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Brief (03-NL174-2914)

Graz 6 Mai 1902

Verehrter Herr Kollege

Ob ich nach Wien kommen werde, hängt von meinem Gesundheitszustand ab, der gerade zu dieser Jahreszeit der ungünstigste zu sein pflegt. Meist bin ich zu unserer Feier „sicut cadaver“1 gekommen und habe mich auch in Wien nicht gebessert, im Gegentheil – im Mai ist Wien nur für mich geniessbar soweit es Prater heisst. Sie sprechen von einem Opfer das ich der Sache bringen würde. Das erweckt in mir den Verdacht, Sie könnten meinen dass ich die Sache dort auch ausserhalb des Gesprächs, monologisierend vor den Kollegen, verträte. Aber Reden i. e. S. ist bei mir aus neurasthenischen Gründen gänzlich ausgeschlossen. Übrigens halte ich im Allgemeinen nicht viel vom mündlichen Verfahren in solchen Angelegenheiten. Die Kollegen würden besser durch die Abhandlung von Couturat (Die internationale Sprache)2 in den Annalen der Naturphilosophie I, 2 – die Sie ja ohne Zweifel haben – unterrichtet werden, als durch irgend welche inter pocula oder inter electiones3 gemachten Auseinandersetzungen.

Da ich nun so sehr auf das Schriftliche angewiesen bin, so erlaube ich mir jetzt auf einen Punkt einzugehen der in Ihrem Brief zwar als ein persönlicher auftaucht, aber jedenfalls von allgemeiner Bedeutung ist. Auf dem in Frage stehenden Gebiet berühren sich unsere Anschauungen im Allgemeinen so sehr dass ich mit einiger Verwunderung gelesen habe, es würde Ihnen sympathischer sein wenn eine vorhandene Kultursprache zur Gemeinsprache gewählt würde. Diese Sprache würde auf keinen Fall das Deutsche sein, sondern etwa das Englische. Die englischen Gelehrten hätten keine zweite Sprache zu lernen, weder verstehen noch sprechen, die deutschen aber in beiderlei Sinn. Dadurch entstünde eine  ungeheure Mehrbelastung zu unsern Ungunsten; wir müssten auf das Stilisiren unserer fremdsprachlichen Erzeugnisse eine Menge von Zeit verwenden die den Engländern für die reine Gedankenarbeit zu Gute käme. Und dann, nehmen wir die Deutschen die angeblich die andere Sprache ebenso gut wie ihre Muttersprache beherrschen! Wie viel Selbsttäuschung und wieviel Renommage4 herrscht bei dieser Angabe! Ja, Kellner mögen das was sie zu sagen haben, in zwei Sprachen gleich gut ausdrücken, Kaufleute das Geschäftliche u.s.w. Aber wenn es sich darum handelt, das Tiefste, Feinste, Schwierigste zu sagen, dann ist eben nur die Muttersprache leicht genug; müssen wir nicht schon da mit dem Ausdruck ringen, und in einer Sprache die wir vielleicht seit Jahren nicht gesprochen haben, sollte es uns ebenso leicht sein? Das wäre ja geradezu unnatürlich. Ich habe seit meiner ersten Kindheit französisch gesprochen, ich habe eher französisch gelesen als deutsch, und wenn ich, besonders zum Druck, Etwas französisch zu schreiben habe, so kostet es mich gewiss das Doppelte an Zeit und Mühe. Diese Dinge habe ich im vorigen Jahr in einem Aufsatz in der Beilage der Allg. Zeit.5 auseinandergesetzt; ich bedauere sehr kein Exemplar mehr davon zu haben um es Ihnen zu schicken. Ich habe mit der Forderung geschlossen: Jeder spreche und schreibe in seiner Muttersprache jeder suche die Sprache des Andern in Wort und Schrift zu verstehen. Natürlich, soweit es sich um Kultursprachen handelt. Dass die Engländer den Deutschen in der Wissenschaft überlegen seien, kann man doch gewiss nicht behaupten, warum macht sich denn der Deutsche zum Packesel? Ein Engländer schreibt englisch und nur englisch nach allen Richtungen der Windrose, und erwartet dass man ihm englisch antworte; manchmal bemerkt er gnädig: Sie können mir deutsch schreiben, ich verstehe es einigermassen. Wenn wir den Ausländern soweit es sich nicht um unser persönliches Interesse handelte, stets deutsch schrieben, dann würde die Verwirklichung der Weltsprache sich sehr rasch vollziehen; wir leiden aber an einer unglaublichen Fremdländerei, wie man z.B. auch in dem corpore vili6 des Ballspiels feststellen kann wo die ärgsten Anglophoben glauben sich der englischen Ausdrücke bedienen zu müssen. Und dann herrscht bei uns die irrige Meinung, die Fähigkeit in andern Sprachen sich korrekt auszudrücken, sei eine Sache der Bildung; das ist sie nicht im Geringsten – sonst würde es bis auf die neueste Zeit in Frankreich und England wenig gebildete Männer gegeben haben; wohl aber bedeutet es Bildung, die Geistesschätze die in fremden Sprachen niedergelegt sind, verstehen zu können. Sie werden mich hoffentlich nicht für einen Chauvinisten halten, ich ärgere mich vielmehr fast tagtäglich über die Äusserungen von deutschem Chauvinismus. Es kommt mir nur darauf an dass die sprachliche Last gleich – d.h. nach Massgabe des Verdienstes – vertheilt werde.

Mit hochachtungsvollstem Gruss Ihr ganz ergebener
H Schuchardt.


[1] Lat. sicut cadaver – „wie ein Leichnam“, Schuchardt spielt vielleicht ironisierend auf die Etymologie des Wortes „Kadavergehorsam“ an.

[2] Gemeint ist Couturat (1902).

[3] Lat. inter pocula – „zwischen den Bechern“ und inter electiones – „zwischen den Wahlen“.

[4] D.h. „Prahlerei“.

[5] D.i. Beilage zur Allgemeinen Zeitung, gemeint ist Schuchardt (1901).

[6] Lat. in corpore vili – „im wertlosen Körper“.