Briefe

Allgemeines

Korrespondenzen spielen für die Entstehung, Professionalisierung und Internationalisierung von Sprachwissenschaft im 19. Jahrhundert eine konstitutive Rolle. Auf diesen mediale Umstand  wurde im Verlauf der Arbeiten an der vorliegenden Briefdatenbank verschiedentlich hingewiesen (vgl. z.B. die 'Prolegomena' zu den Grazer Linguistischen Studien 72). So hat sich der Briefteil im Laufe der Arbeit an der Webseite am stärksten gewandelt, sein Stellenwert im Rahmen des Gesamtunternehmens ist beträchtlich gewachsen, und das erwähnte Netzwerk soll in seiner Bedeutung für die Linguistik selbständig hervortreten.

Die Bedeutung des Mediums Brief ist vielschichtig. Die Geisteswissenschaften, so auch die Sprachwissenschaft, nutzten dieses Medium, das angetreten war,  die Logistik des industriellen Marktes zu organisieren, mindestens ebenso intensiv  wie sie heute das Internet nutzen, dessen erste Funktion es ist, die Logistik des globalen Marktes zu organisieren. Ab der Ausgabe der ersten Briefmarke 1840 in England stieg die Bedeutung dieses Mediums rasantest. Die Auswirkungen struktureller wie inhaltlicher Art sind vergleichbar grundlegend. Neben den Veränderungen des Druckwesens handelt es sich hier um die zweite tragende  Säule der Innovation und des Modernismus in der Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts.

In concretu stechen zwei Funktionen der Briefe hervor: Aufbau von Informationssystemen und Entstehung eines neuen Diskurses. Beide Funktionen werden durch die im Nachlaß Schuchardt vorhandenen Briefe eindrucksvoll belegt und es ist das vornehmliche Ziel des Hugo Schuchardt Archivs, diese Funktionen abzubilden und selbsttätig als Gegenstand der Forschungsgeschichte zu etablieren. Es geht in der Forschungsgeschichte weniger um die Frage, wer wann als Erster eine gewisse Behauptung getätigt hat. Vielmehr muß es um die Bedingungen und Prozesse der Entstehung von Wissen gehen, um die Transformation von Information zu Wissen. Insofern rücken die beiden genannten Funktionen von Briefen in den Fokus. Gerade die Kreolistik, zu deren Begründung Schuchardt ja wesentlich beigetragen hat, ist ein Paradebeispiel für den Aufbau von Informationssystemen. Schuchardt betrat nie den Boden eines kreolsprachigen Landes; dennoch gelang es ihm, eine bis dato ungekannte Fülle von Sprach- und ethnographischem Material und Informationen zu sammeln, was ihm jene Erkenntnisprozesse erlaubte, die ihm den unbestreitbaren Ruf als einem der Begründer der wissenschaftlichen Disziplin der Kreolistik einbrachten. Das von ihm gesammelte Material konstituiert bis heute eine einzigartige Quelle für Forschung.

In einem ersten Moment lag das Schwergewicht unserer Tätigkeit auf der Aufarbeitung der in Graz vorhandenen Briefe aus dem Nachlaß Schuchardts und der Edition 'spektakulärer' Korrespondenzen (vgl. Urquijo, Spitzer, Baudouin de Courtenay, etc.). Erst nach und nach festigte sich das Konzept des Netzwerks und so trat die Reproduktion der Diskurskontexte stärker in den Vordergrund. Mittlerweile kann man davon ausgehen, daß einzelne exemplarische Felder zur Gänze abgebildet sind (z.B. die Baskologie mit nahezu 1.500 Briefen und Gegenbriefen), in anderen Feldern (z.B. Romanistik, Kreolsprachen) schließen sich die Lücken mehr und mehr. Nicht alle Fachkontexte sind gleichermaßen umfangreich. 

