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Postkarte (22-7324)

Bussaco den 21ten Juli 1886

Sehr geehrter Herr

den allerherzlichsten Dank sage ich Ihnen für die liebenswürdige Zusendung Ihrer "gesammelten Aufsätze"1. Einige kannte ich bereits, Dank Ihrer Güte, andere hatten Freundeshände mir in den betreffenden Zeitungen aus Deutschland gesandt: alle habe ich jetzt mit Genuß und Freude in diesem herrlichen Walde noch einmal durchlesen, und bereits einigen feinfühligen Portugiesen durch Mittheilung des hübschen Bandes freudenreiche Stunden verschafft. –

Kennen Sie das Original des reizenden auf p. 255 citirten spanischen Liedchens? meines Lieblingsgedichtes, nach dessen Vorbild ich seit langen Jahren vergeblich Ausschau halte? Deutsche und Italienische Lessingkenner – Rumhold, Böhler - Emilio TezaWagner etc. etc. gaben auf u. habe ich bereits umsonst danach gesorgt [?]. Sollte es ein makelloses Bruchstück vielleicht von Lessing aus irgend einem spanischen Drama aufgelesen worden sein?2 – Auf die Fragen nach meiner Gesundheit kann ich zum Glück jetzt mit einiger Ruhe u. hoffnungsvoll antworten. Es ist mir seit Jahren, besonders aber seit Dec. 85, recht schlecht gegangen. Schlaflosigkeit u. eine hochgradig peinigende Nervosität haben mich zu einem so bedenklichen Schwachzustand gebracht, daß ich alle u. jede Arbeit ruhen lassen mußte – um ein bewegungsloses, stilles Pflanzenleben zu führen.

Seit Wochen reise ich hier von Bad zu Bad – und gedenke demnächst (im Herbste) bei meiner Familie in Berlin für einige Zeit zu rasten.

Ihnen, hochverehrter Herr, ist es (so hoffe ich) besser gegangen. Ihre Taten machen es wahrscheinlich.

Mit bestem Dank u. Gruß

hochachtungsvollst C.M. de Vasconcellos.


[1] HS (1886), Romanisches und Keltisches sammelt eine Reihe von zuvor schon publizierten Aufsätzen; Brevier/Archiv Nr. 185. Für diese Veröffentlichung erhält Schuchardt 1885 den Prix Volnay.

[2] HS (1886: 255): „Gestern liebt' ich, // Heute leid' ich, // Morgen sterb' ich, // Dennoch denk' ich ; // Heut und morgen // Gern an gestern.“ (Brevier/Archiv Nr. 185; später auch 1895, Brevier/Archiv Nr. 294).