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Hermann Paul

Die Korrespondenz zwischen Hermann Paul und Hugo Schuchardt wurde von Johannes Mücke bearbeitet, kommentiert und eingeleitet. Die Edition wurde unter Mitarbeit von Katrin Purgay erstellt.

Die Edition bzw. einzelne Briefe sind zu zitieren als:

Mücke, Johannes. 2015. 'Die Korrespondenz zwischen Hermann Paul und Hugo Schuchardt'. In Bernhard Hurch (Hg.) (2007-). Hugo Schuchardt Archiv. Webedition verfügbar unter http://schuchardt.uni-graz.at/id/letters/2358, abgerufen am 26.02.2021

Die Webedition ist eine teilweise korrigierte und überarbeitete Kurzversion der ausführlichen Printveröffentlichung in:

Mücke, Johannes. 2015. '"... unsere freundschaftlichen Beziehungen...". Zum Verhältnis von Hermann Paul und Hugo Schuchardt'. In: Luca Melchior & Johannes Mücke (Hgg.). Bausteine zur Rekonstruktion eines Netzwerks IV: Von Diez zur Sprachanthropologie. Graz: Institut für Sprachwissenschaft (= Grazer Linguistische Studien 80), 125-164.

Online abrufbar hier.

Hermann Paul

Bedeutung

Der geringe Umfang des Briefwechsels zwischen Hermann Paul und Hugo Schuchardt könnte über das Verhältnis der beiden Sprachwissenschaftler täuschen. Nur ein Brief von Paul ist im Nachlass Schuchardts in Graz erhalten (Bibl. Nr. 08684, vom 28.2.1886), ein Antwortbrief (vom 4.3.1886) sowie drei Postkarten Schuchardts aus den Jahren 1894, vermutlich 1897 und 1902 finden sich im Nachlass Pauls, der an der Ludwig-Maximilians-Universität München in der Universitätsbibliothek aufbewahrt wird. Doch das Verhältnis zwischen Paul und Schuchardt ist vielschichtiger, als es der bloße Briefwechsel vermuten lässt. Tatsächlich ist dieser besser als Teil einer größeren medialen Struktur zu verstehen – einerseits, insofern die wissenschaftliche Kommunikation zwischen Paul und Schuchardt sich auch in Rezensionen und anderen Arten der Bezugnahme im jeweiligen Werk manifestiert, andererseits aber auch dahingehend, dass der Briefwechsel Teil einer breiten Diskussion – der Lautgesetzkontroverse (vgl. Wilbur 1972) – ist, die ebenfalls medial heterogen und von verschiedenen Orten aus geführt wurde.

Informationen

Paul selbst informierte über sein Leben in einem kurzen Text, der nach seinem Tod 1921 zusammen mit einem Nachruf von Wilhelm Braune und einem – nicht vollständigen – Schriftenverzeichnis in den Beiträgen zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur veröffentlicht wurde (Paul 1922, Braune 1922).[1] Pauls eigene Lebensbeschreibung kann zusammen mit den Nachrufen – von denen einige bei Henne & Kilian (1998) gesammelt abgedruckt sind – noch immer zur Grundlage einer kurzen biographischen Skizze verwendet werden. Außerdem informieren Reis (1978) ausführlich und das Hermann Paul Centrum für Linguistik (Albert-Ludwig-Universität Freiburg 2006-2014) online.[2]

