Senden hat offenbar funktioniert, aber es wird noch ein Bestätigungsmail verschickt, sobald die Änderungen angekommen sind.
Es hat etwas nicht funktioniert. Bitte den Inhalt in Word (o.Ä.) kopieren und per Mail schicken.

Brief (02-02296)

Frankfurt M (Uhlandstr. 24) 28/VI 1869.

Hochgeehrter Herr!

Seitdem Sie Ihre Schatzkammern den Studiengenossen öffneten,1 freute ich mich darauf, Sie in Gotha persönlich kennen zu lernen, wo mich ein langjähriger Freund, Prof. Regel2, längst erwartet, ohne daß ich zur Mobilmachung gelange. Heuer wird wieder Nichts daraus werden. Auf den weiten Gebieten, die Ihr vorhin erhaltener Brief berührt, wäre freilich ein längerer Austausch von Sammlungen & Beobachtungen zu beiderseitigem Vortheile wünschenswerth. Ohne die Möglichkeit eines solchen abzuwarten, schreibe ich einstweilen einige aphoristische Notizen hier nieder, die vielleicht nur als Eulen nach Athen wandern.

Ebels Schrift über die Lehnwörter im Ahd.3 werden Sie kennen, wohl auch meine Anzeige in Kuhns Zeitschrift.4 Ich habe einmal vorlängst begonnen, die in der Volksmundart der Wetterau aufgenommenen romanischen (incl. spätlatein.) Wörter zu verzeichnen u behalte mir eine Äußerung darüber vor, wenn ich meinen Brouillon noch finde5; ebenso über einen größeren von mir einst angelegten Brouillon über die roman. Wörter im Deutschen überhaupt.6 Außer neueren allgemeineren Fremdwbb. wären u.a. zu durchblättern: Sperander (Hoffmann), A la Mode Sprach der Teutschen zu Nürnb. 1727.7 – W. Wackernagel, die Umdeutschung zu Basel. Progr. 1861.8 v.A. – Wendler, Fremdwörter des Ahd. & Mhd., Zwickauer Prgr. 18669, vgl. Centralbl. 186610. Herrigs Archiv 186711. – Das Fremdwort im Deutschen A.A.Z. 1865 Beill. 346.349.351.12 – Francesson, Spec. Gloss. vocabb. ab orig. Germ. quae in linguas rec. illatae sunt Brl 1832.13

Haben Sie ein Verzeichniss dem Deutschen und Romanischen gemeinsamer Wörter angelegt, deren Ausgang aus einem dieser Sprachenkreiße unsicher scheint?

Ihren raetorom. Studien sehe ich mit Spannung entgegen. Diez hat sich, ein wenig durch mich veranlaßt, später etwas mehr um diesen ethnisch & sprachlich interessanten Stamm bekümmert, als er anfangs that.14 In den Partikeln läßt er noch Manches unentschieden; bei bear berücksichtigt er nicht die Formen blear, bjear &c.15 Es fragt sich: ob bereits vor den Alamannen die Burgunder &c auf die raetor. Mundarten einwirkten; in Tirol wol die Langobarden. Schnelles16 [sic] arbeitet an einer umfassenden Arbeit über die raetor. M. in Tirol, Pallioppi17 an einem Wtb. aller rr. Mundarten18. Die Schriften von diesen beiden sowie von Vian19, Walter20, Lauchert21, Stengel22, Sulzer23, Mitterutzner24, Böttiger25 &c. kann ich Ihnen den Titeln nach angeben, wenn Sie eine oder die andere noch nicht kennen. Der Wortvorrat der lombard. Mundarten u. neben diesem der Bau des Furlano & des Piemontesischen muß noch näher für die etwaigen Beziehungen zum RRom. geprüft werden. Stalder26 u noch mehr Tobler27 haben in ihren schweizerdeutschen Idiotiken viele RRom. Wörter zugezogen; irre ich nicht, auch Staub (das Brot &c)28 & Gatschet (Ortset. Forsch.)29. Die Schriften über die "Cimbarn"30, "Syͤlvier"31 &c werden Sie kennen. Die Grenzen der RRom. Mundarten verhandelten die Wien Jhb. 1819 V S. 4-6.32 Thurot sandte mir sein gewichtiges Werk über die latein. Grammatik im Mittelalter,33 das wahrscheinlich für Sie näheres Interesse hat, als für mich.

Bridel Glossar der Suisse Romande34 kennen Sie wol? Wenn ich Ihnen statt des Brotes zwar nicht einen Stein, aber doch nur Brocken spende, so rechnen Sie dieß zum Theil der Hast zu, in welche mich der hoffentlich vorübergehende Drang einiger Lebenswirren versetzt.