Bei den an der im Nachlaß Schuchardt vorhandenen mehr als 13.000 Korrespondenzstücken handelt sich ja nahezu ausschließlich um an Schuchardt gerichtete Post. Leider hat er \u2013 den Gepflogenheiten der Zeit entsprechend \u2013 die von ihm selbst verfaßten Briefe nicht mit Kopie gefertigt. So hängt es gänzlich von der Ordnungsliebe, dem Weitblick und der Sammelleidenschaft der jeweiligen Empfänger ab, sowie von den Schicksalswirren und oft einfach vom banalen Verständnis familiärer Nachkommen für die Schriftstücke, ob und in welchem Umfang einzelne Nachlässe erhalten sind und ob wir demnach noch Zugang zu den von Schuchardt verfaßten Schriftsätzen haben.

Die Recherche von Gegenbriefen in auswärtigen Einrichtungen war anfangs noch viel schwieriger und wurde zunehmend leichter und erfolgreicher. So konnten wir die Zahl der Gegenbriefe, also jener Schreiben, die von Schuchardt selbst stammen, vervielfachen. Wir sind nunmehr bereits in der Lage, zahlreiche Korrespondenzen in ihrer Gesamtheit, d.h. mit Briefen und Gegenbriefen, abzubilden.

Schuchardt selbst war nicht nur ein bewußter und gewissenhafter Briefschreiber, er war ein ebensolcher Briefempfänger. Die erhaltenen und an der Universitätsbibliothek Graz inventarisierten Briefe (Verzeichnis siehe unten und Wolf 1993) stellen nach einer groben Schätzung mit Sicherheit mindestens  4/5 der tatsächlich empfangenen Korrespondenz dar. Wir sind bei Schuchardt in der glücklichen Lage, daß ihm die Bedeutung von Briefen und beteiligten Personen schon sehr früh klar gewesen sein dürfte, so daß er schon in jungen Jahren begonnen hat, die empfangenen Briefe systematisch zu sammeln. Er brachte bei seiner Übersiedlung nach Graz 1876 bereits die sprachwissenschaftlich relevanten  Korrespondenzen aus seiner Gothaer und seiner Hallenser Zeit mit, zum Teil eben auch Korrespondenzen, die er späterhin und lange fortsetzte.

Die Bedeutung der Korrespondenzen wurden zum einen bereits von Schuchardt selbst erkannt, so publizierte er schon 1909 (Nr. 580) die wichtigsten baskologischen Briefe, die er von L.-L. Bonaparte erhalten hatte. Aber auch einige seiner Korrespondenzpartner waren sich der Bedeutung des Briefschreibens bewußt, so etwa Leo Spitzer, der in der Revista Internacional de Estudios Vascos anstelle eines Nachrufs einen Artikel 'Hugo Schuchardt als Briefschreiber' veröffentlicht (Spitzer 1930), in dem er ausführlich und thematisch geordnet Auszüge aus den Briefen druckt.

Schon lange vor dem Grazer Unternehmen, die Korrespondenzen sowohl im Druck wie in einer Briefdatenbank aufzuarbeiten und auch lange Jahre vor der Katalogisierung des Briefnachlasses gab es Aufarbeitungen einzelner und vollständiger Korrespondenzen (etwa mit Hasdeu von Mazzoni 1983) oder mit Jakob Jud (Heinimann 1972 und 1992), sowie Veröffentlichungen, die auf intensive Beschäftigung mit den nachgelassenen Korrespondenzen bauten (z.B. Brettschneider (1985) beschäftigt sich mit Schuchardt - Lacombe), Hafner (1980) mit Schuchardt - Miklosich u.a.) ; vgl. auch zahlreiche Einzelveröffentlichungen von Swiggers u.a.

Die Briefdatenbank

Die Briefdatenbank soll es erlauben, einzelne Briefe in verschiedenen Koordinatensystemen zu situieren bzw. in Korrespondenzen abgehandelte Themen oder Sachargumente in einzelnen Briefen zu lokalisieren sowie ihre argumentative Entwicklung und ihre Eingliederung in nationale oder internationale Netzwerke nachzuvollziehen. Dieses ist ein sehr ambitioniertes Ansinnen, das letztlich nur in internationaler Kooperation möglich sein wird. Daher auch die die schon wiederholte Bitte und Aufforderung, unsere Arbeit aktiv zu unterstützen. 