Paul wurde 1846 – damit 4 Jahre nach Schuchardt – in Salbke, heute ein Stadtteil Magdeburgs, geboren. Als Schuchardt 1866 den ersten Band seines Vokalismus des Vulgärlateins veröffentlichte, begann Paul ein Studium in Berlin, wo er dem eigenen Bekunden zufolge "besondere anregung durch Steinthal empfing" (Paul 1922: 3). Nach nur einem Semester wechselte er allerdings 1867 nach Leipzig. Dass die Leipziger Universität dieser Jahre rückblickend als bedeutendes Zentrum der Sprachwissenschaft wahrgenommen wird, erklärt sich wohl nicht zuletzt durch die Bekanntschaften, die sich damals zwischen den Studierenden und Lehrenden entwickelten. Paul belegte in Leipzig bei Friedrich Zarncke (1825-1891), Herausgeber des Literarischen Centralblatts für Deutschland, germanische Philologie, hörte aber auch beim Romanisten Adolf Ebert (1820-1890), seinerseits Begründer und zeitweise Herausgeber des Jahrbuchs für romanische und englische Literatur, etwa eine "Einleitung in das vergleichende Studium der romanischen Sprachen". Im "Sittenzeugnis", das Pauls "als gehört bescheinigte Vorlesungen" in Leipzig verzeichnet,[3] finden sich aber auch Veranstaltungen von Georg Curtius (1820-1885) wie "Griechische Grammatik" und von Friedrich Ritschl (1806-1876) eine "Erklärung von Aeschylus' Sieben vor Theben, nebst Geschichte der griechischen Tragödie". Auch die Kontakte zwischen den Studierenden waren wichtig. So berichtet Braune (1922: 11), er habe Paul "in den Eddaübungen bei unserem gemeinschaftlichen lehrer Friedrich Zarncke", gehalten im Sommersemester 1870, kennengelernt. Wichtig wurde aber vor allem der Unterricht beim nur wenige Jahre älteren Slawisten August Leskien (1840-1916), der ab dem Wintersemester 1870/71 Vorlesungen in Leipzig hielt und welcher auf Paul "nachhaltigen einfluß" (Paul 1922: 4) ausübte.

Paul promovierte 1870 bei Zarncke mit der "literaturhistorisch-textkritischen" (Reis 1978: 161) Arbeit Über die ursprüngliche Anordnung von Freidanks Bescheidenheit (gedruckt als Paul 1870), im selben Jahr also, in dem Schuchardt in Leipzig mit der Habilitationsschrift Ueber einige Fälle bedingten Lautwandels im Churwälschen (publiziert als Schuchardt 1870) habilitiert wurde und seine Probevorlesung Über die Klassifikation der romanischen Mundarten hielt (publiziert erst dreißig Jahre später als Schuchardt 1900). Diese schien Paul auch besucht zu haben, jedenfalls berichtet Schuchardt in seinem autobiographisch gefärbten Text Der Individualismus der Sprachforschung (Schuchardt 1925), dass der Vorlesung "u.a. G. Curtius, A. Ebert, Fr. Zarncke, A. Leskien, H. Paul, E. Sievers, K. Brugmann, H. Suchier beiwohnten" – womit Schuchardt "nur" ausdrücken möchte, "daß sie nicht in einem kleinen Winkel stattgefunden" habe (Schuchardt 1925: 16). In Individualismus (Schuchardt 1923) beschreibt Schuchardt sein Verhältnis zu Paul folgendermaßen:

Wir beide waren einander sehr nahe gewesen, aber nicht uns näher gekommen. Er war 1870 mein Famulus in Leipzig geworden; mit gekreuzten Armen, Napoleon gleich, saß er in meinen Vorlesungen mir gegenüber und ich dachte, dem wirst du nicht neues lehren. Auch als er drei Jahre später sich selbst in Leipzig habilitierte, durfte ich nicht annehmen, daß der skeptische Grundgedanke meiner Probevorlesung (Über die Klassifikation der romanischen Mundarten) ihn zu dem gleichen der seinigen (Gab es eine mittelhochdeutsche Schriftsprache?) angeregt hätte. Aber ich habe viel von ihm gelernt; seine 'Prinzipien' sind mir als unnachahmliches Werk erschienen. (Schuchardt 1923: 7)

Es ist unklar, ob Paul an regulären Lehrveranstaltungen Schuchardts teil nahm, sein "Sittenzeugnis" erwähnt keine Seminare oder Vorlesungen von Schuchardt.[4] Unklar bleibt auch Schuchardts Bemerkung darüber, Paul wäre sein "Famulus" gewesen.[5] In den Personalakten beider Sprachforscher im Leipziger Universitätsarchiv finden sich darauf keine Hinweise und Paul selbst äußert sich in seiner biographischen Notiz nicht dazu.

