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Brief (4-s.n.)

Graz 12 Juni 78

Meine gnädige Frau,

Sie beschämen mich, indem Sie ein Zeitungsblatt1 mit einer so ausführlichen und liebenswürdigen Probe Ihrer zierlichen Handschrift erwidern. Ich fühle mich überhaupt noch in Ihrer Schuld; ich hätte, da ich damals noch nicht allzu faul war, Ihre "Studien" recensieren sollen, und ich denke es wäre mir gelungen, Ihre Talente und Verdienste richtiger zu würdigen, als dies von anderer Seite geschehen ist. Die Anzeige von Le Coultre ist mir nicht zu Gesicht gekommen; ich werde bei meinem nächsten Besuch auf der Bibliothek mir sie geben lassen und sie prüfen. Ich weiß nicht, ob Le Coultre gerade sehr viel von den Gegenständen versteht, von denen Sie handeln – auf jeden Fall finde ich den von ihm gebrauchten Ausdruck, auf welchen Sie sich beziehen, impertinent. Hoffentlich bietet sich mir die Gelegenheit noch, ausdrücklich auf Ihre "Studien" zurückzukommen; es geht Alles sehr langsam bei mir, Sie sehen, eine Besprechung des Diniz'schen Romans ist erst zwei Jahre später, als sie geplant war, zur Welt gekommen. Wenn Sie dieselbe in A Renascença übersetzen wollen, so wird mir dies um mich zweier banaler Ausdrücke in vollstem Ernste zu bedienen, eine unverdiente Ehre und eine unverhoffte Freude sein. Für Ihr Versprechen mir diesen anderen Roman von Diniz zu senden, bin ich außerordentlich dankbar; ich werde denselben mit größtem Vergnügen lesen.

An Coelho's Aussichten und Plänen nehme ich lebhaftesten Antheil; grüßen Sie ihn aufs Herzlichste von mir - auch ihm gegenüber fühle ich mein Gewissen nicht genug rein. Für ein schönes mit gedruckter Dedikation versehenes litterarisches Ge schenk bin ich ihm den entsprechenden Dank schuldig geblieben.2 In der Phäakenluft von Graz bin ich erst recht faul geworden, besonders im Briefschreiben. Indessen gedenke ich Ihnen doch nächstens einmal ausführlicher, nämlich über wissenschaftliche Dinge, zu schreiben. Julius Cornu3 in Prag gedenkt in diesem Herbst Portugal zu besuchen; ich plane seit langem eine Reise nach Spanien.

Empfehlen Sie mich "unbekannter Weise" Ihrem Gatten und dem kleinen Germano-Lusitanier und verzeihen Sie Form und Gehalt dieses Briefes, die zu denen der Ihrigen einen so bedenklichen Gegensatz bilden.

Hochachtungsvollst
Ihr ergebener
H.S.


[1] Vgl. letzter Brief.

[2] Eine solche Widmung findet sich in Coelho (1871), wobei aus dem Schuchardtschen Exemplar in der Universitätsbibliothek Graz nicht hervorgeht, ob diese Widmung sich nur da, oder in allen Exemplaren findet.

[3] Julius Cornu (1849-1919) Romanist, Professor in Prag ab 1877 und Nachfolger Schuchardts in Graz 1901-1911. HS hatte mit ihm ab 1878 bis zu dessen Tode regelmäßigen, auch freundschaftlichen Kontakt, danach auch noch mit dessen Frau Marie-Thérèse Cornu-Kluckauf.