Ergebenst empfohlen Lorenz Diefenbach


[1] Gemeint kann nur Schuchardts Vokalismus sein (Schuchardt 1866 - 1868).

[2] Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich um den Gymnasiallehrer, Philologen und Lyriker Karl August Regel (1817-1889), Sohn des Theologen Friedrich Ludwig Andreas Regel und Mitarbeiter von Kuhns Zeitung, der mit Lorenz Diefenbach eng befreundet war (vgl. Schulz 1890: 5; ich danke Katrin Purgay und Lilly Olet für die Hinweise diesbezüglich).

[3] Ebel 1856.

[4] Es ist uns keine Diefenbach'sche Anzeige von Eberts Werk in Kuhns Zeitschrift bekannt. Unter den Anzeigen, die Diefenbach für besagte Zeitschrift verfasste, scheint nur Diefenbachs Anzeige vom ersten Band des deutschen Wörterbuchs von Weigand (1857) in Frage zu kommen (vgl. Diefenbach 1858).

[5] Schon lange beschäftigte sich Diefenbach mit der Mundart der Wetterau, Jacob Grimm schrieb ihm schon 1836: "Dass Sie zu einem wetterauischen Idioticon sammeln war mir eine nicht weniger erfreuliche Nachricht" (Brief vom 10. Mai 1836, zitiert aus Stengel 21895: 389).

[6] Im Verzeichnis der Schriften des Diefenbach-Nachlasses sind im Band 14 63 Seiten "Romanische Wörter in Diefenbachs Goth. Wörterbuche" verzeichnet. Mir sind keine anderen Arbeiten Diefenbachs zum Thema bekannt.

[7] Sperander (1728).

[8] Wackernagel (1861).

[9] Wendler (1865).

[10] Im Literarischen Centralblatt für Deutschland vom 9. Juni 1866 wurde das Werk Wendlers kurz kritisch rezensiert (vgl. o. V. 1866: 652).

[11] Möglicherweise ist Sanders' "Programm eines neuen Fremdwörterbuchs" gemeint, erschienen im Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen (Sanders 1867).

[12] Es handelt sich um einen anonym veröffentlichten dreiteiligen Beitrag mit dem Titel "Das Fremdwort im Deutschen", der in der Ausgaben 346 (12.12.1865), 349 (15.12.1865) und 351 (17.12.1865) der Beilage zur Allgemeinen Zeitung erschien (vgl. [o. V.] 1865).

[13] Franceson (1832).

[14] Es ist bekannt, dass Diez in der ersten Edition seiner Grammatik das Rätoromanische nicht berücksichtigt hatte (vgl. Diez 1836-1844), während er das Bündnerromanische in der zweiten Edition zum Katalog der romanischen Sprachen hinzugefügt hatte (vgl. Diez 1856-1860).

[15] Diefenbach (1831: 41) hatte behauptet: "Räthselhaft bleibt der Ursprung vieler unter den oben berührten nicht lateinischen Partikeln. Wir haben zwar in neueren Zeiten erfahren, dass der Ursprung der lateinischen Sprache nicht im Etruskischen zu suchen ist, kennen aber diese viel zu wenig, um zu wissen, ob solche Wörter Ueberbleibsel von ihr sind. Möglich war Diess nach der Geschichte des rhätischen Volks, wenn dieses wirklich etruskischen und nicht keltischen (nichtetruskischen?) Stammes war; aber höchst auffallend wäre es demnach, wenn aus der Grundsprache grade die Partikeln geblieben wären". Friedrich Diez, der Diefenbachs grundlegendes Werk rezipiert hatte auch eine Rezension davon verfasst (Diez 1831) hatte, merkte aber an (ich zitiere aus dem Neudruck in den Kleinere[n] Schriften und Rezensionen): "Räthselhaft ist allerdings die S. 41 bemerkte Fremdartigkeit Churwälscher Partikeln, indessen würden sie sich bei genauerer Prüfung bis auf wenige Ausnahmen im Lateinischen oder Deutschen nachweisen lassen. Solche wie davos (hinten), si (auf), ca (dass), sco (wie), pir (doch) können freilich keine Schwierigkeit machen; strutsch (kaum) ist wohl das Ital. strozzo für strozzato (eng), nagutta (nichts) von ne gutta, cura (wann) und suenter (nach) sind die Provenzal. quora und seguentre, niglur (nirgends) verwandt mit dem Franz. ailleurs; navend (weg) von ab inde mit Vorgesetztem n wie in nunder (woher), beâr (viel) ist mit dem Schweizerischen bêrete (Last) verwandt, sowie fig (sehr) mit fitz (S. Stalder) und memma (zuviel) scheint aus Menge verderbt; bucca (nicht) ist, wie uns scheint, mit bucca (Mund, Bissen) identisch und hat negative Bedeutung angenommen" (Diez 1883: 125).