1872 erfolgte Pauls Habilitation in Leipzig. Seine von Schuchardt im obigen Zitat erwähnte Probevorlesung wurde 1872 im Verlag von Max Niemeyer gedruckt (Paul 1873). Dies stellt gleichzeitig den Beginn der Zusammenarbeit des Hallenser Verlegers mit Paul und Braune dar, aus der auch die Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur hervorgingen. Bei Niemeyer erschienen später u.a. auch alle Auflagen von Pauls Prinzipien, ab 1881 die Reihe Altdeutsche Textbibliothek, die Paul herausgab und zu der er selbst verschiedene Textausgaben beisteuerte, die Mittelhochdeutsche Grammatik (Paul 1881), das Deutsche Wörterbuch (Paul 1897a) und die fünfbändige Deutsche Grammatik (Paul 1916-1920).

Nach der Begründung der Paul-Braune-Beiträge erfolgte 1874 der Ruf Pauls an die Universität in Freiburg im Breisgau – ein Jahr, nachdem Schuchardt nach Halle berufen worden war. Während Schuchardt jedoch schon 1876 auf Vermittlung von Johannes Schmidt an die Grazer Universität wechseln konnte,[6] blieb Paul bis 1893 in Freiburg. In diese Zeit fielen nicht nur die ersten beiden Auflagen seiner Prinzipien (1880 und 1886a), sondern auch seine harten, zum Teil sehr polemisch geführten öffentlichen Auseinandersetzungen mit den in Berlin ansässigen Germanisten, allen voran mit Wilhelm Scherer (1841-1886), aber auch die durch Rezensionen und Erwiderungen ausgetragenen Debatten um die Konsequenz der Lautgesetze wie etwa mit Johannes Schmidt oder Schuchardt.[7] Die von Einhauser publizierte Auswahl von Briefen zur Geschichte der Junggrammatiker (Einhauser 1989: 325–390) und auch ihre Einleitung zur Edition ausgewählter Briefe von Hermann Osthoff an Karl Brugmann (Einhauser 1992: 13–23) zeigen deutlich, dass dies nicht nur eine Auseinandersetzung um die Sache selbst war, sondern auch ein Kampf um Berufungen und Lehrstühle, der erst in den 1890er Jahren an Schärfe und Umfang wieder verlor – als Protagonisten und Antagonisten in ihren akademischen Beschäftigungsverhältnissen Sicherheit und durch ihre wissenschaftliche Arbeit Anerkennung erlangt hatten. So lehnte etwa Schuchardt 1890 Rufe nach Budapest und Leipzig ab (Wolf 1993: XVII). Paul lehnte seinerseits 1888 einen Ruf nach Gießen ab, nachdem ihm "endlich ein gehalt bewilligt wurde, wie es damals anderwärts minimalgehalt zu sein pflegte" (Paul 1922: 4), wie er noch über drei Jahrzehnte später urteilte.

