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Brief (01-HS-Diefenbach)

Gotha d. 27 Juni 69.

Hochverehrter Herr!

Im Vertrauen auf Ihre Güte wage ich es, Sie um eine Auskunft zu ersuchen. Bei einer Arbeit über das Rätoromanische stosse ich auf die Frage, wann, wie und woher die verschiedenen lateinischen und romanischen Elemente, die sich im Oberdeutschen, bes. in den Dialekten, vorfinden, hier eingedrungen sind. Existirt darüber nicht eine brauchbare Abhandlung? Es handelt sich natürlich weniger um die Ausdrücke, die sich auf den christlichen Kultus beziehen, sondern um gewisse ganz volksthümliche Wörter, deren Form nicht zu erkennen gibt, ob sie schon zu römischer Zeit oder aus einer bestimmten romanischen Sprache übergetreten sind, z.B. grisch, Kleien, lâgl = lagenula, fäsche Binde u.s.w.

Ausserdem gibt es eine ganze Reihe von Wörtern, die dem Romanischen und dem Deutschen gemeinsam sind und von denen es schwer zu sagen ist, welche Sprache ursprüngliches Besitzrecht an sie habe.

Dieser Gegenstand bietet ein so vielseitiges Interesse, bes. auch ein kulturhistorisches, dass es mich wundern würde, wenn er von Niemandem eingehender untersucht worden wäre.

Verzeihen Sie diese Belästigung und gestatten Sie mir, bei dieser Gelegenheit Ihnen meine aufrichtigste Bewunderung für Ihre umfassenden Leistungen auf dem Gebiete der Wissenschaft auszudrücken. Sie waren unter den ersten Anregern der romanischen Sprachwissenschaft, zu deren letzten und schwächsten Jüngern sich zählt

Ihr hochachtungsvoll – ergebenster
Dr. Hugo Schuchardt.