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Brief (31-10793)

Wien, 7. September, I. Spiegelg. 10

Verehrter Herr Hofrat,

Ihr Brief wurde mir vom Semmering mit der üblichen Bummelgeschwindig­keit von 3 Tagen zugestellt. Ihre Einwände gegen Marbe1 berühren sich, wie ich glaube, mit den meinen: erinnern Sie sich an den Satz meines Briefes, in dem ich die Vernachlässigung der Unterschiedenheiten tadele. Die "Metaphysik" ist viel­leicht von Marbe nicht gemeint: die Gleichf[örmigkeit] d[er] W[elt] soll kein Erklärungsprinzip, sondern selbst erst durch seine Kompilation bewiesen werden. Übrigens ist m.E. auch Ihr "elementarverwandt" etwas metaphysisch: es besagt doch 'Verwandtschaft wie die von Elementen, Urstoffen, die sich nicht mehr zerteilen lassen', nimmt also die weitere Unzerteilbarkeit von vornherein als gegeben an, einen dichten Nebel, den wir nicht durchdringen können.

Meine "Beziehungslehre" stellt sich in Gegensatz zu "Wortfügung", "Satz­lehre", "Syntax" etc. – wo stets Wörter wie Bahnzüge verschoben werden, wäh­rend es sich um die Geleise, die Weichen handelt, die begrifflich-wortlich ver­laufen.

Mit gleicher Post geht die Tobler-Besprechung an Sie ab. Darf ich Sie auf eine von O. Weise in Z. f. d. dt. Unterr. zitierte Abhandlg. von Joh. Mink, Vorschläge für eine zukünftige Benennung der Fleischstücke vom Rind im Fleischergewerbe des deutschen Reichs Leipzig 1916, 66 S.2 aufmerksam machen?

Vielleicht findet sich etwas zu der Milz3 etc. Gehöriges?

Streffleurs Militärblatt4 liegt doch im jedem Kaffeehaus zur Benützung für avancementhungrige und -neidische Leutnanteln!

Nun eine Bitte: meine etwa 50 Maschinenschreibseiten starke (mit schlecht­geschriebenen Randglossen und Einschüben versehene) Abhandlung über Chamberlain und über die Sprachbewertung (Titel abänderbar) kann ich nir­gends unterbringen (vgl. beiliegende Absage Neumanns). Möchten Herr Hof­rat sie nicht zu irgend einer Akademie oder zu einem Verleger hinaufprotegieren? Im Selbstverlag wird sie mir zu teuer kommen, außerdem ist die Verbreitungs­mög­lichkeit schwierig. Es ist doch traurig, daß man darum betteln muß, den Men­schen Aufklärung zu spenden.

Driesch's Besprechung hat mir schon seit einigen Tagen Kollege Kammerer versprochen.

Ergebenste Grüße!
Spitzer

Bitte gelegentliches Nichtschreiben darauf zu schieben, daß ich 7 Tage schweren Dienst leiste!


[1] Karl Marbe ist (zus. mit Albert Thumb) Autor von Experimentelle Untersuchungen über die psychologischen Grundlagen der sprachlichen Analogiebildung. Leipzig 1901. Schuchardt rezensierte diesen Text im Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 23 (1902): 393-400.

[2] Johannes Mink, Vorschläge für eine zukünftige Benennung der Fleischstücke vom Rinde im Fleischergewerbe des Deutschen Reiches. Leipzig: Fleischerschule 1912.

[3] Schuchardt arbeitete wohl bereits an seiner Abhandlung "Zu den romanischen Benennungen der Milz", in: Sitzungsberichte der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften 8 (1917), 156-170; Spitzer besprach diesen Text für das Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 9/10 (1917), 322-330.

[4] Diese Zeitschrift, als Publikationsort für einen Sprachwissenschaftler eher überraschend, sei ihrer Ausnahmestellung halber zur Gänze angeführt: Streffleur's Militär­blatt. Wochenausgabe mit den amtlichen Verordnungsblättern für die gesamte Wehrmacht Österreich-Ungarns. Wien: Seidel u. Sohn. Sie erschien von 1914 bis 1918.