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Brief (5-06451)

Die Bearbeitung dieses Eintrags ist noch nicht vollständig abgeschlossen.

Sehr verehrter Herr Professor!

Für die gütige Zusendung der “Sprachlichen Beziehung“[1] und die ebenso lakonische, als wirksame Aufforderung zu einer Äusserung erlaube ich mir zu danken und zu antworten, so gut ich momentan kann, in äusserst schwieriger Lage, die, wenn sie – was ich fast fürchte – anhält, mir die wissenschaftliche Arbeit in diesem Winter jedenfalls aufs äusserste erschweren wird.

Der Aufsatz “Sprachliche Beziehung“ war für mich fast der Schlüssel Ihrer Ausführungen, wobei ich mir allerdings zu bemerken gestatte, dass ich 1[2] und 2[3] nur auf[4] einem Referate Friedwagner’s[5] in der Frankf. Ztg. und 4[6] gar nicht kenne, also – falls es nicht unbescheiden ist – auch um diese bieten[7] würde.

Ich habe zwar nicht Gelegenheit die “Entstehung“ der Sprache, aber wieder einmal die Entwicklung derselben in einem Individuum zu beobachten, nämlich in einem kleinen Sohne von bald 6 Monaten, der im Wagen neben mir liegt, und meinen Gedankenfluss jedenfalls nicht nur befördert. Das eine bringt er mir aber doch entschieden zum Bewusstsein: dass die Vorbereitungen zum Sprechen auch einem Versuchen, einem Spielen-wollen, einem Behagen, das vielleicht im Erwerben (eines Könnens) liegt, sehr eng verbunden sind, Strebungen also, die dem, was man gemeiniglich “aesthetisch“ nennt, |2| nahe stehen (wie es philosophisch Benedetto Croce[8] ja auch angesehen hat). Diese Seite der Sache liegt uns Gebildeten und Verständigen nicht so nahe; aber ich möchte glauben, dass wir noch ganz reelle Reste im phonetischen Ablaut (Bim-Bam, Zick-Zack, Piff-Paff) und in der Reduplikation mit labialem Anschluss (etepetete, Schorle-Morle, nostarm.[9] girkh-mirkh[10] s. Finck, Lehrbuch § 69 Anm.[11]) davon haben. Überhaupt merke ich, dass mein eines Ziel, das Verzeichnis sämtlicher existierender grammatischer Kategorien, sehr von Ihrem, in diesen Aufsätzen eingenommenen Standpunkte befruchtet und verlebendigt wird; übrigens auch dem Problem der Weltsprache[12] nahe steht. – S. 200 Anm. 1[13]: Wundt[14] geht es hier wie wohl meist; ihm fehlt lebendige Sprachanschauung. Die Koordinierung und die Anknüpfung durch “mit“ gehen ja durcheinander nicht erst im Wotjakischen[15], sondern auch schon im Lat. (Hier liegt auch der Ursprung des idg. Duals; s. KZ. 45. 366[16]). –

S. 201 (Anm. 1)[17]: Unbedingt richtig. Das glaube ich oder merke ich deshalb, weil ich es erst begriffen habe, wie ich in Schweden merkte, dass auch ein “Du“ durchaus nicht nötig ist, indem die Gebildeten nur zu einem sagen: “Doktor“ und nichts anderes. –

