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Brief (8-s.n.)

Graz, 4. Juni 1880

Verehrteste Frau und Kollegin!

Ich habe ungemein bedauert, dass im vorigen Jahre mein kurzer Aufenthalt in Portugal (keine 8 Tage waren's) mir nicht gestattet hat, Ihnen in Porto meine Aufwartung zu machen. Trotzdem habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, von Ihnen dann und wann Etwas zu hören und mit Ihnen in einiger Verbindung zu bleiben, so weit das Ihre Obliegenheiten als Gattin und Mutter gestatten. Unter Kreuzband habe ich Ihnen einen "Festgruss" zur Camoensfeier1 zugesandt; derselbe ist, da vom ersten Federstrich bis zur Absendung der Exemplare gerade 8 Tage verstrichen, mit sehr nachsichtigen Augen zu betrachten; auch war die Gelegenheit nicht geeignet, lustige Laune, kritischen Scharfsinn oder staubige Gelehrsamkeit an den Tag zu legen. So habe ich denn, in Ermangelung von Anderem, den Góngora2 nachzuahmen versucht, es ist mir aber durchaus nicht gelungen.

Ich habe die Absicht mich jetzt etwas mit portugiesischer Litteratur zu beschäftigen und zu diesem Zwecke will ich mir die ganze Bibliothek von Braga3 anschaffen. An welchen Buchhändler soll ich mich wenden? Bekommt man die Bände nicht im Dutzend etwas billiger? Auch wegen neuerer und neuester Erscheinungen möchte ich um Ihren gütigen Rath bitten. Welche sind die besten Romane von Branco (ich habe nur Eusebio Macario)? In Lissabon suchte ich vergebens nach einer Uebersicht über die neue Litteratur; auch die von Ortiz, die ja übrigens nicht viel taugen soll, fand ich nicht vor. Ferner hatte man mir von einem Werke über Volkspoesie (mit besonderer Berücksichtigung des Musikalischen) gesprochen – den Namen des Verfassers habe ich vergessen –: es war vergriffen. Wie kann ich mich ein bischen au courant setzen und bleiben?

Ihren Herrn Gemahl bitte ich bestens von mir zu grüssen; ich stiess heute gerade in der Bibliographia critica4 auf die von mir bis dahin übersehene Äusserung von ihm, dass die Analyse über Prof Geppert in dem Lit. Centralbl. mui injusta ist.5 Vielleicht ist Prof. Geppert ein Freund oder Verwandter von Ihnen; aber nun, nachdem ich Spanien kenne, muss ich sagen, daß mein Urtheil milder nicht hätte gefasst werden können und das[s] ich nicht weiss, in welchem Punkte ich ihm Unrecht gethan habe. Es muss sein Buch den Deutschen eine durchaus falsche Vorstellung von Spanien beibringen. Ich habe die Ehrlichkeit der Spanier ganz ausserordentlich gefunden, weit grösser als in Deutschland.

Mit hochachtungsvollsten Grüssen
Ihr ergebenster

Hugo Schuchardt


[1] HS (1880). Am 10. Juni 1880, dem 300. Todestag des Autors des portugiesischen Nationalepos Os Lusíadas Luis Vaz de Camões wurde in Lissabon eine verspätete Beisetzung von vermeintlichen Gebeinen des Dichters veranstaltet, und dieser Tag zum Nationalfeiertag erklärt. Im Lande Camõens' wurde Schuchardts Festgruß natürlich sehr positiv aufgenommen.

[2] Luis de Góngora (1561-1627) Lyriker und Dramatiker des spanischen Barock.

[3] Gemeint ist Theophilo Braga (1843-1924). Die Person Bragas spielt im vorliegenden Briefwechsel eine relativ wichtige Rolle. Zum einen als Literat bzw. Literaturhistoriker und Publizist, weil er eine Menge von Veröffentlichungen zur älteren und neueren portugiesischen Literatur verfaßt hat; zum anderen weil CMdV seine Arbeiten zwar empfiehlt, diese aber, wie man dem mehrseitigen Brief vom 6. Juli 1880 entnehmen kann, heftigster Kritik unterzieht. CMdV wird schließlich auch gemeinsam mit Braga eine portugiesische Literaturgeschichte in Gustav Gröbers Grundriß der romanischen Philologie 1897 publizieren. Braga war überzeugter Republikaner, der erste republikanische Abgeordnete Portugals, schließlich auch zwei Mal Staatspräsident. Seine eindeutig deutschkritische Position im 1. Weltkrieg brachte ihn in diametrale Opposition zu CMdV. HS erklärte sich aus diesem Grunde schließlich zum militanten Gegner Bragas.

[4] Die Bibliographia Criticade Historia e Litteratura wurde in jenen Jahren von F. Adolpho Coelho herausgegeben.

[5] Schuchardt hat bereits im Jahr des Erscheinens von Geppert (1873) eine recht kritische Besprechung im Literarischen Centralblatt veröffentlicht (HS 1873; Brevier/Archiv Nr. 33) Auf diese nimmt Joaquim de Vasconcellos (1873) in einer zwar langen, wenig signifikanten Rezension Bezug, die drei deutsche Reisebeschreibungen Spaniens (Lauser, Geppert und Rasch) der 1870er Jahre bespricht. Schuchardt hatte Geppert dafür kritisiert, daß sein Spanienbild zu negativ wäre, Joaquim de Vasconcelos verteidigt Gepperts Schrift aufgrund von dessen negativen Erfahrungen.