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Brief (1-7313)

Berlin den 30ten April 1875

Hochgeehrter Herr,

schon drei Mal hätte ich Gelegenheit gehabt Ihnen ein Wort der Dankbarkeit zu sagen, denn schon drei Mal haben Sie mir Beweise einer "nicht-feindlichen" Gesinnung gegeben: einmal als Sie im Jahrbuch meine ersten etymologischen Versuche so freundlich erwähnten,1 ein zweites Mal durch die Übersendung Ihrer Bilder, ein drittes Mal durch Ihre anmutige Festschrift2 - und immer ist es unterblieben, nicht aus Trägheit und Nachlässigkeit, auch nicht aus Undankbarkeit, sondern aus einem vielleicht noch viel schlimmern Grund – aus Eitelkeit! Zu Visiten bei hohen Unbekannten pflegt man sich - zum wenigsten wenn man Dame ist - in Gala zu kleiden und das Galakleid, hochgeehrter Herr, besaß ich noch nicht: können Sie sich also wundern wenn ich es vorzog still zu Hause zu bleiben und erst meine Gewänder fertig zu spinnen und zu weben? –

Ich scherze – doch ist mein Scherz zugleich Ernst: ich weiß zu gut wie unbedeutend das ist was ich bis jetzt leisten konnte um irgend welche Ansprüche darauf zu gründen; ich will mir durch die positive Leistung irgend einer großen Tat erst das Recht erwerben auch nur ein Minimum Ihres Interesses und Ihrer Zeit in Anspruch zu nehmen. So lange lassen Sie mich still im Schatten stehen und schweigen wie bisher.

Nun bin ich zwar auch noch weit davon entfernt mein Galakleid anlegen zu können, eine große Tat aufzuweisen, Ihnen irgend etwas der Beachtung Wertes zu senden; auch heute muß ich noch ganz bescheiden mit unvollkommenen Lehrlingsarbeiten vor Sie treten. Doch ich kann wenigstens zeigen daß ich gearbeitet habe, ich kann wenigstens sagen daß meine beiden Abgesandten nur Vorboten sind die Ihnen eine etwas größere Tat verkünden sollen - freilich noch nicht die große.3 Darum breche ich wenigstens einen Augenblick mein Schweigen und sage Ihnen endlich ein mal was ich längst hätte sagen sollen: daß ich Ihnen herzlich für die mir geleisteten Dienste dankbar bin. Je mehr ich als Dame darauf angewiesen bin allein zu arbeiten und zu lernen um so dankbarer muß ich denen sein die mir - ohne ihr Wissen und Wollen - durch ihre Werke Lehrer geworden sind: und nächst Diez und Ascoli wüßte ich Niemand zu nennen, der mir so kraftvoll und sicher vorwärts geholfen hätte wie Sie, hochgeehrter Herr. – Ihnen. – Nehmen Sie meinen herzlichen ergebenen Dank nicht als Phrase sondern als einfache Wahrheit hin: ich hoffe daß ich ihn Ihnen später energischer und würdiger durch Arbeiten beweisen werde. In meinem Etymologischen Wörterbuch des Spanischen das nicht mehr ganz Zukunftsmusik ist, sondern schon die größte Zeit meiner Gegenwart ausfüllt, werden Sie den Spuren Ihrer Einwirkung in allen bis jetzt existierenden romanischen Lexiis gegenüber deutlich genug erkennen.

Noch ein Wort dictiert mir wieder meine Eitelkeit: staunen Sie nicht darüber daß ich so langsam vorwärts komme, daß ich so spärliche Resultate meiner Arbeit liefern kann da ich absolut allein arbeiten und streben mußte, habe ich natürlich mit Ab- Um- und Irrwegen viel Zeit vergeudet und habe jetzt noch fortwährend klaffende Lücken auszufüllen wenn ich nicht will daß mein ganzer Bau bald einstürzen soll. Ich ziehe es vor langsam und sicher vorwärts zu gehen. Ich will die Sichel nicht an das Korn legen ehe es nicht reif ist um nicht nachher trübselig in meiner Hand statt goldiger Frucht unnützes Stroh zu sehen. – Halten Sie mich nicht für faul und träge wenn ich bisher noch selten mit kleinen Leistungen hervortrat: noch etwas Geduld, und es wird besser werden! Oder doch, tadeln Sie richtig meine Untätigkeit, und lachen Sie darüber daß die Furcht undankbar zu erscheinen nun doch meine Eitelkeit besiegt und mich verleitet hat, ohne Galakleid und ohne "große Tat" bei Ihnen anzuklopfen.

Mit freundlichem Gruße

hochachtungsvoll Caroline Michaëlis.

Ich habe augenblicklich kein anderes als dieses Bild; nehmen Sie bitte damit fürlieb bis ich ein besseres habe.


[1] Schon in Schuchardt (1871), also auch einer der frühen Veröffentlichungen Schuchardts, kommentiert dieser kritisch (S. 115) den Vorschlag von CMdV zur Etymologie von 'bizzeffe' (Michaëlis 1871).

[2] Wahrscheinlich Schuchardt (1874).

[3] Eine der beiden Arbeiten, siehe nächster Brief, Michaëlis (1875).