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Brief (15-12560)

Leiden, 4. März '86.

Verehrtester Herr College,

Gern hätte ich Ihre Karte vom 26 Febr.1 früher beantwortet, könnte aber bei vielerlei Beschäftigungen keinen freien Augenblick herausfinden, um die Sache nochmals ruhig zu überlegen. Nochmals, sage ich, denn das Wort boegseeren hat mich schon öfters zu eingehenden Untersuchungen veranlasst, leider ohne befriedigenden Erfolg. Und dasselbe habe ich auch jetzt wieder erfahren. Der Ursprung des Wortes bleibt mir dunkel. Die bisherigen Erklärungsversuche haben insgesammt nichts zu bedeuten. Der geschichtliche Thatbestand ist folgender. Die älteste mir bekannte Erwähnung ist in Kilian's Etymologien (1588),2 der boechseerden, boechtseerden durch remulco trahere3 übersetzt. Das boecht bei Kil. ist nur etymologische Spielerei (die er ganz besonders liebte), da er boeg als boecht, bocht (B. bucht) erklärte. Also, zu seiner Zeit war die Form boechseerden = boegseerden, das eigentlich unserm boegseeren gleich steht. Die auch sonst vor kommende Wechslung zwischen -eerden und -eeren lässt sich leicht erklären. Beide Formen finden Ihre Vermittlung im Part. geboegseerd, das aber so gut auf -eerden als auf –eeren hinweisen könnte. So entstand neben boegseerden (das wohl die ältere Form sein wird) die jüngere Form boegseeren, und diese prävalirte natürlich, weil ja die Endung -eeren die gewöhnlichere war in andern Wörtern.

Auf Kil. folgt ein Beispiel vom J. 1641, in einer von Ihrem Landsmann Weiland Ferd. von Hellwald4 herausgegebenen Reihe von Matham („Voyage d'Adrien Matham au Maroc, publié par F. de H.“, La Haye, 1866). Dort heißt es (S. 77): „Soo dat ons volck genootsaeckt waeren met alle macht te boucheren ons op de zeede te komen.“ Also hier in französischer Schreibweise.

N. Witsen5 in seiner klassischen Arbeit („Scheepsbouw en bestier“, 1671) schreibt boegzeren (S. 486), das, nur mit älterer Orthographie, völlisch6 dasselbe ist als unseres boegseeren. Also in 1671 war das Wort in der modernen Form schon fertig.

Im „Leben de Ruiter‘s“ aber von G. Brandt7 (1687), der sehr genau die Schiffer-terminologie kannte und anwandte, findet man S. 977 boeghzaarden, und S. 949 boeghchaarden. Das letztere hat er gewiss nach franz. Art als boegsjaarden ausgesprochen. Merkwürdig dass wir hier das rd wieder begegnen. Die Wechslung zwischen aard, erd en eerd hat nichts zu bedeuten: die ist in unserer Aussprache eine sehr gewöhnliche.

Dieser Thatbestand scheint mir zu erweisen, dass die ältere Form boechseerden ist, das später zu boegseeren ward, in welchem man, eben der Endung -eeren wegen, einen franz. Ausdruck zu sehen meinte, und darum boucheren, boesjeeren, schrieb. Der romanische Ursprung ist aber nicht wahrscheinlich, denn in keiner romanischen Sprache lässt sich die leiseste Spur eines verwandten Wortes entdecken. Vermuthlich soll also boechseerden germanischen Ursprungs sein. Aber woher?

Das franz. remorquer von remulcum, touer von holl. touw, und port. sirgar von sirga, wecken den Gedanken, ob nicht der Name von einem Worte herrührt, das Kabel, Tau bedeutete, weil dort dergleichen Wörter bei verschiedenen Völkern meistens auf denselben oder ähnlichen Anschauungen beruhen. Es ist mir aber nie etwas vorgekommen, das wie boechsaer oder boechseer lautete und ein Kabel bedeutete. Die eigentliche Bedeutung und der Ursprung des Wortes bleiben mir also dunkel.

Sollte Ihnen vielleicht ein erwünschtes Licht aufgehen, so halte ich mich für die gefällige Mittheilung bestens empfohlen.