[16] Gemeint ist Christian Schneller (1831-1908), österreichischer Philologe, Linguist und Volkskundler.

[17] Zaccaria Pallioppi (1820-1873), zunächst Jurist, dann Philologe und Rätoromanist.

[18] Es handelt sich um das Dizionari dels idioms romauntschs d'Engiadin'ota e bassa, della Val Müstair, da Bravuogn e Filisur (1895), Hauptwerk von Zaccaria Pallioppi, das von seinem Sohn Emil vervollständigt und zur Edition gebracht wurde.

[19] Es handelt sich um die erste gedruckte Grammatik einer dolomitenladinischen Varietät, die von Josef Anton Vian verfasst und 1864 anonym in Bozen zum Druck gebracht wurde: Gröden, der Grödner und seine Sprache.

[20] Es handelt sich um die Schrift "De Romanensibus Helvetiae et Teriolis gentibus", verfasst vom Berliner Oberlehrer Ferdinand Walter und erschienen im Programm des königl. Friedrich-Wilhelms-Gymnasium 1832.

[21] Lauchert (1845).

[22] Stengel (1868). Edmund Max Stengel (1845-1935) war ein deutscher Romanist, Schüler Diez' und Delius'. Im Schuchardt-Nachlass ist ein Brief von ihm verzeichnet (Nr. 11272).

[23] Sulzer (1855); dazu vgl. Schuchardt (1868: 32 FN) und Brief Lfd. Nr. 5.

[24] Mitterrutzner (1856).

[25] Böttiger (1853). Lars Fredric Carl Wilhelm (Vilhelm) Böttiger (1807-1878) war ein schwedischer Literaturhistoriker, Sprachforscher und Lyriker.

[26] Stalder (1806/1812).

[27] Mutmaßlich Tobler (1837).

[28] Staub (1868).

[29] Gatschet (1867).

[30] Es ist nicht klar, worauf sich Diefenbach bezieht. Es könnte sich jedoch um Schmeller (1838) oder um das posthum erschienene Wörterbuch des Zimbrischen desselben Autors (Schmeller 1855) und dessen Einleitung (Bergmann 1855) bzw. um Attlmayr (1865, 1867) handeln.

[31] Es handelt sich wahrscheinlich um die deutschsprachigen Inseln der Walser (im Speziellen in Piemont), damals auch Silvier genannt. Es ist schwierig zu sagen, welche bibliographischen Hinweise hier gemeint sind: Zur damaligen Zeit hatten sich Schott (1842) und in zweiter Linie Bergmann (1844) damit beschäftigt.

[32] Vgl. Zschokke (1819: 4-5).

[33] Vermutlich Thurot (1868).

[34] Gemeint ist das Glossaire du patois de la Suisse romande von Philippe-Sirice (auch: Philippe-Cyriaque) Bridel (Bridel 1866). Schuchardts Mutter Malwine Bridel-Brideri stammte bekanntlich aus der Schweizer Familie Bridel. Philippe-Sirice Bridel (1757-1845), für die Funktion, die er innerhalb des Schweizer evangelischen Gremiums der "classe de Lausanne et Vevey" zwischen 1811 und 1814 inne hatte bekannt auch als "Doyen Bridel", Bruder von Schuchardts Großvater Samuel-Elisée, war Pastor und Literat, Folklorist und Wissenschaftler. Er versuchte, eine französischsprachige Schweizer Nationalliteratur zu gründen, sein wichtigstes Werk bleibt jedoch das posthum erschienene Glossaire. Wie der Antwort von Schuchardt (vgl. den nächsten Brief), kannte er schon die Mehrheit dieser Werke; er hatte schon 1866 angefangen, sich für die rätoromanischen Idiome zu interessieren, wie aus einem Brief von Wilhelm Gurlitt zu entnehmen ist (vgl. den Brief Gurlitts in der Edition von Olet (2015)), in dem er Schuchardt eine Liste einschlägiger Werke zum Rätoromanischen schickt, die viele Übereinstimmungen mit den von Diefenbach genannten Titeln aufweist.