Senden hat offenbar funktioniert, aber es wird noch ein Bestätigungsmail verschickt, sobald die Änderungen angekommen sind.
Es hat etwas nicht funktioniert. Bitte den Inhalt in Word (o.Ä.) kopieren und per Mail schicken.

Henri Gaidoz

Die Korrespondenz zwischen Henri Gaidoz und Hugo Schuchardt wurde von Magdalena Rattey bearbeitet, kommentiert und eingeleitet.

Die Transkription der Briefe wurde in den letzten Jahren von mehreren Mitarbeiterinnen des Hugo Schuchardt Archivs durchgeführt. Ihnen sei an dieser Stelle herzlich gedankt.

Die Edition bzw. einzelne Briefe sind zu zitieren als:

 

Rattey, Magdalena. 2017. 'Die Korrespondenz zwischen Henri Gaidoz und Hugo Schuchardt'. In Bernhard Hurch (Hg.) (2007-). Hugo Schuchardt Archiv. Webedition verfügbar unter http://schuchardt.uni-graz.at/id/letters/1541, abgerufen am 29.05.2020

 

Henri Gaidoz

Bedeutung

Henri Gaidoz’ Vita und Œuvre sind ausführlich dargestellt in Gauthier (2008), weshalb hier nur auf seine Bedeutung für die Korrespondenz mit Schuchardt eingegangen wird.

Gaidoz (1842-1932) und Schuchardt dürften sich im Jahr 1874 in Paris kennengelernt haben (vgl. FN [10] zu 110-03290) und im Jahr darauf (1875) miteinander in brieflichen Kontakt getreten sein.

Im Folgenden soll eine Übersicht über den Inhalt der Briefe, die im Zeitraum von 1876-1904 geschrieben wurden, verschafft werden. Da es sich aber nur um eine zusammenfassende Betrachtung handelt, ersetzt diese natürlich nicht die Lektüre der Briefe, die als Quelle für viele unterschiedliche Aspekte der Korrespondenzpartner dienen, so z.B. hinsichtlich ihres politischen und wissenschaftlichen Denkens und folglich auch ihrer Persönlichkeit.

Der erste Teil der Korrespondenz (1870er, 1880er Jahre)

In den ersten Briefen werden vor allem Namen von Personen genannt (und weitergegeben), die sowohl Gaidoz als auch Schuchardt als Kontaktpersonen in Wales dienten (unter diesen Briefen findet sich auch ein gänzlich kymrischsprachiger Brief Schuchardts 002-SG1, transkr. u. übers. v. Dagmar Bronner). Gaidoz, der neben D’Arbois de Jubainville Herausgeber der Revue Celtique war, bekundet mehrmals Interesse an einer Mitarbeit Schuchardts für die Zeitschrift, in der dieser auch zweimal publizierte (vgl. [Archiv-/Breviernummern: 136, 144]). In gleicher Weise versucht Gaidoz seinen Korrespondenzpartner als Mitarbeiter für die 1877 gemeinsam mit Eugène Rolland gegründete Folklore-Zeitschrift Mélusine zu gewinnen. Allerdings war/ist dies ein eher erfolgloses Unternehmen: Schuchardt sollte nie in der Mélusine publizieren. 1884 erst erschien der zweite Band der „Folklore-Zeitschrift“ Mélusine  – ein Ereignis, das Gaidoz Schuchardt, der selbst mit Gustav Meyer eine Folklore-Gesellschaft gründete (vgl. 103-SG20 und die FN, dort finden sich entsprechende Literaturhinweise), nicht vorenthalten wollte. Bevor die Mélusine zum zweiten Mal erscheint, berichtet Gaidoz von den Vorbereitungen, wobei er die Bedeutung dieser Zeitschrift für « le Folk Lore français » unterstreicht und die Mélusine von anderen Folklore-Bewegungen abhebt: « Mélusine seule empêche le Folk Lore français de tomber entre les mains des purs gens de lettres (Sébillot, Carnoy etc) pour lesquels c’est matière à articles et à volumes, faits à peu de frais, et écrits, non dans un but scientifique, mais pour |4| éblouir le public ignorant. » (Vgl. 045-03247). Immer wieder fordert Gaidoz Schuchardt zu einer Publikation über „F.[olk] L.[ore] créole“ auf. Er würde ihm sogar einen Verleger in Paris suchen (so z.B. in 036-03239), doch Schuchardt kommt diesem „Angebot“ nicht nach. Entmutigt durch die Konkurrenz, die Revue des traditions populaires, teilt Gaidoz Schuchardt am 15. März 1888 mit, dass er die Mélusine alleinig herausgeben werde (vgl. 061-03262). Seiner „Eifersucht“ auf Schuchardts Mitgliedschaft bei der Société des traditions populaires, deren Mitglied Paul Sébillot (s.u.) ebenso war, verleiht er mehrmals Ausdruck (vgl. z.B. 061-03262; 062-03263).

