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Brief (20-7323)

Luso, Hotel Serra 24/8 82

Hochgeehrter Herr,

Ihre an meinen Mann gerichtete Karte ist nicht in seine, sondern wie alle an ihn eintreffenden Korrespondenzen, in meine Hand gekommen, d.h. sie ist von Porto aus hierher nach Luzo in den herrlichen Bussacowald 1 geschickt worden, wo ich mit unserem Kleinen die heißen Sommermonate zubringe. Mein Mann ist seit zwei Monaten unterwegs; er durchreist, kunsthistorischer Studien halber, das ganze Land, vorzugsweise kleine Städte und Dörfer und wechselt dabei natürlich fortwährend seinen Aufenthalt. Empfängt seine Briefe nicht von Tag zu Tag, und beantwortet sie auch nicht so regelmäßig wie es sonst seine schöne und beneidenswerte Gewohnheit ist. Damit Sie nun, hochgeehrter Herr, nicht noch länger auf die Erklärungen warten, die wir Ihnen seit so langer Zeit schulden, und um alten Fehl endlich zu sühnen , schreibe ich Ihnen vorläufig diese Zeilen. Ich weiß nicht wie viele Antworten ich Ihnen eigentlich schulde. Auf drängenden Wunsch meines Mannes der um meine erschütterte Gesundheit sehr besorgt ist, habe ich alles was Arbeit ist, oder an Arbeit erinnert zu hause gelassen – darunter auch die lange Reihe von noch nicht erwiderten Briefen, die sich während der Zeit meines trägen thatenlosen Leidens aufgehäuft haben. Verzeihen Sie daher wenn ich auch heute all die Punkte, die Sie angeregt, nur flüchtig berühre oder den einen oder den anderen ganz unerwähnt lasse. Die Camões-Angelegenheit wenigstens soll erledigt werden: wäre sie nicht eine gar so häßliche, unangenehme und für uns als Portugiesen tiefbetrübende Angelegenheit, ich hätte Ihnen doch wohl längst einmal davon gesprochen. So aber hoffte und wünschte ich immer sie würde sich noch wieder zum bessern wenden, – und wartete.

Auf unsere, meines Mannes und meine Anregung hin, war 1880, zur Feier des Centenario die Gesellschaft gegründet worden, unter großem Pomp und bei lebendiger Betheiligung. Alle die schönen und so wichtigen und nothwendigen Aufgaben die wir ihr aufzulegen gedachten, die definitive Feststellung der kamonianischen Texte, eine Musterausgabe derselben, eine Bibliothek portugiesischer Klassiker etc. fanden großen Beifall, das wissen Sie bereits. Aller Enthusiasmus aber verrauchte unmittelbar nach den Festtagen: die Behörden erfüllten ihre Versprechungen nicht (sie hatten zugesagt der Gesellschaft einen unbenutzten Saal der Stadtbibliothek einzuräumen; und die Camoniana derselben ebenda zur Nutzung der Mitglieder aufzustellen); das Publikum vergaß seine Pflicht; bei allen einberufenen Versammlungen fehlte es; die wenigen anwesenden Mitglieder waren nie beschlußfähig; der Präsident, Herr Graf von Samodaes widersetzte sich all den Maßregeln die mein Mann vorschlug etc. etc.; kein einziger von den Leuten that seine Pflicht; die auf unseren Wunsch erwählten Ehrenmitglieder wurden von Anfang an zu zahlenden Mitgliedern gemacht; das ganze Sinnen wurde so erniedrigt, daß mein Mann jede Hoffnung auf ein Gelingen seiner Pläne und damit auch die Lust verlor der doch vergeblichen Unternehmung seine Zeit, Mittel und Arbeitskraft zu widmen. Die Arbeiten, die zum Jahrbuch versprochen waren, trafen nicht ein. Um es leidlich zu gestalten, hätten wir es von a bis z schreiben müssen – und das ging doch wieder nicht an. Vor Juni 81 reichte mein Mann seine Entlassung ein – und von da ab haben wir nichts mehr mit der Camões-Gesellschaft zu thun gehabt. Das hätte ich Ihnen damals gleich mittheilen müssen – um so mehr als Sie einen kleinen, aber sehr interessanten Beitrag zum Jahrbuch (Tirso de Molina)2 eingesandt – und überhaupt von allen Ausländern der einzige sind, der der Sache ein gewisses Interesse entgegengebracht. Ihren Artikel behielt ich zurück weil damals noch gar keine Rede von der thatsächlichen Herausgabe des ersten Bandes war; – als er aber wirklich erschien, fand ich ihn so untergeordnet daß ich fürchtete Sie würden zürnen wenn ich Ihrem Artikel einen so schlechten Platz gäbe. Er soll in einem der nächsten Hefte der Revista da Sociedade de Instrucção erscheinen, deren Publikationen ich Ihnen zusenden werde sobald ich wieder in Porto bin – natürlich falls Sie diese Verwandlung genehmigen. Wie gesagt ich hoffte zuerst trotz aller Hindernisse würde dennoch ein gedeihliches Entwickeln der Gesellschaft möglich sein, hernach aber betrübte und ärgerte mich das Mislingen, und vor allem auch das taktlose Vorgehen des Vorstandes Ihnen und den anderen Herren gegenüber so sehr daß mir jedes Wort darüber peinlich war.

Haben Sie diesen Sachverhalt nicht errathen? angesichts der Mahnzettel die man Ihnen gesandt, angesichts des Annuario in dem ja unsere Namen ganz fehlen, haben Sie ungefähr das richtige gewiß vermuthet?

Oder haben Sie das Jahrbuch überhaupt nicht erhalten? Nach dem Diplom werde ich mich erkundigen; ich habe noch keines zu sehen bekommen – und zweifle daß sie überhaupt bereits ausgeführt sind.

Der früher einmal verheißene Bulhão Pato ruht in Porto; ebenso Adressen nach Goa, Mozambique etc.: Sie sollen bald wieder von mir hören und Antwort auf alle Fragen erhalten.

Geht es Ihnen jetzt wieder besser? lassen Ihre Nerven Ihnen Ruhe? Daß Sie unermüdlich thätig sind, zeigt mir jedes Heft von Gröber3 etc. – Ich muß leider nothgedrungen der faulsten Ruhe pflegen und bin darüber oft sehr betrübt. Hoffentlich wird es bald besser: der Aufenthalt hier hat mir sehr wohl gethan. Kennen Sie den Bussacowald? ich druchstreife ihn täglich zu Pferde und zu Fuß an der Seite unseres kleinen Knaben, der schon ein muthiger strammer Reiter ist.

Mit bestem Gruß,
hochachtungsvollst Carolina Michaëlis de Vasconcellos.


[1] Floresta do Buçaco.

[2] Eine Veröffentlichung von HS über den spanischen Dramatiker des 16. Jahrhunderts Tirso de Molina ist nicht bekannt.

[3] Gemeint ist die von Gustav Gröber herausgegebene Zeitschrift für romanische Philologie.