Einen Ruf nach München nahm Paul dann allerdings 1893 an und lehrte dort bis zur seiner Emeritierung 1916 an der Ludwig-Maximilians-Universität. Reis beschreibt die Münchener Jahre bis 1912 als "sicher die ausgeglichenste Zeit in Pauls Leben", in der es "weder an beruflicher und wissenschaftlicher Erfüllung noch an privatem Glück" gefehlt habe (Reis 1978: 172). In München verlagerte sich der Schwerpunkt von Pauls Forschungsarbeit stärker auf das Gebiet des Neuhochdeutschen. Diese Verlagerung hatte schon begonnen durch die von Eduard Sievers (1850-1932) übernommene Herausgabe des Grundriss der germanischen Philologie (Paul 1891, 1893) und setzte sich fort in seinen Beiträgen zu den Abhandlungen der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, zu denen er bei Übernahme des Lehrstuhls in München verpflichtet worden war (Paul 1922: 5; vgl. Reis 1978: 169–171). Zwei dieser Beiträge versandte er postalisch auch an Schuchardt (Paul 1895, 1902), wie dessen Dankespostkarten in Pauls Nachlass zeigen. Nach dem Deutschen Wörterbuch (Paul 1897a) und verschiedenen Einzelstudien überarbeitete Paul auch die Prinzipien noch einmal für ihre dritte (Paul 1898) und ihre vierte Auflage (Paul 1909). Ab 1911 widmete sich Paul der fünfbändigen Deutschen Grammatik (Paul 1916-1920), die er noch zu Lebzeiten, wenn auch inzwischen vollständig erblindet, "mit hülfe fremder augen" (Paul 1922: 498) beenden konnte.

Inhalt des Briefwechsels:

Pauls Brief an Schuchardt liest sich wie eine direkte Fortsetzung der öffentlich geführten Diskussion und ist doch nur auf eine Vermittlung zurückzuführen. Paul schreibt Schuchardt, dass Neumann – gemeint ist sicherlich Fritz Neumann – ihm mitgeteilt habe, dass "Sie den Schlußpassus meiner Erwiederung als Ihnen nicht verständlich bezeichnet haben" (Paul an Schuchardt, 28.2.1886).[8] Präzise, gewissermaßen wörtlich, knüpft Paul an den in seiner Stellungnahme geäußerten Gedanken an, worauf eine Methodologie der Sprachwissenschaft begründet sein müsse:

Die Methodik beruht eben außer auf der allgemeinen Logik auf der Principienlehre, und diese wird nur gewonnen auf Grund einer Verarbeitung von Tatsachen der Erfahrung. Diese Verarbeitung geschieht natürlich nach logischen Gesetzen, aber die Logik al-|2|lein ohne die Tatsachen hilft uns nichts. […] Die gegenwärtig in der Sprachwissenschaft bestehenden Kontroversen können meiner Meinung nach nicht durch rein logische Erörterungen geschlichtet werden, sondern es kommt auf das Beobachtungsmaterial an, von dem man ausgeht. (Paul an Schuchardt, 28.2.1886)

Diese Bemerkung ist nicht unbedingt als Hinwendung zu einem sprachwissenschaftlichen Empirismus zu verstehen. Sie muss vielmehr im Zusammenhang mit Pauls wissenschaftstheoretischer Erörterung zu Beginn der Prinzipien gesehen werden. Es kommt ihm dabei auf die Art an, wie das "Beobachtungsmaterial" untersucht werden soll. Dazu benötigt Paul neben einer zeitlosen allgemeinen Logik eine Wissenschaftstheorie des geschichtlichen Werdens, der Entwicklung, der nicht umkehrbaren Veränderung. Wichtig ist dafür eine von Paul gemachte Unterscheidung zwischen Geschichtswissenschaften und exakten Naturwissenschaften. Den historischen Wissenschaften, oder präziser formuliert: den Wissenschaften von geschichtlichen Entwicklungen (worunter neben den Kulturwissenschaften auch historische Naturwissenschaften wie Geologie oder Biologie gezählt werden, vgl. u.a. Paul 1880: 7) soll eine Prinzipienwissenschaft beigeordnet sein. Da das Beobachtungsmaterial der Sprachwissenschaft – Sprachzeugnisse im breiten Sinne – von Paul als Produkt von in diesem Sinne geschichtlichen Veränderungen gesehen wird, müssen die Entstehungsbedingungen dieser Veränderungen untersucht werden. Eine Prinzipienwissenschaft der Sprachveränderungen hat insofern die Prinzipien der Sprachgeschichte zum Gegenstand. Daher kommt es auf das beobachtete Material an: Dessen Beschaffenheit als historisch Gewordenes erfordert eine Methodologie, die nicht nur auf einer allgemeinen Logik begründet ist. Schuchardts Antwort zeigt, dass er eine solche Prinzipienwissenschaft trotzdem der Logik unterordnet – er unterscheidet eine allgemeine von einer speziellen Methodenlehre:

