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Brief (01-08420)

Neuenheim, den 9. Sept. 1897.

Caro Maestro!

Über Tepula1 wird wol im allgemeinen das richtige bei Fick vergleich. wörterb. d. indog. spr. I4 441. II3 1092 und besonders bei Zehetmayr analogisch-vergleich. wörterbuch üb. d. gesammtgebiet d. indog. spr. (Leipz. 1879) s. 455 f.3 stehen. Das wort gehört wol zweifellos zu tepēre, tepidus und zu abulg. teplŭ 'warm' (davon Teplitz 'ort mit warmen quellen'), abulg. toplŭ 'warm', aind. tápati 'ist warm, glüht, brennt'.

Nur muss man nicht mit Fick tepula scil.4aqua als 'warmes wasser' auffassen wollen. Sondern (wie Zehetmayr es andeutet) es ist ganz gewöhnliche volksanschauungsweise, dass fliessendes, von selbst fliessendes, sprudelndes, und stark fliessendes wasser als 'wallendes, siedendes' aufgefasst wird. So wird wol auch unser brunnen, ahd. brunno, got. brunna 'brunnen, quelle' doch zu brennen, got. ahd. brinnan 'fervere'5, altir. brennim 'ich sprudele' gehören; andere, wie Kluge etym. wörterb., trennen freilich brunnen und brennen, weil ihnen die bedeutungen nicht genügend zu stimmen scheinen6

Ein sicheres beispiel derselben art ist auch das von Kluge a. a. o. erwähnte mhd. und neuniederd. sôt masc. 'das wallen, sieden' und 'brunnen, ziehbrunnen, puteus7': es gehört zu sieden; auch componiert mhd. sôt-brunne für 'puteus'. Dann (nach Zehetmayr) lat. torrēns8 zu torreo, da 'dörren' und 'brennen' nahe verwandte begriffe sind, torrēns nicht eigentlich 'der dörrende', sondern 'brennen, der brennende' [Einschub/Notiz am Rand: vgl. lat. torris 'brand, brennender holzscheit'] (à propos: der pass Brenner hat wol den namen von dem  daselbst gelegenen Wildbad Brenner, Brennerbad mit zwei lauen quellen, vgl. Brockhaus Konversationslexikon, 14. aufl., s. v. Brennerbad).

Beiläufig noch ein neuer etymologischer gedanke von mir, der mir bei dieser gelegenheit kommt: lat. fōns 'quelle' hatte durchweg  langes ō, auch gen. fōntis etc. (vgl. Lindsay the Latin language 136. 141).9 Dieses fōnt- könnte ganz gut lautgesetzlich (nach dem von Solmsen studien z. lat. lautgeschichte 82 ff.10 dargelegten gesetze) aus *fovent- contrahiert sein, sowie cōntio aus *coventio, nōnus aus *novemos u. dgl. mehr bei Solmsen a. a. o. Dann liesse sich fōnt- 'quelle' nach massgabe der vorhin genannten begriffsanalogien wol zu foveo 'ich wärme' stellen; 'wärmen' war die grundbedeutung von fovēre11, wie erst ganz neuerdings wieder Bücheler rhein. mus. n. f. LII 391 mit recht betont.12

Wenn dem collegen Schuchardt mit diesen schnell von mir aufgerafften bemerkungen ein dienst geleistet werden mag, soll es mich bestens freuen.

Mit freundschaftlichem Gruss, Ihr
H. Osthoff.

Nachträglich:

Das engl. well 'quelle, brunnen' = ags. wella m. 'quelle' gehört zu unserem wallen, ahd. wallan, ags. weallan 'fervere', got. wulands 'siedend', aisl. vella 'kochen' nach anerkannter etymologie.

D-O.13


[1] Tepula aqua ist der Name eines antiken Aquädukts, das die Stadt Rom mit (warmem) Wasser versorgte.

[2] Es handelt sich um das Vergleichende Wörterbuch der indogermanischen Sprachen von August Fick (1833-1916). Die dritte Auflage erschien in vier Bänden (Fick 1874a, 1874b, 1876a, 1876b), die vierte Auflage wiederum in drei Teilen (Fick 1890, Fick et al. 1894, Fick 1909). Zum Zeitpunkt der Abfassung von Osthoffs Brief war in vierter Auflage erst der erste Teil (Fick 1890) und der zweite Teil (Fick et al. 1894) erschienen. Osthoff zitiert einerseits den ersten Teil aus der vierten Auflage Wortschatz der Grundsprache, der arischen und der westeuropäischen Spracheinheit (Fick 1890), andererseits den zweiten Band aus der dritten Auflage Wortschatz der graeco-italischen, der slavo-deutschen, der letto-slavischen Spracheinheit (Fick 1876).

[3] Gemeint ist Sebastian Zehetmayrs Analogisch-vergleichendes Wörterbuch über das Gesammtgebiet der indogermanischen Sprachen (Zehetmayr 1879).

[4] Abkürzug für lat. scilicet für ‚das heißt‘, ‚nämlich‘.

[5] Vgl. lat. fervere (intrans.), fervēre (trans.) – ‚sieden, kochen‘.

[6] Vgl. etwa die zum Zeitpunkt der Briefabfassung aktuelle fünfte Auflage des Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache (Kluge 1896). Mit dem Verfasser, dem Germanisten Friedrich Kluge (1856-1926) stand Schuchardt in regem Briefkontakt, vgl. die Briefe 05584-05640 von Kluge aus den Jahren 1887-1922 im Nachlass Schuchardts.

[7] Vgl. lat. puteus – ‚Brunnen, Grube‘.

[8] Vgl. lat. torrēns – 1. ‚brennend, glühend, heiß‘; 2. ‚schnell, fließend, reißend‘; 3. ‚Gießbach, Wildbach‘.

[9] Das ist The Latin language: an historical account of Latin sounds, stems and flexions (Lindsay 1894). Ein Brief des schottischen Philologen Wallace Martin Lindsay (1858–1937) vom 18.11.1904 befindet sich im Nachlass Schuchardts.

[10] Gemeint sind die Studien zur lateinischen Lautgeschichte (Solmsen 1894). Das vom Indogermanisten Felix Solmsen (1865-1911) dort auf den Seiten 82-109 postulierte Lautgesetz behandelt den Wandel von unbetontem in ŏ im Lateinischen.

[11] Vgl. lat. fovēre – ‚(er-)wärmen', aber auch mit weiteren Bedeutungen wie ‚hegen, pflegen‘, ‚hüten‘ oder ‚begünstigen‘.

[12] Vgl. „Altes Latein (Fortsetzung)“ (Bücheler 1897). Der Philologe Franz Bücheler (1837-1908) war von 1877–1908 Herausgeber der Neuen Folge (1842–1920) der Zeitschrift Rheinisches Museum für Philologie.

[13] Vermutlich "Der Obige" o.ä..