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Brief (03-12553)

Doorn (bei Utrecht),
6. Juli '82.

Hochgeehrter Herr College,

Ihren werten Brief vom 19 Juni erhielt ich als ich eben im Begriff stand von Leiden abzureisen, um mit meiner Familie einige Zeit hier auf dem Lande zuzubringen. In Folge dessen habe ich bisher noch keine Gelegenheit gefunden Ihnen zu antworten, und wenn ich heute dazu eine freie Stunde benutze, so kann ich leider nur dürftigere Nachrichten mittheilen, als mir in Leiden mit besseren Hülfsmitteln möglich gewesen wäre.

Von dem Kapholländischen (wie Sie es nennen) sind mir nur zwei Grammatiken bekannt, erstens die von Ihnen genannte von Changuion (die beste und ausführlichste), und zweitens eine unter dem Titel:

„Eerste beginsels van die Afrikaanse taal, uitgege (sic!) deur die genootskap van regte Afrikaanders. Kaap Kolonie, 1876.“1

Eine neue und mehr ausgearbeitete Grammatik wird von Herrn Dr. Brill,2 Professor in Bloemfontein, erwartet, ist aber, so weit ich habe erfahren können, noch nicht erschienen.

Sprachliche Proben des Kapholländischen so wie des Transvaalschen3 Dialekts findet man am besten in den verschiedenen dort erscheinenden Zeitungen, deren ich manche ganz merkwürdige Exemplare unter den Augen gehabt habe, so dann in zwei besonders gedruckten Werken:

1. Tromp,4 Herinneringen uit Zuid-Afrika. Leiden, Brill (1879 oder 1880). Ein recht gut geschriebenes und für die Kenntniss des Lands, der Leute und der Sprache sehr interessantes Buch.

2. M. de Vries,5 Die geskiedenis van die Suid-Affrikaanse republiek onz. In die eige boere zijn taal. Leiden, Sythoff, 1881.

Ich bemerke zu diesem Titel, dass der genannte Verfasser zwar mein Genann,6 aber gar kein Verwandte[r] von mir ist. So gibt es ja auch in Deutschland mehrere Personen, die Johann Schmidt oder Heinrich Hoffmann oder Friedrich Müller heissen!

So bald ich dazu die Gelegenheit finde, hoffe ich mir das Vergnügen zu geben, Ihnen vom letzteren Werkchen ein Exemplar unter Kreuzband zukommen zu lassen. Ich hatte gehofft es Ihnen zugleich mit diesem Brief übersenden zu können, bin aber leider dazu noch nicht im Stande. Es wird aber wohl bald nachfolgen.

Es ist mir gar nicht bekannt, dass sich in Holland jemand mit Kapholländisch oder Westindisch-holländisch beschäftigt, oder sonst etwas bemerkenswerthes in sprachlicher Hinsicht über diese Dialekte geleistet hat. Wäre ich in Leiden, so würde ich mich bei meinem Collegen Dr. P. J. Veth7 erkündigen, der vielleicht auch über die portugiesischen Elemente im Malaischen Auskunft geben könnte. Können Sie etwas Geduld üben, so könnte ich vielleicht nach meiner Rückkehr in Leiden (nach Mitte August) Ihnen etwas näheres durch seine Vermittlung mittheilen. Augenblicklich habe ich nur das Wenige zu melden, was ich oben erwähnte.

So weit ich über die Sprachlichen Verhältnisse der Kapschen und Transvaalschen Dialekte urtheilen kann, so scheinen mir zu deren Bildung folgende Elemente gewirkt zu haben:

Die eigentliche Holländische Sprache, die zu Grunde liegt, das heisst, nicht die jetzige Literatur-Sprache, sondern das gesprochene Holländisch des 17ten Jahrh., und zwar in einer Mischung verschiedener Dialekte, deren Vertreter sich unter den Kolonisten in Süd-Afrika befanden und mit einander zusammenflossen. Das Französische, denn unter den ersten Kolonisten befand sich eine Menge Franzosen, deren Einfluss besonders die Grammatischen Formen zerstört hat.Das Englische, das in späterer Zeit die Grammatik weiter zerstört und namentlich den Unterschied des sprachlichen Geschlechtes getrübt hat.Das Portugiesische, das ohne Zweifel an die Eigenthümlichkeiten der jetzigen Dialekte mitgewirkt hat.Die einheimischen Kaffer-8 und Zulu-Sprachen, deren Einfluss aber nur ein geringer gewesen zu sein scheint.

Es offenbart sich jetzt bei uns eine rege Theilnahme an den Angelegenheiten des Transvaal, auch in sprachlicher Hinsicht. Die Leidener Gesellschaft für Niederl. Sprache und Litt. hat sich vor Kurzem entschlossen, eine Niederl. Bibliothek zusammenzubringen und an die Regierung des Transvaal zu übersenden, damit unsere Sprache und Literatur dort bekannt bleibe und auf die dortigen Dialekte allmählich einen reinigenden und belebenden Einfluss übe.