Daß nun bei der speziellen Methodenlehre es auch darauf ankomme, von welchem Beobachtungsmaterial man ausgehe, wie man dasselbe verarbeite das will ich ja nicht läugnen; aber wenn ich Bezug auf diese Ausgangspunkte und auf die Verarbeitungsweise ein Meinungszwiespalt bestehe, so sehe ich nicht ein wo derselbe gelöst werden sollte wenn nicht vor dem Forum der Logik. (Schuchardt an Paul, 4.3.1886)

Schuchardt spricht auch nicht von einer Konsequenz der Lautgesetze, sondern von ihrer "Konstanz" und macht klar, dass er die Auffassungen Pauls für gar nicht so verschieden hält von seinen eigenen – auf jeden Fall sei der Unterschied zwischen Pauls früherer Position, wonach er "die Lautgesetze als Naturgesetze" bezeichnet habe, und seiner neuen Position sehr viel größer als der Unterschied zwischen dieser und Schuchardts Position.

Kurz, ich sehe nicht ein warum Sie, besonders da ich ja |4| selbst mehrfach, und in warmer Weise, meine Zustimmung zu Ihren "Principien" zu erkennen gegeben habe, – die Sache so darstellen als ob eine unüberbrückbare Kluft zwischen uns bestünde.

Wenn ich mir das psychologisch verständlich machen will, so kann ich das nur, indem ich annehme daß Sie die früher insbesondere von Osthoff ausgesprochenen Anschauungen nicht in so rückhaltloser Weise desavouiren wollen als sie das, zur Förderung der Klarheit, verdienten. (Schuchardt an Paul, 4.3.1886)

Das Fazit ist hier wohl folgendes: Schuchardt kann sich Pauls Beharren auf der Unvereinbarkeit der beiden Positionen nur erklären, indem er es als nicht notwendige, sondern willentliche Entscheidung betrachtet. Damit mag er vielleicht nicht einmal falsch liegen. Ob eine Prinzipienwissenschaft des historischen Werdens bei methodischen Streitfragen einer allgemeinen Logik nun bei- oder übergeordnet werden soll, ist keine ganz grundsätzliche Frage mehr. Dass die Lautgesetze im Allgemeinen nicht mehr als ausnahmslos bezeichnet werden können, hatte Paul eigentlich schon eingeräumt. Es vermag daher auch nicht zu überraschen, dass die Diskussion über die Konsequenz der Lautgesetze an dieser Stelle von beiden Sprachforschern als beendet angesehen wurde. Was zu sagen war, das war gesagt worden; die Meinungen waren ausgetauscht und die Standpunkte soweit es ging einander angenähert und so weit wie nötig voneinander abgegrenzt worden. Zwar waren die methodischen Diskussionen innerhalb der sich entwickelnden europäischen Sprachwissenschaft damit noch lange nicht beendet, doch zwischen Paul und Schuchardt kam es damit zu einer Art friedlicher Koexistenz. Insbesondere bemühten sich offenbar beide, die Debatte nicht ins Persönliche oder Verletzende übergehen zu lassen. Beide wussten um die mitunter zerstörerische Kraft der allzu scharfen Polemik und waren hier vielleicht doch ernsthaft besorgt. So verbleibt Paul am Schluss seines Briefs in "der Hoffnung, daß unsere freundschaftlichen Beziehungen in keinerlei Weise gestört sind", und Schuchardt zerstreut etwaige Befürchtungen des Gegenteils:

Der Eine wie der Andere von uns wird in dieser Sache wohl noch manches Wort reden; seien Sie versichert daß meine Gesinnungen durch den wissenschaftlichen Streit in keiner Weise alterirt werden, und sollten wir uns wirklich in diesem Punkte nicht vereinen können, so werden wir uns doch hoffentlich der Gemeinschaft in vielen andern erfreuen. (Schuchardt an Paul, 4.3.1886)