Briefe sind mit einer Reihe von Metadaten indiziert, was Grundlage für deren Verknüpfung in der Konsultation ist. Je nach Typus besitzen einzelne dieser Metadaten mehr oder weniger aufgefächerte Variablen, deren Kombinierbarkeit ebenfalls gewährleistet ist. Damit ist jeder Brief einzeln, in seiner spezifischen personenorientierten Korrespondenz, aber auch nach jeder einzelnen Variablen oder Variablenkombination mit inhaltlich dazugehörigen anderen Schriftstücken abrufbar.

Zur Organisation des Briefteils

  • Die Organisation dieser Rubrik "Briefe" ist zwar nicht einheitlich, aber dennoch denkbar einfach. Es findet sich sowohl am Kopf dieser Seite eine alphabetische Buchstabenliste, die ein Scrollen der Briefpartner ermöglicht, ebenso gibt es verschiedene Suchfunktionen.
  • In der folgenden "vollständigen Liste" sind also alle Personen aufgeführt, mit denen Schuchardt korrespondiert hat. Bis auf ganz wenige Ausnahmen entspricht diese Liste jener in den Sondersammlungen der UB Graz archivierten Briefe. Nur in Einzelfällen sind wir auf Briefpartner gestoßen, wo andernorts sich ein Brief Schuchardts findet, nicht aber in Graz ein Gegenbrief dazu. 
  • Bei jedem einzelnen Korrespondenzpartner von Interesse findet man einen kurzen Abriß zur Person und entweder den einfachen Hinweis auf die im Nachlaß vorhandenen Dokumente, oder Angaben zu deren Bearbeitung, Veröffentlichung, im besten Falle die vollständigen Abschriften der Korrespondenz und weiterführenden Arbeiten und Veröffentlichungen. Die Briefbeziehungen waren äußerst heterogen und es waren auch bei weitem nicht alle wissenschaftlicher Natur. Es sollte bewußt hier primär die Gesamtliste, wie von Wolf (1993) geliefert, gegeben werden. Selbstverständlich haben wir in der Bearbeitung Präferenzen und Prioritäten gesetzt, mit der Gesamtheit der Liste kann aber jeder Nutzer seinen eigenen Interessen folgend weiterrecherchieren.
  • Die Organisation bzw. Darstellung einzelner Korrespondenzen ist zwangsläufig unterschiedlich. Dies ist weniger durch den Gegenstand selbst bedingt, als vielmehr durch die unterschiedlichen Bedingungen der Aufarbeitung des Materials. Wir reproduzieren hier von kommentierten Gesamtveröffentlichungen von Korrespondenzen bis zu einfachen Abschriften jeweils die brauchbarste Form, in der das Material uns vorliegt. Wo wir aus urheber- oder verlagsrechtlichen Gründen keine Möglichkeit haben, schon geleistete Abschriften elektronisch anzubieten, geben wir einfache bibliographische Verweise auf die relevanten Veröffentlichungen. Aufgrund der unterschiedlichen Sachlage (Stellenwert und Umfang der einzelnen Korrespondenzen, Bearbeitungs- und Kommentierungsstatus, Verkettung mit Gegenbriefen etc.) schien es, entgegen dem vernünftigen Argument der Einheitlichkeit der Darstellung, nicht angebracht, schon geleistete editorische und inhaltlich erklärende Arbeit rückzunehmen. Gelegentlich werden verschiedene parallele Veröffentlichungsformen angeboten, die eventuell auch eine gescannte oder sonstige Textversion von Veröffentlichungen beinhalten; jedenfalls sollen alle Briefe auch in der Datenbank präsent sein, unabhängig von ihrer Form der Erstveröffentlichung.
  • Unter gegebenen Umständen wurden - unter Einhaltung einiger Grundlinien - Bearbeitung und Darstellung auch zur Gänze anderen Fachkollegen überlassen. Dies ist jeweils vermerkt. Auch ist die Sprache der Präsentation, im Sinne Schuchardts, den einzelnen Kollegen anheim gestellt. Hier haben zum Teil international namhafte Kollegen mitgewirkt, die Arbeiten geleistet haben, die wir selbst nie zu leisten in der Lage gewesen wären. 
  • Wo es möglich ist, Links zu Archiven von Fachkollegen auszumachen, mit denen Schuchardt korrespondiert hat, so wurden diese gelegt; je vollständiger eine solche Linksammlung sich präsentiert, desto übersichtlicher wird das wissenschaftliche Netzwerk des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
  • Ebenso gibt es Links auf einschlägige enzyklopädische und biographische Webseiten und online-Quellen. Da in diesem Bereich sehr viel Neues im Entstehen ist, ist auch mit kurzfristigen Änderungen und Erweiterungen zu rechnen. 