Für sehr wichtig halte ich den letzten Satz auf S. 201 im Text.[18] – S. 202: Die Unterscheidung zwischen formlosen und Formsprachen[19] – ist sie wirklich ganz haltlos? Ich liebe den Ausdruck nicht, er ist durchaus unverständlich; aber es liegt doch wohl wirklich ein tiefer Unterschied des Typus zwischen dem Altchinesischen (das |3| ich freilich nur aus sekundären Quellen kenne) und dem Altindischen vor; ob die “Form“ als selbstverständlich “mitverstanden“ wird in einer Sprache, oder ob sie “ausgedrückt“ wird. Allerdings spricht der Doppelsinn des Wortes “Form“ seine Rolle; deswegen bin ich für Beseitigung des Ausdrucks “Formsprachen“[20]; aber eine Differenz wird schon mit den Worten gemeint, möchte ich doch nach wie vor behaupten.[21] – Zu S. 203[22] möchte ich nur erzählen, dass ich meinen Ohren nicht traute, als beim Spazierengehen ein Finne zu mir sagte: mennään[23]; es heisst das aber schon wirklich: “es wird gegangen“, und unser “schleppendes“ Passiv existiert nicht[24] oder macht uns die Auffassung eines wirklichen Passivs so schwer (mir wenigstens auch). – 204 oben[25]: der idg. Nominativ ist ja nicht das “nackte Nomen“; doch darüber ist ja zu reden nicht nötig. Der Genetiv ist in der Tat eine eigenartige Erscheinung, und Ihre Andeutungen über das Genetivsuffix (S. 205 Mitte)[26] – die sich übrigens, wenn ich mich recht besinne, berühren mit Anschauungen, die Winkler mündlich mir gegenüber äusserte – sind mir sehr wichtig. Ist wohl Karl Schriefl, der so verständig über den jakutischen Genetiv gehandelt hat (KSz. XIII[27]), Ihr Schüler? – S. 206[28]: Dass Sie für den Gegensinn eintreten, freut mich; Carl Abel[29] ist überhaupt, sehr zu Unrecht, von der offiziellen Idg-istik u. s. w. vergessen. – Zu den Kasus möchte ich noch bemerken, dass ja auch Sie die lokalen Kasus abtrennen von den anderen, wie es üblich |4| war, bis der Papst Brugmann[30] (Griech. Gram. 3 S. 374 A.2[31] “man muss sich klar machen“; man sieht den Bakel![32]) fragte, worüber ich so ärgerlich wurde, dass ich sogar sehr ungezogene Bemerkungen über den weisen Frager und Klarmacher machte.[33] Doch hat mich neues Bedenken des Finnischen (Essiv und Translativ) und des Russischen (bes. der Parallelstellungen: zajac – bĕljak[34]) veranlasst zu der Meinung, dass man auch neben Lokalen ... – Logischen oder Grammatischen (schlechter Name) ... noch Modale annehmen sollte[35]. – S. 206 Anm. 2[36]: dass Trombetti[37] das nicht begreift, verstehe ich wirklich nicht; vgl. Finck Ablative mit scheinbarer Lokativbedeutung KZ. 1905 oder 6[38]. – S. 207[39]: dass es in der Sprachwissenschaft kriselt, freut mich. Man sehe sich seit 20 Jahren die idg. Zeitschriften an – so sieht ein geistiger Bankrott aus! Von hier aus ist aber doch eine an und für sich so törichte Äusserung[40], wie die Grammont’s[41], zu verstehen: in Deutschland wurden mit einer erstaunlichen Energie alle Bestrebungen, die über die momentane Modewissenschaft hinausführten, unterdrückt. Es lohnt nicht, das auszuführen; Sie werden das sehr viel besser übersehen, als ich. Sie können als Älterer und Betrachter auch Leskien[42] und Brugmann, Paul[43] (und Wundt) Grösse und Verdienst zuerkennen; ich als Jüngerer und Weiter-Wollender kann das (bei aller persönlicher Hochachtung, ja Vorliebe – für Leskien besonders) nicht. Dass alle die Genannten im einzelnen gearbeitet haben und geleistet haben, leugne ich natürlich nicht; aber einen neuen Gedanken, eine neue Schau haben sie nicht eröffnet. Deshalb ist auch der Name “Junggrammatiker“ so besonders gut gewählt, weil eine leise Ironie (“Gründeutschland“[44]) mitschwingt. – Entschuldigen Sie, verehrter Herr, diese abgerissenen, des Anlasses durchaus nicht würdigen Bemerkungen; aber zwischen Holzsägen und Kinderschreien schweigen die Musen. Verehrungsvoll grüssend Ihr ergebener

