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Brief (57-07676)

Theuerster Freund!

Erst heute gewinne ich einen Augenblick Zeit um Dir einige Zeilen über die leidigen Akademieangelegenheiten zu schreiben. Es drängt mich nemlich Dich wissen zu lassen, dass ich auch diesesmal meinen Pflichten gegen Dich gedachte und Dich für die Stelle eines wirklichen Mitgliedes vorschlug. Wenn es mit rechten Dingen zuginge, so hättest Du bei der Beschaffenheit der Andern, die im Vorschlag gebracht wurden, gewählt werden müssen; denn, wie ich es nicht müde wurde, Allen die es hören wollten zu wiederholen, ragst Du über sie hervor wie der Chimborasso über den Kahlenberg; leider wirken da ganz andere Momente ein, und so kam es, dass Dank der stillen Arbeit rühriger Faiseurs, zur allgemeinen Überraschung jener Candidat durchdrang, an den die wenigsten dachten. Im Gefühle Deines Worthes kannst Du Dich leicht darüber trösten; ich aber ärgere mich. Mein Missgeschick wird mich indessen nicht hindern immer wieder den Versuch zu machen, Dir zu Deinem Rechte zu verhelfen. Dass auch Dein Freund Mayer1 selbst vor dem kleinen Krall2 zurücktreten musste, beweist wieder wie mächtig die Wiener Coterie ist. Doch genug davon; was nützt es sich böses Blut zu machen. Dass es Dir unmöglich wurde ein paar Tage in Wien zuzubringen hat mir sehr leid gethan, sowohl wegen der Ursache, der Krankheit Deiner guten Mutter, als weil ich um eine lang entbehrte und heiss ersehnte Freude gekommen bin. Warum hast Du nicht wenigstens die Pfingstferien zu einem kleinen Ausfluge hierher benützt? Wenn wir uns doch wenigstens während der Ferien irgendwo treffen könnten. Dieses Jahr gehn wir nicht nach Ischl; der Wunsch nach einiger Abwechslung wird uns nach Tirol führen; Igls Gossensass und Meran sind die drei Orte, die wir nacheinander aufzusuchen gedenken.

Mit meiner Gesundheit habe ich Grund ziemlich zufrieden zu sein.

Mit den besten Grüssen von uns Beiden Dein treuer
A Mussafia

24/5 90


[1] Gustav Meyer.

[2] Jakob Krall (1857 - 1905), Historiker.