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Brief (2-s.n.)

H. 21. 6. 75

Verehrtes Fräulein!

Mein Dank für Ihren Hamletaufsatz1 hat so lange auf sich warten lassen, daß nun mein herzlichster Glückwunsch zu Ihrer Verlobung2 mit ihm zusammen gehen kann. Sie werden durch das freudige Ereigniß neue Anregung zu Ihren romanischen Studien empfangen. Ihrem spanischen et. Wtb. wünsche ich das beste Gedeihen3 und wenn Ihnen vielleicht schon das Wort suzerano unter das kritische Messer gekommen sein sollte, so möchte ich um Auskunft darüber bitten. Ich machte gestern bei Tisch eine Wette mit einem Juristen, daß suzerain ein altfranzösisches Wort sei. Der Andere behauptet, es stamme aus dem Spanischen und allerdings scheint hier suzerano ebenfalls schon lange zu bestehen. Diez erwähnt das span. Wort nicht.

Ich bedaure, daß die Cöthener Druckerei sich nicht den Aufwand eines ñ gestattet, an der Stelle Ihres "Hamlets" wo Sie von der Verwechslung zwischen cánon und cañon reden war das Tilde entschieden nothwendig. Als ich Ihre treffliche Arbeit in die Hände bekam, hatte ich gerade eine kymrische Uebersetzung des Hamlet gelesen und jene machte mir fast Lust, einen "Hamlet in Wales" zu schreiben.

Mit größter Hochachtung
Ihr ergebener

H. Schuchardt


[1] CMdV (1875) Hamlet in Spanien. in: Jahrbuch der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft X (Weimar): 311-354.

[2] 1875 verlobt sich Carolina Michaëlis in Berlin mit ihrem späteren Mann Joaquim de Vasconcellos; ihr Verlobter lebte ebenfalls einige Jahre in Berlin, die Hochzeit fand 1876 in Berlin statt, im selben Jahr übersiedelten die beiden nach Porto.

[3] CMdV veröffentlichte in den 70er, 80er und 90er Jahren verschiedene, teils umfangreiche etymologische Studien, bis hin zu Michaëlis (1908). Ein eigenständiges Wörterbuch erscheint nicht.