Neben den erwähnten beiden Briefen aus dem Frühjahr 1886 haben sich noch drei Postkarten Schuchardts aus späteren Jahren im Nachlass Pauls erhalten (vom 16.8.1894, 20.5.1902 und vom 19.12.###7). Sie enthalten lediglich schriftlichen Dank Schuchardts für die Zusendung einiger kürzerer Texte Pauls. Diese Korrespondenzstücke zeigen, dass ein sehr sporadischer Kontakt zwischen beiden Sprachforschern bestehen blieb. Unter der Voraussetzung, dass Schuchardts Karten an Paul vollständig erhalten sind, gibt die Thematik der verschickten Texte zumindest einen Hinweis darauf, was Paul als interessant für Schuchardt beurteilte. Dies umfasst Pauls Publikationen zur wissenschaftlichen Lexikographie unter "besonderer Rücksicht auf das deutsche Wörterbuch" (Paul 1895) und zur deutschen Perfektbildung mit 'haben' und 'sein' (Paul 1902). Zu letzterer bemerkt Schuchardt, sie sei eine "auch uns Romanisten zu erneuten Erwägungen anregenden Schrift" (Schuchardt an Paul, 20.5.1902), womit er gleichzeitig klar macht, dass er einerseits wissenschaftlich in einem anderen Fach als Paul beheimatet ist und so die Grenze zu Pauls Fachbereich klar zieht, aber andererseits auch den Austausch zwischen beiden Fächern als positiv betont. Die periphrastische Perfektbildung als Studienobjekt wird in dieser Perspektive zur Schnittmenge zwischen romanistischer und germanistischer Linguistik.

Bei der dritten Postkarte ist nicht ganz klar, wofür sich Schuchardt bedankt, auch die Datierung ist unsicher. Gegenstand des postalischen Danks ist möglicherweise ein Vortrag Pauls über die "Bedeutung der deutschen Philologie für das Leben der Gegenwart" (Paul 1897b), der in der Beilage zur Allgemeinen Zeitung erschien (vgl. aber dazu die Fußnote zur entsprechenden Postkarte). Schuchardt schreibt, er sei mit dem "schönen Vortrag […] in Allem, besonders auch in seinen Spitzen gegen offizielle Einrichtungen einverstanden" (Schuchardt an Paul, 19.12.###7), was inhaltlich in Bezug auf Pauls kritischen Vortrag durchaus plausibel scheint. Paul geht in seinem Vortrag der Frage nach, was die "deutsche" Philologie zur "allgemeinen intellektuellen und moralischen Bildung beizutragen" vermag (Paul 1897b: 3, 4).

Deutlich wird vor allem, dass der postalische Austausch die Distribution von wissenschaftlichem Wissen und dessen Rezeption über Länder- und Fächergrenzen hinweg ermöglicht. Beachtenswert ist, dass es sich um drei Schriften handelt, die im Zusammenhang mit der bayerischen Akademie der Wissenschaften entstanden sind. Ob Paul annahm, dass Schuchardt diese von sich aus nicht rezipieren würde, lässt sich nicht klären, und es bleibt ebenso unklar, ob Schuchardt sie tatsächlich mit tiefergehendem wissenschaftlichem Interesse aufnahm.

Briefedition und Kommentare

Der Brief Pauls an Schuchardt, der in der Abteilung Sondersammlung der Universitätsbibliothek Graz aufbewahrt wird, trägt die Nummerierung des Schuchardtnachlasses (Bibl. Nr.) wie in Wolf (1993). Die Schreiben Schuchardts an Paul sind nicht einzeln von der Universitätsbibliothek München nummeriert worden und tragen durchgängig die Signatur "Nachl. Herm. Paul acc. V. 14636".