E. Lewy.

|5| Ich muss doch noch einiges nachtragen, dass mein Schreiben nicht allzu ärmlich ist. – Mir scheint (ob die Beobachtung stimmt, wage ich nicht zu behaupten), als ob ein kleines Kind wesentlich im Liegen seine ersten Sprechversuche macht. Das Sitzen oder die aufrechte Haltung verbindet zuviel Spannung mit dem Akt der Luftbildung. Finck nannte das Sprechen oft eine “Vergewaltigung der Wirklichkeit“; aber das ist doch eine sehr einseitige Auffassung gewesen. Die Sprache, der Laut, ist viel mehr Genuss für den Sprecher, als unsere Sprecher, die immer “denken“ oder es vorgeben zu tun, denken. Die Sprache ist immer nur mehr Ausdruck der “Gedanken“[45]. Ihre Bemerkung über te, to[46] bringt mir eine Bemerkung]en[ von W. Stern[47] in einer Arbeit über Kindersprache über die Elternnamen (m..., t...) und die Pronomina der 1. und 2. Person (m, t)[48] in Erinnerung, die er – wie mir scheint – sehr treffend kombiniert. –

Für mich ist immer ein Prüfstein der geistigen Fähigkeit eines Menschen sein Verhältnis zu den Vorgängern, und da schneidet Brugmann schlecht ab. Man muss die Einleitung in die Griech. Gramm. geniessen; dieser Hochmut des “es so wahrlich weit gebracht habens“ ist echt wilhelminisch-liberal. Und ganz analog die ungeheuerliche Arbeit über das grammatische Geschlecht im Idg. (TZ. IV)[49], von der ich nur nicht begreifen kann, wie sie von ernsthaften Forschern je |6| ernst genommen werden konnte, und noch 1912 (!) ein begabter jüngerer Mann wie Lommel[50] (Stud. über idg. Femininbildungen S. 30 u. f.)[51] sie besprechen konnte. Altes Eisen. – Ihr Zitat aus Grammont’s Brief[52] hat mir einen Gedanken lebendig gemacht, den ich doch äussern will. ...il i a des linguistes en France ... hier i statt y, wie ich es in der Schule gelernt habe, geschrieben, macht dies y > i in einer Weise demonstrativ, die überrascht. Dabei ist doch die Quelle ibi (nicht?). Es scheint eher fast, als wenn eben gewisse Laute für symbolische Worte als Träger geeigneter sind. Besonders Spass hat mir in dieser Hinsicht immer das italienische cosa (< causa) “Was?“ gemacht, das sich doch “Laut für Laut“ mit dem germ. hwas deckt!! Der Gedanke des sprachlichen Spiralgangs, den Sie aus G. v. d. Gabelentz zitieren[53], ist fraglos z. T.[54] berechtigt. – Der Chauvinismus in der Wissenschaft ist sehr dumm, fast noch dümmer als anderswo. Dass Deutschland’s offizielle Wissenschaft zur Verachtung Deutschlands herausgefordert hat, habe ich ja schon bemerkt. Dabei scheint aber grade “Linguistik“ (ob Onkel Grammont eine Ahnung davon hat, weiss ich ja nicht) für Deutsche noch am ehesten etwas zu sein. Nirgendwo giebt es wohl einen Humboldt und eine Tradition, die von ihm ausgeht. Wie aber Stolz auf Einzelleistungen ganz unberechtigt ist, darüber hat mich einmal die Vorrede der Bibliografía Española de Lenguas Indígenas de América por el Conde de la Viñaza (Madrid 1892)[55] belehrt, wonach die Hauptleistung der darstellenden Linguistik den Spaniern zukommt. Und hat sie nicht eigentlich Recht? Bescheidenheit nun einmal nötig.

Auch Ihrem ergebenen E. L.!

 

[1] Schuchardt (1922b). Sprachliche Beziehung.

[2] Mit dieser und den folgenden Ziffern verweist Schuchardt in seinem Aufsatz Sprachliche Beziehung (1922b) auf andere seiner Werke. 1 steht hierbei für Sprachursprung I (Schuchardt 1919a).

[3] Schuchardt (1919b). Sprachursprung II.

[4] sic.

[5] Matthias Friedwagner (1861-1940), österreichischer Romanist, 1911-1928 an der Universität Frankfurt.

[6] Schuchardt (1921a). Exkurs zu Sprachursprung III.

[7] sic.