Einige erklärende Anmerkungen

    • In einzelnen Fällen sind die Briefe anderswo veröffentlicht (so z.B. der gesamte Briefwechsel Schuchardt - Julio de Urquijo). Sie werden hier ins Schuchardt Archiv aufgenommen, wenn mit den jeweiligen Verlagen Einverständnis über die zusätzliche elektronische Veröffentlichung hergestellt wurde. Dies ist praktisch immer der Fall, weil wir die elektronische Edition als Bedingung für eine print Edition vorgeben. 
    • Schwierig gestaltet sich gelegentlich die Kooperation mit fremden Institutionen als Briefeigner. Es gibt benutzerfreundlich orientierte Bibliotheken, denen an einem Austausch von Briefkopien gelegen ist, damit Briefwechsel beidseitig möglichst vollständig nachvollziehbar sind. Diese Erfahrung machten wir etwa beim Nachlaß Julio de Urquijos in der Bibliothek des Koldo Mitxelena Kulturunea in Donostia - San Sebastián oder mit der Baskischen Akademie - Euskaltzaindia in Bilboa. Andererseits gibt es "eigentumsorientierte" Bibliotheken (etwa die Bayrische Staatsbibliothek), denen es wichtiger ist, einziger Ort zu sein, an dem die eigenen Bestände konsultiert werden können.
    • Die Weiterarbeit muß in verschiedene Richtungen fortschreiten: die Nachlässe der Briefpartner Schuchardts sollen lokalisiert und, sofern möglich, sollen die Kopien der vorhandenen Unterlagen getauscht werden; daneben soll eine Liste von interessanten Briefwechseln erstellt, und diese im Laufe der nächsten Jahre schrittweise aufgearbeitet werden und zur Vervollständigung des Archivs elektronisch zur Verfügung stehen. Es ist keineswegs daran gedacht, den Briefnachlaß zur Gänze aufzuarbeiten, dazu ist er in weiten Teilen für Schuchardts Opus und für den wissenschaftlichen Diskurs zu belanglos.
    • Von besonderer Bedeutung für die Briefdatenbank wird die internationale Kooperation sein, insbesondere mit jenen Einrichtungen/Projekten, die sich parallel zu den Grazer Aktivitäten mit der Aufarbeitung von Material beschäftigen und wo gemeinsame Wege zu einer virtuellen Rekonstruktion des alten Netzwerkes im Internet führen sollen.
    • Die Liste der Institutionen, mit denen Schuchardt korrespondiert hat, wurde vorerst beiseite gelassen. Sie muß noch auf ihre Bedeutung hin überprüft werden. Auch ist die Trennung zwischen Institutionen und Einzelpersonen nicht in befriedigender Weise möglich, weil, wie einzelne Beispiele zeigen, institutionell wichtige Kontakte bestanden (vgl. etwa zur Baskischen Akademie Euskaltzaindia), diese sich aber im Briefverkehr mit Einzelpersonen entwickelten (hier: Azkue, Lacombe, Urquijo).
    • Es mögen sich explizit alle Interessenten angesprochen fühlen, an der Aufarbeitung einzelner Briefwechsel mitzuwirken. Sollten Fachkollegen sich für die Bearbeitung der Korrespondenz einzelner Personen interessieren, bieten wir umfangreiche Unterstützung. Selbstverständlich wird die jeweilige Editorenschaft adäquat vermerkt. Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen haben uns hier schon unterstützt, einige unterstützen uns kontinuierlich weiter. Eine Liste aller externen Editoren mit Angabe der von ihnen bearbeiteten Korrespondenzen  findet sich unter "Danksagungen".