Falls Sie mir, geehrter Herr, etwas näheres zu schreiben hätten, so wollen Sie bis 20 Juli Ihren Brief hierher adressiren, von 23 Juli bis 15 Aug. nach Ems (wo meine Adresse am Postamt bekannt sein wird), nach Mitte August wieder nach Leiden.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Ihr ergebener

M de Vries


[1] Du Toit, Stephanus Jacobus (1876). Eerste beginsels van die Afrikaanse taal, uitgege deur die Genootskap van Regte Afrikaanders. Kaap Kolonie. Eine zweite Auflage erschien 1882 in Paarl im Verlag D. F. du Toit. Der Geistliche Stephanus Jacobus Du Toit (1847-1911) war Lehrer, Autor und Politiker. Er war Mitbegründer der Genootskap van Regte Afrikaanders, der erste Herausgeber des Afrikaanse Patriot und Führer der ersten afrikaansen Sprachbewegung (SESA, vol. 4: 140-143, s. v. „DU TOIT, Stephanus Jacobus”). Das „(sic!)” wurde von de Vries selbst eingefügt und bezieht sich vermutlich auf das afrikaanse Wort als ein aus der Perspektive des niederländischen Philologen „fehlerhaftes“ Niederländisch.

[2] Der niederländische Pädagoge Johannes Brill (1842-1924) wurde 1873 Rektor des Grey College in Bloemfontein (Schoor 1970). Zur Korrespondenz zwischen Brill und Schuchardt vgl. unten Fußnote 45.

[3] Transvaal war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine andere Bezeichnung für die damals unabhängige Südafrikanische Republik. Der von den Buren gegründete Staat im Nordosten des heutigen Südafrika wurde nach dem zweiten Burenkrieg 1900 von den Briten annektiert und 1910 als Provinz in die Südafrikanische Union aufgenommen (SESA, vol. 10: 596-603, s. v. „Transvaal“). Im Allgemeinen scheinen die dialektalen Unterschiede zwischen dem „Kapholländischen“ und dem „Transvaalschen Dialekt“ nicht sehr groß gewesen zu sein. So schreibt beispielsweise Johannes Brill (vgl. Fußnote 45) an Schuchardt: „Im ganzen Süd-Afrika wird – mit Ausnahme der gröszern Städte und des östlichen Theils der Kapkolonie und Natals – nur Eine Sprache gesprochen: das sogen. Kap-Holländisch. […] Diese Sprache ist überall dieselbe. Es mögen hier und dort kleine dialektischen Eigenthümlichkeiten vorkommen – und z. B. das Holländische wie es in der Umgegend der Kapstadt gesprochen wird mag von der Sprache des Transvaalschen Bauers in einigen Hinsichten verschieden sein – diese Verschiedenheiten sind im allgemeinen genommen ganz unbedeutend und wohin man kommt, wird man ohne Mühe andere verstehen können und selbst von ihnen verstanden werden“ (Brill an Schuchardt, 23.08.1882, Briefnummer 01374).

[4] Theodoor Marie Tromp (1857-1899) war ein bekannter Novellist und persönlicher Sekretär von Thomas François Burgers, Präsident der südafrikanischen Republik von 1871-1877 (Margadant 1892).

[5] Der südafrikanische Rechtsgelehrte, Politiker und Autor Maurits de Vries verfasste mehrere geschichtliche Werke auf Afrikaans. Der Jurist und Freimaurer war Befürworter der britischen Annexion und Anwalt am Höchstgericht von Pretoria (Ploeger 1971).

[6] De Vries verwendet das wohl schon zum damaligen Zeitpunkt altertümliche Wort „Genann“ für eine nicht verwandte Person gleichen Namens. Im Eintrag „Genanne“ im Grimm’schen Wörterbuch wird es erklärt als „namensbruder, ein altes wort“ (GWB: Bd. 5, Sp. 3345).

[7] Pieter Johannes Veth (1814-1895) war Professor für Land- und Völkerkunde in Niederländisch-Ostindien an der Universität Leiden. Der profunde Kenner orientalischer Sprachen sowie des Malaiischen und Javanischen und Gründer der Indisch Genootschap war unter anderem Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschriften De Gids und Tijdschrift voor Nederlandsch-Indiё und schrieb selbst zahlreiche Werke über die niederländischen Kolonien Ostasiens. Er war einer der führenden niederländischen Gelehrten seiner Zeit, bekannt für seine liberalen Ansichten und beeinflusste das niederländische Identitätsgefühl nachhaltig (van der Velde 2000-2009).

[8] Das Wort Kaffer ist vom arabischen kafir (Ungläubiger) abgeleitet. Im frühen Kapholländischen hatte es abwertende rassische und möglicherweise auch linguistische Konnotation. Es wurde verwendet um „swarte caffers“ von Hottentotten zu unterscheiden. Später verwendeten die Engländer den Begriff, um auf eine konkrete ethnische Gruppe, die heutigen Xhosa, zu verweisen. Im modernen South-African English und Afrikaans wurde Kaffer (oder Kaffir) im öffentlichen Diskurs durch die Bezeichnung Bantu ersetzt (Westphal 1972).