage umgehe. Um mir das nöthige Material zu verschaffen, habe ich eine# über den ganzen Globus hin begonnen; ich glaube es ist das Sportelement welches mich an dieser Arbeit so viel Vergnügen finden läßt. Befremdlich ist es mir, daß Coelho über das Portugiesische der westafrikanischen Küste keine nähere Auskunft beschafft hat. Ich möchte das nachholen und so frage ich u. A. auch bei Ihnen, resp. Ihrem Herrn Gemahl an, ob Sie als Bewohner einer großen Handelsstadt mir nicht Adressen in Guinea, Angola, Mozambik, Goa oder Diu geben könnten.

Mit meinen Nerven ist es in dem eben ablaufenden Jahr, auch in der letzten Zeit, sehr schlecht bestellt gewesen; sie reichen gerade noch zu dem kindischen Zeitvertreib aus an alle möglichen fremden Leute deutsch, spanisch, französisch, russisch und - horribile dictu würden Sie sagen, wenn Sie hineinschauen könnten - portugiesische Briefe zu schreiben.

Ich freue mich herzlich, daß es Ihnen wohl ergeht und wünsche bei der Jahreswende Ihnen und den Ihrigen noch das Beste.

Mit hochachtungsvollsten Grüßen
Ihr ergebenster
HS.

[FN zu S. 2:] Ich hatte immer geglaubt, daß in Portugal die Kenntnis der engli­schen Sprache eine sehr verbreitete sei (weit mehr als in Spanien); ist dem nicht so?


[1] Es handelt sich dabei um Coelho (1882), Ergänzungen zu Coelho (1881), beide besprochen von Schuchardt (1881b und 1883).