Die Reihenfolge der Schriftstücke ist überwiegend chronologisch, zur Orientierung wird eine laufende Nummer vergeben (Lfd. Nr.). Die Postkarte mit der laufenden Nummer 5 ist als letzte eingeordnet, obwohl sie wahrscheinlich chronologisch an vorletzter Stelle einzuordnen wäre. Ihre Datierung ist schwierig und hier an der Reihenfolge der Archivierung der Korrespondenzstücke in München orientiert. Die Datierung auf 1897 bleibt letztlich nur eine These, die ausführlich in der Befußnotung der Karte erläutert wird.

Die von Joëlle Lederer (2010) im Rahmen einer unveröffentlichten Studienarbeit vorgenommene Einleitung und Abschrift des Briefes von Paul an Schuchardt wurde für die Edition konsultiert.



[1] In Henne & Kilian (1998) findet sich in Bezug auf diese Bibliographie der Versuch "deshalb, zum ersten Mal, ein vollständiges Schriftenverzeichnis" zu bieten (Henne & Kilian 1998: IX). Leider ist jedoch auch dieses nicht vollständig; gerade die wichtige Rezension (Paul 1885) von Schuchardts Slawo-deutsches und Slawo-italienisches (Schuchardt 1884a) findet sich darin nicht (Henne & Kilian 1998: 325–331).

[2] Vgl. http://www.hpcl.uni-freiburg.de/hermann-paul (2014-08-14), wo auch einige wenige digitalisierte Autographen von Paul abrufbar sind.

[3] Vgl. die Website des Projekts Von Leipzig in die Romania (Universität Leipzig 2009-2011), http://www.culingtec.uni-leipzig.de/JuLeipzigRo/sources/index/page:2/sourceType:2 (2014-09-10).

[4] Schuchardt lehrte im Wintersemester 1870/71 in Leipzig laut der historischen Vorlesungsverzeichnisse "Ueber Vulgär- und Mittellatein", "Boccaccio's Decamerone" und "Walachisch", dann im Sommersemster 1871 "Ueber Molière (mit Erklärung des Tartuffe)", im Wintersemester "Vergleichende Grammatik der romanischen Sprachen", und schließlich 1872 im Sommersemster "Italienische Grammatik nebst Leseübungen") sowie "Spanische Grammatik mit Leseübungen" und "Ariosto" im Wintersemester. Vgl. Universitätsbibliothek Leipzig (2008-2012), http://histvv.uni-leipzig.de/dozenten/schuchardt_h.html (2014-08-14).

[5] Vgl. dazu auch den Briefwechsel zwischen Schuchardt und Jespersen; in einem Brief vom  12.9.1886 schreibt Schuchardt: "Leskien war in Leipzig mein Kollege, Paul mein Famulus" (zitiert nach Hurch & Costantini 2007).

[6] Im Nachlass Schuchardts befinden sich zwölf Schreiben vom Indogermanisten Johannes Schmidt (1843-1901) aus den Jahren 1874-1877 (katalogisiert unter den Nummern 10093-10104), in denen es hauptsächlich um Schuchardts Berufung nach Graz geht. Der Briefwechsel zwischen Schuchardt und Schmidt befindet sich derzeit in Bearbeitung.

[7] Eine an Quellenbelegen reiche Darstellung der Diskussionen aus der Perspektive Pauls gibt Reis (1978: 160–171).

[8] Diese Äußerung bezieht sich – das wird aus der folgenden inhaltlichen Bezugnahme deutlich – auf den Schluss von Pauls unbetiteltem Kommentar (Paul 1886a), nicht auf den Schlusspassus in seiner Rezension (Paul 1886b). Ob allerdings auch Neumann in seiner Mitteilung an Paul diesen Schluss und nicht eigentlich den Schlusspassus von Paul (1886b) meinte, ist unklar – insbesondere dann, wenn man den Brief Neumanns an Schuchardt vom 12.1.1886 berücksichtigt. Dieser indirekte Kommunikationsschritt von Schuchardt über Neumann an Paul kann nicht mehr nachvollzogen werden. Dass Paul und Neumann sich mündlich darüber in Freiburg ausgetauscht haben, ist nicht unwahrscheinlich.


