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Brief (15-s.n.)

Graz 2 Jänner 1881.

Meine Gnädigste,

Wiederum beschämen Sie mich, wiederum habe ich mich zu schämen. Sie senden mir in liebenswürdigster Weise ein Weihnachtsgeschenk und ich schiebe meinen Dank so weit hinaus. Solche triftige Gründe, wie "Muttersorgen", vermag ich für mein Schweigen nicht anzuführen. Nach meiner Radegunder Kur ging es mir allerdings besser; dann aber liess ich mir Ohrenbrausens halber eine Muskel im innern Ohre durchschneiden und hatte von den Folgen der Chloroformnarkose schwer zu leiden, ohne dass eine wesentliche Besserung erzielt worden wäre; hierauf folgte eine angenehmere den Studien gewidmete Zeit (doch habe ich mich mehr mit Keltischem als mit Romanischem beschäftigt, da mir Zarncke Windischs Irische Texte zur Recension schickte)1; endlich aber überkam mich - wahrscheinlich in Folge der abnorm milden Witterung und der vorherr schenden Scirocco's – eine wahre Abneigung gegen alles Schreiben und Lesen, wie mir das zuweilen ergeht.

Nè gli occhi ai noti studi io rivolgea,

E quelli m'apparian vani, per cui

Vano ogni altro desir creduto avea.

Freilich kann ich nicht mit Leopardi sagen, dass in meiner Brust nun

di beltade amor vi fea dimora2

Theater, Bälle, Tarokspiel, Flaniren und ähnliche eines Gelehrten unwürdige Ineptien raubten mich den Studien, und so bin ich alter Kerl denn sogar auf's Wüthendste aus einem Jahr in das andere hineingetanzt. Genug; Sie wissen, dass ich der undisziplinierteste Mensch von der Welt bin und beständiger Nachsicht bedarf.

Ich mache mir nun die heftigsten Vorwürfe, dass ich Ihnen noch keine Gegengabe zu senden gewusst habe. Graz hat eigentlich nur eine Spezialität, die man nach auswärts verschicken kann, nämlich Kapaune; dieselben pflegen in steirische Tracht, männliche oder weibliche, gebracht zu werden und machen dann einen recht ergötzlichen Eindruck. Man könnte von den Kapaunen von Graz ebenso sprichwörtlich reden, wie von den Eulen Athen's. Allein ich befürchte, ein solches Thier würde doch auf dem weiten Wege nach Porto etwas anrüchig geworden sein.

Sie sehen ich bin immer noch nicht in der Stimmung, von Wissenschaft zu reden; seit vielen Tagen belastet mich eine immer wieder aufgefrischte Uebernächtigkeit, welche allen ernsten Gedanken feind ist. Das wird doch noch einige Zeit so fortgehen und dann wird eine kräftige Reaktion zugunsten des Studiums eintreten. Ich wiederhole Ihnen, das Portugiesische wird nicht vergessen sein. – Coelho schickte mir das erste Heft seiner neuen Zeitschrift,3 bat mich aber die von mir beabsichtigte Besprechung bis nach dem Erscheinen des zweiten Heftes zu verschieben, was allerdings gerechtfertigt erscheint. Ich meine er hätte etwas kräftiger und eingenthümlicher ansetzen können. Besonders interessiert mich die celto-iberische Onomatologie. Mit Storck bin ich durch Camoens in Briefwechsel gekommen. Vor einiger Zeit las ich, ich glaube in der Romania, dass mein Freund Leopoldo Eguilaz ein etymologisches Wörterbuch des Spanischen herauszugeben beabsichtige4; auf eine an ihn geschriebene Anfrage habe ich keine Antwort erhalten. Wissen Sie Etwas davon, Sie seine gefährlichste Konkurrentin?

Haben Sie schon die Spanische Grammatik von P. Foerster5 in die Hände bekommen? Ich habe nur ganz flüchtig hineingeblickt, sie gefällt mir aber gar nicht. Wie sehr wäre es zu wünschen, dass in spanischer Sprache ein kleiner "Brachet" des Spanischen erschiene (wenn er besser würde, wie das Vorbild, so könnte das Nichts schaden). D'Ovidio hat in italienischer Sprache eine grammatichetta spagnuola im vorigen Jahre herausgegeben, ich glaubte erst, sie wäre geeignet, in's Spanische übersetzt zu werden, (meine übersetzungslustigen Freunde in Sevilla waren schon von mir darauf aufmerksam gemacht worden), aber es hat sich herausgestellt, dass sie das nicht ist, ja ich finde sogar einige Fehler und Mängel darin, die mich bei d'Ovidio sehr wundern. Er schrieb mir übrigens vor einiger Zeit, dass er mit einer portugiesischen Grammatik in gleich kompendiöser Art beschäftigt sei. Monaci und d'Ovidio haben nämlich den Plan gefasst, zum Behuf der Vorlesungen eine Sammlung6 – mein Gott, bin ich dumm, jetzt erzähle ich Ihnen aus lauter Sorge, Sie möchten nach dem Eingange meines Briefes meinem Kopfe nichts als frivole Gedanken zutrauen, lauter Dinge, die Sie besser wissen als ich. Es ist gut, dass das Papier zu Ende geht. Ich wünsche Ihnen, Ihrem Herrn Gemahl, dem kleinen Germano-Lusitanen und allen seinen eventuellen Nachfolgern das Beste und Schönste und mir die Fortdauer Ihres Wohlwollens

Herzlichst und hochachtungsvollst grüssend
Ihr
HS.


[1] Die Rezension von Windisch erschien im Literarischen Centralblatt, HS (1881a).

[2] Giacomo Leopardi, Canti: Il primo amore.

[3] F.A. Coelho gründete 1880 die Zeitschrift Revista de Etnologia e Glotologia, die sich vorwiegend der portugiesischen Volkskunde und Anthropologie widmete.

[4] Eguilaz y Yanguas (1886).

[5] Foerster (1880).

[6] Ernesto Monaci und Francesco D’Ovidio gaben gemeinsam die Reihe Manualetti d'introduzione agli studj neolatini heraus, in der zwei Bände erschienen: „Spagnolo“ (Napoli, 1879) und „Portoghese (e gallego)“ (Imola, 1881). In beiden Bänden stammt die Grammatik von D’Ovidio, die Chrestomathie von Monaci.