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Brief (051-B5_146)

Graz, 26 Nov. 1883.

Verehrtester Freund!

Dass ich so spät Ihnen für Ihre werthvolle von liebenswürdigen und schmeichelhaften Ausdrücken begleitete Sendung meinen herzlichsten Dank sage, mögen Sie mit Folgendem entschuldigen. Ich beschloss zu Miklosich's 70jährigem Geburtstage (20 Nov.) auf eigene Hand eine Gratulationsschrift (über Sprachmischung im Allgemeinen und Slawo-deutsche im Besondern) drucken zu lassen; zum bestimmten Tage aber wurde nur ein Bogen fertig und ich arbeite nun wie ein gehetztes Wild, damit sich nicht etwa die Sache in's nächste Jahr verschleppe.1

Ich brauche Ihnen nicht zu sagen wie sehr mich Ihre neuen Studien über das Ladinische interessiren und mit welch besonderer Spannung - jeder Pfarrer denkt eben an seine Pfarrei - ich Ihren Auslassungen über romanisch-deutsche und deutsch-romanische Sprach-mischung entgegensehe.2 Sie werden da wieder so viel neue Gesichtspunkte aufdecken, dass meine Betrachtungen über einen analogen Gegenstand allzu kümmerlich daneben sich ausnehmen werden. Wissen Sie wesshalb ich mich auf so abstruse Dinge wie Kreolisch verlege? Nur weil ich da, wo ich zunächst ohne Konkurrenz bin, nicht alle Hoffnung verliere, Etwas zu leisten.

Ich hoffe binnen ganz Kurzem auf das Ladinische gründlicher eingehen zu können - zu gleicher Zeit an zwei Strängen zu ziehen ist meiner Natur fast versagt. Ich habe Th. Gartner's Rätoromanische Grammatik zu recensiren.3 Wie tüchtig auch diese Leistung ist, vermisse ich doch darin die nachdrückliche Anerkennung Ihrer grundlegenden Leistungen. Über diesen Punkt gedenke ich mich näher auszulassen. Es ist überhaupt jetzt sehr häufig, dass man auf einem wissenschaftlichen Gebiete die Vorarbeiten Anderer absichtlich ignorirt oder aus Flüchtigkeit übersieht. Die sehr schülerhaft gedachte und stilisirte Gratulationsadresse der philosophischen Fakultät von Bonn an Miklosich schliesst mit den Worten: "auch die romanische Philologie schuldet Ihnen Dank, seit durch Sie die Bildungsgesetze des Rumänischen, die bisher allen Erklärungsversuchen widerstanden, endgiltig erschlossen sind". Anscheinend eine Verwechselung des Rumänischen mit dem Etruskischen und nebenbei eine hübsche Ohrfeige für unsern Freund Mussafia.4

In herzlicher Sympathie
und Bewunderung
ganz der Ihrige

HUGO SCHUCHARDT


[1] Hugo Schuchardt: Dem Herrn Franz von Miklosich zum 20. November 1883. Slawo-Deutsches und Slawo-Italienisches, Graz, 1884 (unveränderter Neudruck: München, 1971), (Brevier-/Archivnr. 160).

[2] G. I. Ascoli: Saggio di morfologia e lessicologia soprasilvana, in: AGI 7 (1880-83), 406-602. Vgl. v. a.: 556-572.

[3] Theodor Gartner: Raetoromanische Grammatik, Heilbronn, 1883 (Unveränderter Neudruck: Vaduz, 1984). - Schuchardt hat sein Vorhaben, dieses Werk zu rezensieren, nie ausgeführt.

[4] Vgl. dazu: Adolf Mussafia: Zur rumänischen Vocalisation, in: Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse der kaiserli­chen Akademie der Wissenschaften in Wien 58 (1868[!]), 125-154.