Literatur:

Albert-Ludwig-Universität Freiburg. 2006-2014. Hermann Paul Centrum für Linguistik. http://www.hpcl.uni-freiburg.de/ (14.08.2014).

Braune, Wilhelm. 1922. 'Nachwort'. Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur ["Paul-Braune-Beiträge"] 46/3, 501–503.

Einhauser, Eveline. 1989. Die Junggrammatiker. Ein Problem für die Sprachwissenschaftsgeschichtsschreibung. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier.

Einhauser, Eveline (Hg.). 1992. Lieber freund… Die Briefe Hermann Osthoffs an Karl Brugmann, 1875 - 1904. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier.

Henne, Helmut & Jörg Kilian (Hgg.). 1998. Hermann Paul: Sprachtheorie, Sprachgeschichte, Philologie. Reden, Abhandlungen und Biographie. Tübingen: Niemeyer.

Hurch, Bernhard & Francesco Costantini. 2007. 'Die Korrespondenz zwischen Otto Jespersen und Hugo Schuchardt'. In Bernhard Hurch (Hg.) (2007-), Hugo Schuchardt Archiv. Webedition verfügbar unter: http://schuchardt.uni-graz.at/korrespondenz/briefe/korrespondenzpartner/alle/516 (23.10.2014).

Kainz, Christine. 1990. '"Den Aufgabeort auf den Briefen zu bemerken…". Ein Streifzug durch die Geschichte des österreichischen Poststempels'. In Eva Leberl (Hg.), Aus Österreichs Postgeschichte. Ein Kaleidoskop ; 500 Jahre europäische Postverbindungen ; 1490 – 1990. Wien: Generaldirektion für die Post- und Telegraphenverwaltung, pp. 44–48.

Lederer, Joëlle. 2010. Brief an Hugo Schuchardt von Hermann Paul. [Hausarbeit eingereicht für das] PS Wissenschaftsgeschichte. SS 2010. Institut für Sprachwissenschaft, Universität Graz.

Paul, Hermann. 1870. Über die ursprüngliche Anordnung von Freidanks Bescheidenheit. Inauguraldissertation zur Erlangung der philosophischen Doktorwürde auf der Universität Leipzig. Leipzig, Univ., Diss., 1870. Leipzig: Melzer.

Paul, Hermann. 1873. Gab es eine mittelhochdeutsche Schriftsprache? Vortrag zur Erlangung der Venia legendi an der Universität Leipzig. Halle a.S.: Lippert'sche Buchhandlung (Max Niemeyer).

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Paul, Hermann. 1886a. [ohne Titel]. Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 7/2, 83–84.

Paul, Hermann .1886b. Principien der Sprachgeschichte. Halle: Niemeyer, 2. Auflage.

Paul, Hermann.1886c. [Rez. von] 'Schuchardt, Hugo, Ueber die Lautgesetze. Gegen die Junggrammatiker.' Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 7/1, 1–6.

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Paul, Hermann. 1897a. Deutsches Wörterbuch. Halle a.S.: Niemeyer.

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Universität Leipzig. 2009-2011. Von Leipzig in die Romania. http://www.culingtec.uni-leipzig.de/JuLeipzigRo/ (23.10.2014).

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Wilbur, Terence H. 1977. The Lautgesetz-Controversy. A documentation. Amsterdam: Benjamins.

Wolf, Michaela. 1993. Hugo Schuchardt Nachlass. Schlüssel zum Nachlass des Linguisten und Romanisten Hugo Schuchardt (1842-1927). Graz: Leykam.

Wundt, Wilhelm M. 1883. Logik. Eine Untersuchung der Principien der Erkenntniss und der Methoden wissenschaftlicher Forschung. Zwei Bände. Zweiter Band. Methodenlehre. Stuttgart: Enke.

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