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Brief (04-3)

Graz, 9 Juli 1882.

Verehrtester Herr Kollege!

Ich sage Ihnen meinen besten Dank für Ihren gestern mir zugekommenen Brief. Die Antwort hatte ich nicht so rasch erwartet und desshalb vorgestern einen zweiten Brief mit einigem Detail - da inzwischen des Changuion habhaft geworden war - an Sie abgeben lassen. Wie darin bemerkt ist, hat es mit der Beantwortung durchaus keine Eile. Die litterarischen Nachweise, die Sie mir geben (auf Tromp war ich schon aufmerksam gemacht worden), sind mir sehr erwünscht. Ich werde heute noch an Herrn Dr. Brill schreiben.1 Für das Anerbieten des Werkchens von Ihrem Namensvetter bin ich Ihnen sehr verbunden.

Soviel ich aus Changuion ersehe, finden sich nur wenig portugiesische Elemente im Kapholländischen; verschiedene französische, die aber vielleicht in Holland selbst ebenso verbreitet sind (wie makénen = manquer); aber merkwürdiger Weise ziemlich viel hochdeutsche.

Was mir zuerst afrikanisch darin vorgekommen, die Flexionslosigkeit im Praesens, erklärt sich aus rein phonetischen Ursachen; wohl aber scheinen Wendungen wie ik is jammer voorjou, ich bemitleide Euch, Hottentottismen2 zu sein oder vielmehr auf Rechnung eines unarischen Bau zu kommen; denn wenn ich nicht irre, sagt der malaiische Batavier ebenso.

Es ist durchaus zu billigen, dass die Holländer reges Interesse an der Erhaltung ihrer Sprache und Litteratur in Südafrika nehmen; Sie wissen, dass wir Deutschen hierin durchaus mit den Holländern gegen die Engländer sympathisiren. Neulich schickte mir Dr. Theophilus Hahn3 den Schluss eines wissenschaftlichen Vortrags, den er in der Kapstadt gehalten hat und welcher in einem durchaus unedlen und unmotivirten Angriff auf die holländische Sprache besteht - Er wurde desshalb sogar von dem englischen Vorsitzenden gerügt. Ich habe ihm auch meine Meinung, die er zu wissen wünschte, unverblümt gesagt. Sollten Sie diese Expectoration4 nicht kennen und doch zu kennen wünschen, so schicke ich Ihnen die Zeitungsnummer gern zu.

Da ich sonst durchaus keine Beziehung zu Holland habe, so erlaube ich mir eine Bitte, die ich Ihnen gegenüber schon ausgesprochen habe, noch zu verallgemeinern und hoffe nicht sie dadurch lästiger zu machen. Wegen der Beschaffung des Materials für meine kreolischen Studien (sowohl an Büchern wie an Mittheilungen) stehe ich zwar mit Surinam und Curaçao in Verbindung; aber dieselbe lässt noch zu wünschen übrig. Wenn Sie zufällig - die Gelegenheit leistet auch in der Wissenschaft oft die besten Dienste - auf Adressen oder Büchertitel, die mir nützlich sein könnten, stossen sollten, so bitte ich Sie, sich meiner freundlichst zu erinnern. Ich bin auf der Jagd nach einigen in Holland gedruckten Schriften, die mir auch Nijhoff5 in Haag (doch wohl Ihr bester Antiquar?) nicht hat verschaffen können. Für die nördlichen niederländisch-westindidischen Inseln (S. Eustathius, S. Martin und Saba) habe ich keine Adresse und dürfte mir auch kaum anders eine solche verschaffen können, als dass ich mich - was ich jedoch nicht mag - an das Colonialministerium wendete. So schreibe ich heute auf gut Glück an den Prediger in S. Eustathius, um zu wissen, ob sich dort nicht etwa ebenso ein Negerholländisch entwickelt hat, wie auf den dänischen Inseln.6 - Wenn Runge7 in Nassau noch lebte, so würde ich wahrscheinlich heuer wieder dort sein (wie im vorigen Jahre) und so das Vergnügen haben, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. Statt dessen reise ich in etwa 10 Tagen nach Alexanderbad im Fichtelgebirge, wo mich Briefe treffen würden.

In vorzüglicher Hochachtung
Ihr ergebenster
Hugo Schuchardt


[1] Das Schreiben Schuchardts an Johannes Brill konnte noch nicht aufgefunden werden. Die Antwort Brills vom 23. August 1882 liegt noch unveröffentlicht im Nachlass Schuchardts (Briefnummer 01374). Darin schreibt Brill, er habe das Schreiben Schuchardts „vom 9. Juli“ erhalten. Brill schreibt ferner, dass er keine Grammatik über das Kapholländische verfasse, gibt aber Auskunft über die Verbreitung des Afrikaans in Südafrika, dessen relative Einheitlichkeit und über den seiner Meinung sehr geringen Einfluss lokaler Sprachen Südafrikas oder der Sprachen malaiischer Sklaven auf das Afrikaans.

[2] Der Begriff Hottentotten wurde von den Buren als Sammelbezeichnung für die in Südafrika und Namibia lebende Völkerfamilie der Khoi Khoi verwendet. Die für Khoisan-Sprachen typischen Klick- und Schnalzlaute (ingressive Verschlusslaute) verglichen die niederländischen Siedler mit Gestotter. Ein Stotterer wird im nördlichen Dialekt des Afrikaans hottentots genannt (Bruwer 1972).

[3] Johannes Theophilus Hahn (1824-1904) war Bibliothekar, Philologe und Sprachforscher in Südafrika. Zur Korrespondenz zwischen ihm und Schuchardt vgl. Mallinger (2012).

[4] Unter Expektoration versteht man in der Medizin das Abhusten und Entleeren von Auswurf aus den Atemwegen und auch den Auswurf selbst.

[5] Martinus Nijhoff (1826-1894) war Antiquar und Verleger. In seinem 1853 gegründeten Unternehmen erschien unter anderem auch das WNT (Zuidema 1912).

[6] Die damals dänischen und heute u.s.-amerikanischen Jungferninseln Saint Thomas, Saint John und Saint Croix.

[7] Karl Friedrich Ferdinand Runge (1835-1882) war deutscher Mediziner und Militärarzt. Der Hydrotherapeut wurde 1867 Leiter der Wasserheilanstalt in Nassau an der Lahn (Pagel 1901: Sp. 1451).