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Brief (28-04244)

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Graz, d. 18/9 94

Schubertstraße 7B

 

Lieber Schuchardt.

Ich glaube dennoch, daß Deine Erinnerung Dich täuscht. Haberlandt hat mit eigener Hand auf die Einladung zur Sitzung damals folgende Namen geschrieben: Haberlandt, Schuchardt, Karajan, Gurlitt, Richter.

Später hat er wohl gemeint, daß er als Decan nicht in die Commißion eintreten solle – und das ist ja auch Deine Meinung – und hat daher vorschlagen wollen: Dich, mich, Karajan, Richter, Skraup. Erst als Du ablehntest, hat er Meyer an Deiner Stelle vorgeschlagen.

Daß dies der wirkliche Verlauf ist, wird |2| Dir Bauer[1] bestätigen, der mir gleich, als wir gemeinsam Deinen an ihn gerichteten Brief lasen, sagte: „Meyer ist ja nur an Schuchardt's Statt in die Commißion gekommen“ Leider! Haben diese Bemerkungen nur geschichtliche Bedeutung. Mein ganzes Bestreben war mit Dir und Ive in Uebereinstimmung zu einem Abschluß zu kommen. Als Du nicht mitmachtest, war natürlich auch Ive  nicht mehr zu gewinnen. Für mich ist es tief verstimmend, daß meine Versuche an einem reinen Mißverständnis gescheitert sind. Als wir – Haberlandt, Du und ich – bei mir zusammensaßen, trennte uns nur noch eine niedere Scheidewand: ich war |3| überzeugt, daß wir in der Commißion, wie ich sie vorgeschlagen hatte, zu einem Einverständniß gelangt wären.

Jetzt kann ich Dich nur bitten, wie ich es schon gestern gethan habe, den Gegensatz zu Haberlandt nicht zu verschärfen. Wie Du aus der Besprechung in meinem Hause mit einem Eindruck geschieden bist, der nach meiner Ansicht auf einem Mißverständnis beruhte, so gieb auch Du zu, daß Haberlandt Dich in gutem Glauben mißverstanden hat, als er eine Äußerung von Dir so auffaßte, daß es Dir recht sei, wenn Dein Separatvotum als nachträgliche Äußerung abgesandt werde.

Unverändert

der Deine

W. Gurlitt

   

[1] Adolf Bauer (1855-1919), Professor für Alte Geschichte an der Universität Graz, korrespondierte mit Schuchardt von 1894-1918 (Briefnr. 00612-00640).