[8] Benedetto Croce (1866-1952), italienischer idealistischer Philosoph, Historiker, Literatur­wissenschafter und Politiker, der u.a. Karl Vossler stark beeinflusste.

[9] Diese Abkürzung steht für neuostarmenisch.

[10] Laut Finck (1902) dient im Neuostarmenischen die Wiederholung mit gleichzeitigem Ersatz des Anfangskonsonanten durch m dem Ausdruck der Verallgemeinerung. Eines der Beispiele, die er gibt, ist girk‘-mirk‘ „Bücher und dergleichen“ (vgl. Finck 1902: 53).

[11] Finck (1902). Lehrbuch der neuostarmenischen Litteratur-Sprache.

[12] Die Thematik der Weltsprache, einer internationalen Hilfssprache bzw. Gemeinsprache, behandelte Schuchardt u.a. in seiner Arbeit Auf Anlass des Volapüks (1888) oder auch in seinem Bericht über die auf Schaffung einer künstlichen internationalen Hilfssprache gerichtete Bewegung (1904).

[13] Wundt unterscheidet in seiner Logik I (1893) zwischen Beziehung und Verhältnis. Vgl. hierzu Schuchardt (1922b: 200).

[14] Wilhelm Wundt (1832-1920), deutscher Physiologe, Psychologe und Philosoph, seit 1875 in Leipzig.

[15] Beim Wotjakischen handelt es sich um eine finnougrische Sprache (heutige Bezeichnung: Udmurtisch).

[16] Lewy (1913b). Zum Dual und zum Tocharischen, erschienen in der Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 45, abgedruckt auch in Lewys Kleinen Schriften (1961: 215ff.). Dort behandelt Lewy den formalen Zusammenhang von Dual- und Comitativmarkierungen und führt als Unterstützung die Verhältnisse im Ostjakischen und Wotjakischen an. Da, wo nämlich im Ostjakischen der Dual steht, steht im Wotjakischen, das keine Kategorie Dual hat, der Instrumental-Comitativ (vgl. Lewy 1913b [1961: 216]).

[17] Laut Schuchardt habe die „Ursprache“ keinen Ausdruck für ich benötigt. Im Gegensatz dazu ist Trombetti der Meinung, dass es von Anbeginn der Sprache ein Wort mit der Bedeutung „ich“ gegeben haben muss (vgl. Schuchardt 1922b: 201, Anm. 1).

[18] Dieser lautet: „Zwischen zwei dicht aufeinanderfolgenden eingliedrigen Sätzen und einem zweigliedrigen Satz besteht keine scharfe Grenze“ (Schuchardt 1922b: 201).

[19] Lewy bezieht sich auf eine Passage in Schuchardts Sprachliche Beziehung (vgl. Schuchardt 1922b: 202).

[20] Lewy richtet sich damit klar gegen die Unterscheidung von Formsprachen und formlosen Sprachen im Sinne Steinthals, vgl. hierzu auch Lewy (1951 [1961: 9]).

[21] S. zu dieser Thematik auch Lewys Brief 06-6447 und die Fußnoten dort.

[22] Schuchardt geht davon aus, dass Verbalwurzeln an sich weder aktiv noch passiv sind, sondern neutral bzw. beides gleichzeitig (vgl. Schuchardt 1922b: 202). Für ihn stellt das Passiv somit nichts Sekundäres dar, das erst vom Aktiv abgeleitet werden muss. Schließlich stelle das Agens zwar den Ausgangspunkt eines Vorgangs dar, wäre aber nicht Teil von ihm und könne folglich auch nicht für dessen Kennzeichnung verwendet werden. Zur Unter­mauerung seiner Ansichten weist Schuchardt darauf hin, dass in Fällen, in welchen kein Agens feststellbar ist, indifferente, passive und aktive Ausdrücke gleichwertig Verwendung finden (vgl. Schuchardt 1922b: 203).

[23] Finn. (me) mennään „es wird gegangen/ man geht/ wir gehen“. Formal handelt es bei dieser Form um eine Passivkonstruktion.