Was endlich das von Ihnen genannte russische bečevati̒̌8 betrefft (Jal, Glossaire nautique9, p. 1276, gibt bouksirovate10), es ist wohl nicht zweifelhaft, dass dasselbe, wie überhaupt alle russische Seewörter, dem holländischen entlehnt sei. Die russische Marine ist ganz und gar der holländischen nachgebildet, und die ganze holl. Terminologie vom Czar Peter dem Grossen in sein Reich eingeführt.

Es thut mir leid, Ihnen nur dies wenige und ziemlich ungenügend mittheilen zu können. Aber die Seewörter sind meistens überaus schwer zu erklären.

In grösster Hochachtung und freundschaftlich
Ihr ergebener

M de Vries

Eine Form boegsen (ohne - er) ist bei uns ganz unbekannt. Hochd. bugsen ist nur ein scherzhaftes Wort.

Die Schreibweise boegseeren mit g zeigt, dass man das Wort an boeg anlehnte. Ob es aber damit wirklich zusammenhängt, scheint mir sehr fraglich.


[1] Im Nachlass nicht vorhanden.

[2] Kilian, Cornelius (1588). Etymologicon Teutonicae Linguae. Antwerpen.

[3] Lat. „navem remulco trahere“ – „ins Schlepptau nehmen“.

[4] Der gebürtige Wiener (hier von de Vries fälschlicherweise als „Landsmann“ Schuchardts bezeichnet) Ferdinand von Hellwald (1813-1884) war Beamter der Wiener Hofbibliothek und später Sekretär des Malteserordens in Rom (MKL, Bd. 8: 362-363, s. v. „Hellwald“). Die Voyage d'Adrien Matham au Maroc, 1640–1641 (Matham 1866 [ed. Hellwald]) wurde von ihm aufgefunden und veröffentlicht. Eine Widmung, vermutlich an de Vries, findet sich im Einband:„a l’érudit ami des sciences, au profond connaisseur de la langue et de la littérature hollandaise, m. le prof. M. de Vries“.

[5] Nicolaas Witsen (1641-1717) war Regent von Amsterdam und Vorsitzender der VOC. Seine Arbeit zum Schiffsbau Aeloude en Hedendaegsche Scheeps-bouw en Bestier (Witsen 1671) diente als Vorlage für die Übertragung niederländischer Fachbegriffe ins Russische. Seine technischen und geographischen Arbeiten sind auch heute noch von etymologischem Interesse (Veder 1918).

[6] De Vries verwendet hier scheinbar die veraltete Nebenform „völlisch“ von „völlig“, die auch im GWB als „seltene bildung“ bezeichnet wird (GWB, Bd. 26: Sp. 679).

[7] Geeraerdt Brandt (1626-1685) war niederländischer Geistlicher, Schriftsteller, Kirchen- und Marinehistoriker. Seine Biographie des Marineadmirals Michiel de Ruyter zählt zu den Standardwerken niederländischer Seefahrtsgeschichte (Weel te Hoorn 2012).

[8] Nach heutiger wissenschaftlicher Transliteration bečevat'. De Vries schreibt – so scheint es – ein Haček über dem Punkt über dem i. Die Form bečevat' ist heute offenbar nicht mehr gebräuchlich, aber es findet sich bečeva (бечева) mit der Übersetzung „Schlepptau, Zugseil“ in modernen Wörterbüchern. In älteren Wörterbüchern finden sich auch Einträge für bečevat' (бечевать), die einen nautischen Zusammenhang zeigen (so etwa in Booch & Frey 1871 [Bd. 1]: 33, s. v. „anholen“).

[9] Jal, Augustin (1848). Glossaire nautique: répertoire polyglotte de termes de marine anciens et modernes. Firmin Didot freres. Paris.

[10] Das Wort wird heute transliteriert als buksirovat' und bedeutet „im Schlepptau haben“, „bugsieren“. De Vries orientiert sich an der französischen Transliteration des Glossaire nautique (Jal 1848: 1276, s. v. „REMORQUE“, 1275-1276).