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Rudolf Trebitsch

Die Korrespondenz zwischen Rudolf Trebitsch und Hugo Schuchardt wurde von Bernhard Hurch bearbeitet, kommentiert und eingeleitet.

Die Edition bzw. einzelne Briefe sind zu zitieren als:

Hurch, Bernhard. 2009. 'Die Korrespondenz zwischen Rudolf Trebitsch und Hugo Schuchardt'. In Bernhard Hurch (Hg.) (2007-). Hugo Schuchardt Archiv. Webedition verfügbar unter: http://schuchardt.uni-graz.at/id/letters/2879, abgerufen am 25.05.2020

Eine ausführlich kommentierte Printveröffentlichung findet sich in Hurch (2009).

Rudolf Trebitsch

Bedeutung

Rudolf Trebitsch entstammte der Familie eines wohlhabenden, aus Mähren stammenden Wiener Textilfabrikanten.[1] Geboren am 28. Jänner 1876 in Wien, besuchte er hier auch die Volksschule und das Gymnasium, und legte 1894 die Matura ab. Den jüdischen Hintergrund seiner Familie erwähnt Trebitsch nie. An einer einzigen Stelle des Tagebuchs der Baskenreise bezeichnet er sich selbst als protestantisch.[2] Er zeigte früh Interesse für Geisteswissenschaften, war aber offenbar auf familiären Wunsch bereit, ein „nützlicheres“ Studium, nämlich das der Medizin, zu absolvieren. Im Jahre 1900 wurde er zum Doktor der Medizin promoviert. Danach arbeitete er zeitweise als Arzt in kleineren Kliniken, insbesondere auf Dermatologie spezialisiert. Er widmete sich aber an der Philosophischen Fakultät auch dem Studium der Volkskunde, und führte in diesen Jahren auch einige noch zu nennende Forschungsreisen durch, über die er in den Sitzungsberichten der Akademie der Wissenschaften veröffentlichte. Sein Interesse an der Verbindung dieser beiden Fächer, also der Ethnomedizin, manifestiert sich auch in einer Publikation über „Geburtsflecke bei den Eskimos“[3]. Sein Volkskundestudium schloss er 1911 mit einer Dissertation über „Fellboote und Felle als Schiffsfahrzeuge“ bei Eugen Oberhummer an der Universität Wien (Geographisches Institut) ab.[4] Die Felder seiner Veröffentlichungstätigkeit umspannen in diesen und den folgenden Jahren die Bereiche Volksmedizin, Aberglauben, Völkerpsychologie und Schiffahrt. Mehr und mehr wendet er sich seinen weiteren Lehrern und Förderern Rudolf Pöch und Michael Haberlandt und dem Österreichischen Museum für Volkskunde zu. Er war seit der Gründung Mitglied des Wiener Volkskundevereins. Während in den früheren Jahren der Ansatz zu wissenschaftlicher Veröffentlichungstätigkeit zu erkennen ist, setzt sich nach und nach eine feuilletonistische Note durch.

Der familiäre Wohlstand erlaubte es Trebitsch, verschiedene Forschungsreisen zu unternehmen, so 1904 nach Island, 1906 nach Grönland[5], 1907 nach Irland und Wales[6], 1909 nach Wales, Schottland und die Insel Man[7], 1913 ins Baskenland[8]. Von seinen Reisen brachte er zahlreiche Sammlungsstücke mit, die heute den Museen für Völkerkunde bzw. Volkskunde und dem Naturhistorischen Museum in Wien einverleibt sind.[9] Die Sprach-, Dialekt- und Musikaufnahmen entstanden in Zusammenarbeit mit dem Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, sie wurden seinerzeit dort archiviert und zählen heute zu den historisch bedeutenden Teilen des Archivbestandes. In einem regelmäßigen Arbeitsverhältnis stand Trebitsch nur in seinem medizinischen Beruf und da auch nur in den ersten Jahren nach Beendigung des Studiums. Später wurde er im Verlaufe des Ersten Weltkriegs als Arzt zum Sanitätsdienst in österreichischen Spitälern eingezogen. Dem Krieg gegenüber war er keineswegs kritisch. Am 9. Oktober 1918 nahm er sich in Judendorf bei Graz das Leben. Die Kriegsbegeisterung, die aus Brief 20 spricht, steht jedenfalls nicht ganz in Einklang mit der oft kolportierten Annahme, das Elend des Lazaretts wäre der unerträgliche Auslöser für seinen Freitod gewesen.[10]

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Trebitsch am Strand von Ostende, 1914, Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Österreichischen Museum für Volkskunde, Wien.

Über die Jahre hinweg hatte Trebitsch laut regelmäßigen Aufzeichnungen in der „Zeitschrift für österreichische Volkskunde“ mehrmals dem Verein für Volkskunde große Geldsummen geschenkt; nach seinem Tod folgte von dessen Vater Leopold, in Erfüllung eines Wunsches des Sohnes, ein Legat von 100.000 Kronen an das Museum für Volkskunde. Eine Reihe wissenschaftlicher Bücher, Manuskripte und Materialien (Fotografien, Diapositive) wurden von der Familie ebenfalls dieser Einrichtung übergeben. Über die Jahre hinweg hat eine geschlossene Archivierung nicht stattgefunden; diese versucht man heute nachzuvollziehen.