[24] Das finnische Passiv unterscheidet sich vom deutschen nicht nur durch seine syn­thetische Bildungsweise, sondern auch durch seine Semantik. Es handelt sich dabei nämlich im Grunde um eine unpersönliche Form, die im Deutschen am ehestens mit „man“ zu übersetzen wäre. Das Agens bleibt hier immer unbenannt.

[25] „Der Nominativ ist kein Kasus (so wenig wie der Vokativ); er steht aufrecht, er ist das nackte Nomen […]“ (Schuchardt 1922b: 204).

[26] Laut Schuchardt (1922b: 204) drückt der Genetiv sehr viele verschiedene Beziehungen aus und müsste deshalb besser „Generalis“ heißen. Die Passage, auf die sich Lewy bezieht, findet sich bei Schuchardt (1922b: 205).

[27] Schriefl (1912/1913).

[28] „Jedes Wort erweckt seinen Gegensinn, hat Goethe gesagt, und daraus hat sich der Gleichlaut ergeben. Daß es in so weitem Umfang, wie C. Abel annimmt, habe geschehen können, ist ausgeschlossen; der Grundgedanke bleibt jedoch richtig [...]“ (Schuchardt 1922b: 206).

[29] Carl Abel (1837-1906), Sprachwissenschafter und Philologe in Berlin. Er ist der Verfasser der Abhandlung Über den Gegensinn der Urworte (1884), in der er die These vertritt, dass am Anfang der menschlichen Sprachgeschichte sehr viele Wörter zwei Bedeutungen gehabt hätten, wobei eine Bedeutung genau das Gegenteil der anderen Bedeutung gewesen wäre (d.h. beispielsweise ein Wort mit der Bedeutung „stark“ und „schwach“).

[30] Karl Brugmann (1849-1919), Indogermanist, einer der Gründer und wichtigsten Vertreter der Junggrammatiker, ab 1887 Lehrstuhl für indogermanische Sprachwissenschaft in Leipzig.

[31] In der hier von Lewy zitierten Stelle in Brugmanns Griechischer Grammatik (31900) spricht der Autor die gängige Einteilung der Kasus in lokale und grammatische Kasus an, wobei bei der Zugehörigkeit des Dativs Uneinigkeit herrsche. Dazu meint er: „Dieser Streit hätte eine Berechtigung, wenn jene Zweiteilung der Kasus hinlänglich begründet wäre. Aber man muss sich klar machen, dass eine derartige ‚grammatische‘ Funktion, wie man sie dem Nom. und Akk. zuweist, nichts Ursprüngliches gewesen sein kann. Die wirkliche Grundbedeutung der ‚grammatischen Kasus’ muss konkreter, lebensvoller gewesen sein [...], und damit schwindet jene Grenzlinie“ (Brugmann 31900: 374).

[32] Bezeichnung für den Rohrstock (von lat. baculum „Stock, Stab“).

[33] Vgl. hierzu Lewys Rezension von Josef Szinnyeis Finnisch-ugrische Sprachwissenschaft (1911b [1961: 384ff.]).

[34] Russ. zajac bĕljak „weißer (Weißling) Hase“. Mit Parallelstellung ist hier eine Zusammen­setzung aus zwei gleichgeordneten Nomen gemeint, wobei eines der Nomen zum anderen häufig in einem attributiven Verhältnis steht (vgl. Lewy 1925a [1961: 335]).

[35] Vgl. „Man unterscheidet wohl am besten grammatische, modale und lokale Kasus“ (Lewy 1966 [1922]: 156). Essiv und Translativ wären demnach modale Kasus.

[36] Die Anmerkung bei Schuchardt (1922b: 206) lautet: „[…] er [Trombetti] weist auf die Verschiedenheit des Vokalismus z.B. in mandschu gangan forte, gengen debole, hin, aber gerade dadurch wird die ursprüngliche Einheitsform dargetan […]“.

[37] Alfredo Trombetti (1866-1929), italienischer Sprachwissenschafter und Semitist.

[38] Finck (1907a). Ablative mit scheinbarer Lokativbedeutung, erschienen in der Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete der Indogermanischen Sprachen 40.

