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Brief (03-10765)

Rom, Via Emilia 18, 3. IV. 1912

Verehrter Herr Hofrat,

Meinen innigsten Dank für die liebe Sendung. Den Wink "für künftige Baskolo­gen" werde ich mir zu Herzen nehmen. Die Grüße an Klein-Paris konnte ich nicht weitergeben, weil mich die Mauern von Groß-Rom umschließen – auch komme ich dahin wohl kaum mehr zurück, da ich mich nicht, wie Herr Hofrat in einer früheren Karte anzunehmen schienen, in Leipzig habilitiere (wo ebenfalls ein Meyer-Lübke-Schüler, Dr. Friedmann, Dozent ist), sondern in Wien, also in der Stadt, die ich mit keiner andern der Welt vertauschen möchte, wegen der Eltern, wegen der Kulturmöglichkeiten, wegen der Gegenwart Meyer-Lübkes etc.

Darf ich Herrn Hofrat mit Rücksicht auf die S. 12 Ihres Artikels im "Nyel­vör"1 besprochene syntaktische Erscheinung auf das hinweisen, was ich in mei­nem Aufsatz über span.-port. Romanzen in der Zeitschr. 1911, S. 226, Anm. 2, geäu­ßert habe? Auch ich war bemüht, Toblers "Filetnadeln der Logik" aus dem Sprach-Gewebe zu ziehen. Das portugies. sua besta wäre also nach Karol. Michae­lis auszuschalten?2 Wie erklärt sich aber das Altnord.? "Sein Hund!" statt "er Hund!" müßte man sich also wohl so denken: man beginnt mit "sein", nun steckt man, im Abstraktum, das den Begriff 'Hund' enthält, zu suchen, vermeidet aber doch den Neologismus "Hundhaftigkeit" (wie in cela sent son curé de province das *curéité) und setzt nun das Konkretum "Hund": also gewissermaßen wie ce diable d'homme: nur wird bei "sein Hund" schon vorher durch das Possessiv die Zusam­mengehörig­keit von "Hund" mit "er" ausgedrückt, die das de im zweiten Beispiel zwischen diable und homme markiert.

Mit ergebenem Gruß und vielem Dank
Leo Spitzer

dauernde Adresse: Wien I, Spiegelg. 10.


[1] H.S., "Geschichtlich oder elementar verwandt?", in: Magyar Nyelvör 43 (1912): 3-13.

[2] Carolina Michaelis de Vasconcellos, Studien zur hispanischen Wortdeutung. Florenz: Monnier 1885.