Rudolf Trebitsch war eine mit Sicherheit für die Forschung nicht unumstrittene Figur. Ihn eine Forscherpersönlichkeit zu nennen, träfe die Wirklichkeit nicht wirklich. Man begegnet seinem Namen in der einschlägigen Fachgeschichte und Literatur an zumindest zwei Stellen: Von ihm stammen die ältesten systematischen Sprachaufnahmen zu baskischen Dialekten, und er lieferte für das damals im Aufbau begriffene Österreichische Museum für Volkskunde eine baskische Sammlung, deren Wert es letztlich noch im Detail festzumachen gilt. Dieses sind Verdienste, die prima facie nicht infrage gestellt werden sollen, denn es sind bleibende Beiträge, die natürlich auch Alleinstellungsmerkmale tragen. Mittlerweile wurden im Rahmen der Edition historisch relevanter Aufnahmen aus den Beständen des Phonogrammarchivs der Österreichischen Akademie der Wissenschaften die phonographischen Altbestände mithilfe zeitgemäßer Technologien, aktueller Formate und verbesserter Textbearbeitung neu ediert,[11] und die Sammlungsbestände am Volkskundemuseum werden einer genaueren Sichtung unterzogen.

Trebitsch war selbst weder Baskologe noch Sprachwissenschaftler und in beiden Fächern auch nur mäßig gebildet. Es handelt sich also um den Beitrag eines Fachfremden. Er integrierte sich allerdings für die Zeit dieser Beschäftigung in ein Netzwerk, zu dem ihm insbesondere Hugo Schuchardt die Türen öffnete, und dieses Netzwerk unterstützte ihn wesentlich in der Beschaffung jener Sammlungen, mit denen er sich in die Wissenschaftsgeschichte eingetragen hat. Die hier versammelten Briefe verstehen sich als Illustration eines Netzwerks, wie es noch Anfang des 20. Jahrhunderts von jemandem, der es sich aus (familiär bedingten) ökonomischen Gründen leisten konnte, fruchtbar gemacht wurde. Leider sind von den Briefwechseln jeweils nur die Beiträge Trebitschs, nicht aber die seiner Briefpartner erhalten, doch lassen diese bereits die Positionen der Korrespondenten erahnen. Es gibt mittlerweile durchaus einige kritische Anhaltspunkte zur Person und zum Wirken von Trebitsch. Die Auseinandersetzung mit seiner Arbeit begann baskischerseits schon als direkte Reaktion auf seinen Aufenthalt im Lande. Interessanterweise war diese unmittelbare Auseinandersetzung wesentlich kritischer, denn in der späteren Rezeption überwog der vereinfachende Nationalismus der Basken, dem eine Tatsache wichtiger war als deren Bedeutung. Den baskischen Editionen[12] der Sprachaufnahmen fehlt jegliche kritische Note, sie beschränken sich auf eine reine Textabschrift.

Es gibt neben den linguistisch-phonographischen und volkskundlichen Gesichtspunkten allerdings noch eine Reihe verschiedener anderer Anhaltspunkte, Trebitsch selbst zum Gegenstand der Forschung zu machen, ihn als Ausdruck einer gewissen Epoche, einer großbürgerlichen Geisteshaltung zu sehen, die ihre eigene jüdische Identität negiert und schließlich ist auch seiner vulgärwissenschaftlichen Methode das abzugewinnen, was in ihr steckt. Herauszufinden bleibt, ob seine volkskundliche, sprachdokumentatorische, publizistische und mäzenatische Tätigkeit wirklich nicht mehr war, als ein schöngeistiger Weg des Zeitvertreibs und eine Möglichkeit, sich unsterblich zu machen.



[1] Die biographischen Quellen zu Trebitsch sind nicht sehr zahlreich. Ich stütze mich insbesondere auf die allerdings nicht sehr verlässliche Autobiographie des Stiefbruders Siegfried Trebitsch: „Chronik des Lebens“, Zürich 1951, auf den Personalakt Rudolf Trebitsch aus dem Wiener Universitätsarchiv, dem ein handschriftlicher Lebenslauf aus dem Jahre 1911 beiliegt, und auf die Arbeiten von Nikitsch (Herbert Nikitsch: Moser, Schmidl, Trebitsch & Co, in: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde LIX/108, 2005, S. 275-294; ders.: Some biographical remarks on Rudolf Trebitsch. Vortrag gehalten an „Regional Culture as Reflected by Museum Collections“, Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien, 18. April 2008). Letzterer hat mir freundlicherweise von ihm erhobenes Material zur Verfügung gestellt.

