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Brief (1)

Sehr geehrter Herr!

Ich habe Ihre Abhandlung die Sie die Güte hatten mir zuzusenden, mit besonderer Freude gelesen, nicht nur weil ich sehe dass wir in Allem übereinstimmen, sondern auch wegen des vielen Neuen, die sie für mich enthält. Soeben sende ich eine Anzeige davon an die Deutsche Literaturzeitung; hoffentlich ist mir dort noch niemand zuvorgekommen[1]. Der Schlusspassus S. 244f. scheint mir einen Widerspruch oder ein Missverständnis zu enthalten. Wenn Sie von den Gegnern der Junggrammatiker reden – unter die Sie sich nicht "indrullere" lassen würden -, so sind Sie doch was den Charakter der Lautgesetze angeht, ein so entschiedener Gegener der Junggrammatiker, wie irgend einer; in anderer Beziehung befinde ich wenigstens – und auf mich beziehen Sie sich ja ausdrücklich – in keinen prinzipiellen Gegensatz zu den Junggrammatikern. Der "neuen Richtung" gehören wir ja alle an. Wenn wir von den Junggrammatikern sprechen, so müssen wir uns entweder an das Programm von 1878 (Morphol. Unters.)[2] halten – das bekämpfe ich ja eben – oder an ihre Leistungen, und da kann ich dann wahrhaftig nicht sagen, dass z.B. Ascoli[3] der ja lange vor den Junggrammatikern da war, sich in der Erforschung der Ursachen welche den Sprachveränderungen zugrunde liegen als Mann der älteren Richtung charakterisieren [läßt]. Pauls Buch[4] habe ich bei jeder Gelegenheit gelobt ("Slawo-d. u. Slawo-it." [5] – "Lautgesetze"[6] – Erwiderung gegen M. Henry in der Revue critique[7]); aber ich doch einestheils nicht diese individuelle Leistung auf Rechnung der Junggrammatiker schlechtweg setzen, unter denen ursprünglich nur Brugman und Osthoff verstanden wurden, anderntheils enthalten die Principien doch nicht in dem Maasse Neues wie vielfach angenommen wird. Die "sprachphilosophischen" Studien sind ja schon längst, besonders von Steinthal,[8] mit großem Erfolge angebort worden. Das Kapitel über den Lautwandel habe ich schon in der ersten Auflage für recht unvollkommen gehalten; nach alle dem was in der letzten Zeit darüber debattirt worden ist, erscheint es in der zweiten Auflage als wirklich zurückgeblieben. Die Aufklärungen welche Paul mich hatte erwarten lassen, habe ich vergeblich darin gesucht.
Erlauben Sie mir Ihnen noch Einiges zu bemerken was ich in meiner Recension nicht zur Sprache gebracht habe. Ich muss allerdings gestehen dass ich Dänisch nie studiert habe und es eben nur lese als ob es ein Dialekt des Deutschen wäre (natürlich mit dem Wörterbuche); daher habe ich vielleicht dort einen oder den anderen Ausdruck nicht richtig aufgefasst. So verstehe ich z.B. auch S. 214, Z. 8f. nicht genau, da im Deutschen "Was ist das für ein Thier?" – "Ich weiß nicht was das für ein Thier ist" durchaus regelrecht wäre (vielleicht also ein Germanismus der auch sonst in Dänemark vorkäme?) – S. 215 Vi har set, hvorledes de to principper u.s.w. Aber eigentlich ist im Vorhergehenden nur erst von einem Princip, dem Analogieprincip die Rede gewesen, noch nicht von Lautwandel. – S.216. Wenn von treatro = teatro als Analogiebildung geredet wird, so ist das doch nicht von mir geschehen. Und da hier das Begriffliche keine Rolle spielt, so würde es sich doch wiederum um eine rein lautliche Analogie handeln. – S. 217 letzte Zeile: på dette område Was ist damit gemeint? Es soll doch, was mir formal das einzig Mögliche erscheint, nicht auf det syntaktiske område gehen. – S. 238 Zu dem gedehnten n vor dän. nå, nœ läßt sich hier das oft stimmlose n von deutschem no, (nein) stellen. – S. 244 Dass mit dem Ausdruck "Lautgesetz" ein juristischer Sinn verbunden werde, könnte ich aus den angeführten Wendungen nicht folgern.

Mit bestem Danke für Ihre Freundlichkeit
in grösster Hochachtung
Ihr ergebener
HSchuchardt


[1] Schuchardt bespricht Jespersens Til sprögsmålet om lydlove gemeinsam mit J.Hornemann Bredsdorffs Om Aarsagerne til Sprogenes Forandinger 1886 in der Deutschen Literaturzeitung 1556-1559 [Archiv/Brevier Nr. 197].

[2] Brugmann, K., & H. Osthoff Morphologische Untersuchungen auf dem Gebiete der indogermanischen Sprachen. 6 Bände, 1878 – 1890.

[3] Graziadio Isaia Ascoli (1829-1907), italienischer Sprachwissenschaftler und Orientalist.

[4] Hermann Paul, Principien der Sprachgeschichte. Leipzig: Niemeyer. Das Werk erlebte bis 1920 verschiedene zum Teil recht wesentlich vom Autor überarbeitete Neuauflagen.

[5] H.S., Slawo-Deutsches und Slawo-Italienisches. Dem Herrn Franz von Miklosich zum 20. November 1883. Graz: Leuschner & Lubensky. [Archiv/Brevier Nr. 160]

[6] H.S., Über die Lautgesetze. Gegen die Junggrammatiker. Berlin: Oppeneheim. [Archiv/Brevier Nr. 172]

[7] H.S. "Sur les lois phonétiques. Réponse à M. V. Henry", Revue critique 20.1 (1886): 293-300. [Archiv/Brevier Nr. 188]

[8] H. Steinthal (1823-1899), Deutscher Sprachwissenschaftler Mythologe und Religionsphilosoph.