[39] vgl. Schuchardt (1922b: 207): „[…] in der Wissenschaft bedeutet Kampf den Fortschritt. Kein Ideal darf für uns der idyllische Zustand sein, wo wir, von den großen Fragen nicht mehr beunruhigt, uns ganz der Rahmenarbeit nach Vorzeichnungen widmen könnten. Man hört jetzt: in der Sprachwissenschaft kriselt es: das ist ein gutes Wort“.

[40] Grammont (1918-1920) ist der Meinung, dass sich die Arbeiten der deutschen Forscher recht abträglich auf die Linguistik ausgewirkt hätten und dass es in Deutschland eigentlich gar keine richtigen Sprachwissenschafter gäbe (vgl. Grammont 1918-1920: 439). Schuchardt verwahrt sich natürlich gegen diese Ansicht (vgl. Schuchardt 1922b: 208).

[41] Maurice Grammont (1866-1946), französischer Romanist.

[42] Johann Heinrich August Leskien (1840-1916), Indogermanist in Leipzig und Mitbegrün­der der Junggrammatiker.

[43] Hermann Otto Theodor Paul (1846-1921), Junggrammatiker, ab 1893 Professor für deutsche Philologie in München, ab 1909 dort auch Rektor.

[44] Dabei handelt es sich um ein Schmähwort für die naturalistische Bewegung in Deutschland.

[45] Vgl. dazu Lewy in Die Lehre von den Sprachtypen (1951): „Ein wirklicher Irrtum der Typen­forschung war es, anzunehmen, daß in manchen Typen Unklarheiten vorhanden wären. Im letzten Grunde hängt dieser Irrtum mit dem alten glücklich von Gardiner beseitigten Irrtum zusammen, daß die Sprache der Ausdruck des Gedankens sei. Unklar­heiten sind in einer Sprache nur für den vorhanden, der sie nicht kann. Zweideutigkeiten sind nur scheinbar oder gewollt“ (Lewy 1951 [1961: 16]).

[46] Vgl. Schuchardt (1922b: 201).

[47] William Stern (1871-1938), Psychologe, Kindersprachforscher. Die Arbeiten zur Kinder­sprache sind zumeist gemeinsam mit seiner Frau Clara Stern (1877-1948) entstanden.

[48] Die angesprochenen Bemerkungen finden sich in Die Kindersprache. Eine psychologische und sprachtheoretische Untersuchung (Stern & Stern 1907) im Kapitel über die Lallwörter. m-Silben, wie sie in Pronomina für die erste Person Singular, aber auch in Wörtern wie Mama vorkommen, hätten einen „zentripetalen“ Affektwert, d.h. sie würden die Beziehung des Sprechers auf sich selbst ausdrücken. Sie würden das An-sich-heran-Ziehen und In-sich-hineinnehmen-Wollen bezeichnen (vgl. Stern & Stern 1907: 304). Die p/b- und t/d-Verbindungen wären hingegen eher „zentrifugalen“ Charakters und würden die Beziehung zur Außenwelt, ein Hin-, Fort bzw. Zurückweisen ausdrücken (vgl. Stern & Stern 1907: 304).

[49] Gemeint ist Brugmann (1889). Das Nominalgeschlecht in den indogermanischen Sprachen, erschienen in der Internationalen Zeitschrift für allgemeine Sprachwissenschaft (nach ihrem Begründer und Herausgeber Friedrich Techmer oft als Techmers Zeitschrift be­zeich­net).

[50] Herman (auch Hermann) Lommel (1885-1968), deutscher Indoiranist und Religions­wissenschafter.

[51] Lommels Dissertation in Göttingen (1912). Studien über indogermanische Feminin­bildungen.

[52] Schuchardt verweist zwar auf eine Anmerkung aus einem Brief von Grammont (vgl. Schuchardt 1922b: 208, Anm. 2), das Zitat, in dem „[...] il i a des linguistes en France [...]“ vorkommt, stammt aber aus Grammonts Rezension in der Revue des langues romanes.

[53] Schuchardt verweist darauf in Possessivisch und Passivisch (1921b: 653).

[54] Für die Entzifferung dieser schwer lesbaren Abkürzung möchte ich mich bei Thomas Schwaiger bedanken.

[55] Conde de la Viñaza (1892). Bibliografía española de lenguas indígenas de América.