[2] Laut Austrittsbuch der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien hat Trebitsch unter der Registerzahl 440/1910 am 26. Oktober 1910 ohne nähere Angaben die Kultusgemeinde verlassen und wurde am folgenden Tag, dem 27. Oktober 1910, nach Augsburger Bekenntnis protestantisch getauft (vgl. auch Anna Staudacher: Jüdisch-protestantische Konvertiten in Wien 1782-1914. Frankfurt 2004, Bd. 2, S. 740). Trebitschs Beziehung zum Judentum war wohl eher Frucht der Verdrängung, denn es gibt nicht wenige Anzeichen, dass die Familie in der Tradition eines Wiener assimilierten jüdischen Bürgertums gelebt hat (vgl. z.B. die Beschlagnahmungslisten durch die Nationalsozialisten von den Beständen seines Bruders Siegfried). Auch deutet die Vehemenz der Ablehnung des Judentums durch seinen Bruder Arthur, die in verschiedenen Publikationen in einschlägigen Verlagen Wiens und Berlins alle Spielarten bis hin zu Judenhass und Antisemitismus durchläuft, auf eine wie immer geartete jüdische Präsenz in der Familie hin. Über eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dieser Tradition ist bei Rudolf Trebitsch aber nichts bekannt und nichts zu merken. Die Deutschlastigkeit des Faches, in das sich Trebitsch begibt, scheint ihn nicht weiter beeindruckt zu haben. Sein eigener Zugang war ein anderer.

[3] Rudolf Trebitsch: Die „blauen Geburtsflecke“ bei den Eskimos in Westgrönland, in: Archiv für Anthropologie, VI/4, 1907.

[4] Die Rigorosen dürften aber, entsprechend den Unterlagen des Universitätsarchivs, problematischer gewesen sein, denn der Zweitgutachter der Dissertation Moritz Hoernes beurteilt die mündliche Prüfung mit „nichtgenügend“ und nur die beiden genügend der anderen Prüfer erlaubten einen positiven Ausgang „per vota maiora“. Nikitsch äußert aber auch zur Dissertation einige Zweifel (Nikitsch: Some biographical remarks [Anm. 1]).

[5] Trebitsch (wie Anm. 3) sowie Rudolf Trebitsch: Bei den Eskimos in Westgrönland. Ergebnisse einer Sommerreise im Jahre 1906, nebst einem ethnologischen Anhang von Michael Haberlandt. Berlin 1910.

[6] Rudolf Trebitsch: Phonographische Aufnahmen der irischen Sprache in Irland und einiger Musikinstrumente in Irland und Wales, ausgeführt von Dr. Rudolf Trebitsch im Sommer 1907, in: Anzeiger der phil.-hist. Kl. der kaiserl. Akademie der Wissenschaften, 5, 1908 (=Berichte der Phonogramm-Archivs-Kommission der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien XII), S. 1- 17.

[7] Rudolf Trebitsch: Phonographische Aufnahmen der welschen Sprache in Wales, der Manxschen Sprache auf der Insel Man, der gaelischen Sprache in Schottland und eines Musikinstrumentes in Schottland, ausgeführt im Sommer 1909, in: Anzeiger der phil.-hist. Kl. der kaiserl. Akademie der Wissenschaften, 27, 1909 (=Berichte der Phonogramm-Archivs-Kommission der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien XVIII), S. 1- 27.

[8] Rudolf Trebitsch: Baskische Sprach- und Musikaufnahmen ausgeführt im Sommer 1913, in: Anzeiger der phil.-hist. Kl. der kaiserl. Akademie der Wissenschaften, 11, 1914 (= 34. Mitteilung der Phonogramm-Archivs-Kommission der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien), S. 1- 31.

[9] Diese Verteilung hat lediglich historische Gründe in der Zugehörigkeit von Beteiligten sowie deren Lehrstühlen bzw. Arbeitsgebieten zu den einzelnen Institutionen.

[10] Diese Meinung wird von Trebitschs Bruder Siegfried (wie Anm. 1) vertreten. Die Umstände seines Todes sind aber nicht geklärt, doch scheint der Zusammenhang mit dem Weltkriegsgeschehen kaum glaubhaft. Erstens zählte er zu den nicht nur ideologischen Unterstützern der diversen Kriegsfonds, deren keineswegs nur karitative Bedeutung heute gut aufgearbeitet ist (Eberhard Sauermann: Literarische Kriegsfürsorge. Österreichische Dichter und Publizisten im Ersten Weltkrieg. Wien 2000.); Trebitsch hat zu einem Zeitpunkt Selbstmord begangen, wo das Ende des Kriegselends unmittelbar vor der Tür stand, ja an den meisten Frontabschnitten tatsächlich schon beendet war. Vgl. dazu auch die Fußnote zu Brief 20-11778 von Trebitsch an Schuchardt.

[11] Vgl. die neu bearbeitete Ausgabe der Aufnahmen als Nr. 5/3 in der Serie der historisch bedeutenden Tondokumente der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Jahr 2003.

[12] José M. Etxebarría: Las grabaciones en euskera de la fonoteca de Viena. II. Grabaciones en dialecto labortano, Anuario de Eusko Folklore, 36, 1990, S. 59-64; ders.: 1913-ko Vienako euskal grabaketak, III. Erronkariera, in: IKER, 6, 1992, S. 161-176.

Briefedition und Kommentare

Die Webedition wurde unter Mitarbeit von Lena Mallinger und Petra Hödl erstellt.