Für das gemeinsam mit Paul Sébillot ins Leben gerufene Publikationsprojekt der Reihe La France merveilleuse et légendaire, deren erster Band Blason populaire de la France (vgl. dafür Voisenat 2011) 1884 erscheint, erwartet sich Gaidoz den Grazer Romanisten ebenfalls als Kollaborateur, wie er es im Brief vom 24. April 1883 (027-0233) suggeriert: « Cela ne sera pas sans intérêt même pour les Romanistes ‘von Fach’ qui étudient les mots sans se soucier des idées. » Gaidoz’ Interesse für transatlantische bzw. kreolsprachige Folklore, Märchen, Sprichwörter etc. kreuzt sich mit Schuchardts Forschung über Kreolsprachen (vgl. seine bedeutungsvollen Publikationen zum Kreolischen bes. in den 1880er Jahren). In dieser Zeit (1880er Jahre) übermittelt Gaidoz Schuchardt – und vice versa – Informationen in Form von Anhängen. Am 15. Dezember 1883 (034-03237) beklagt sich Gaidoz darüber, dass Schuchardt schon lange kein « signe de vie » mehr von sich gegeben hätte. Der letzte Brief davor von Schuchardt an Gaidoz datiert vom 5. Juli 1883 (30-s.n.), wobei es sein kann, dass die Schuchardt’schen Briefe nicht vollständig sind. Zwischen Ende August 1884 und Anfang September 1885 ist kein Brief von Gaidoz erhalten. Vielleicht ist diese Briefpause auf Gaidoz' unablässiges Drängen zu einer Publikation von kreolischer Literatur bei Leclerc zurückzuführen ist.

Der Konflikt zwischen Sébillot und Gaidoz wird besonders in den Briefen von 1883 und 1884 thematisiert.[1] Im Brief vom 16. Feb. 1884 (036-03239) verleiht Gaidoz seiner Meinung über Sébillot Ausdruck : «M. S. n’est pas un érudit, ni un Philologue : c’est un homme de lettres, très intelligent du reste et sachant tirer bon parti de ce qu’il trouve et de ce qu’on lui indique. » Es folgt eine Anspielung auf Sébillots Egoismus; er warnt Schuchardt davor, Sébillot seine kreolischen Publikationsvorhaben zu nennen: « En tout cas, et d’une façon générale, je vous engage en ami à être prudent sur ce point et à ne communiquer à personne ce que vous voulez réserver à vos propres publications. »

 

Der zweite Teil der Korrespondenz (1890er, 1900er Jahre)

In den 1890er Jahren, sozusagen der zweite Teil der Korrespondenz, sticht der teilweise sehr emotionale Diskurs über (auch historische) Nationenbildung und Nationalitäten(-konflikte), hervor. Es wird hier deutlich, dass die beiden Korrespondenzpartner in unterschiedlichen Gebieten aufgewachsen sind, da die Affinitäten zu bestimmten „Ländern“ mitunter aus der sie umgebenden politischen Situation resultieren. Nicht nur die Länge der Schuchardt’schen Briefe zu diesen Themen ist bemerkenswert, sondern auch die vielen darin geäußerten Gedanken und Ansichten betreffend die aktuelle politische Lage und die europaweiten nationalen Bewegungen. Den Umfang dieser Briefe (an-)erkennt Gaidoz: « Puisque vous allez quitter Gotha, je ne veux pas vous laisser partir, sans régler cette correspondance, grosso modo du moins, car il faudrait une brochure pour traiter tous les points touchés ou développés dans vos dernières lettres. » (Brief vom 25.04.1899; 126-03298). 

Im Brief vom 14. August 1894 (066-03267) initiiert Gaidoz die Polemik durch eine Aussage bezüglich Ungarns: « Je me suis efforcé d’être impartial, mais je n’admets pas que la Hongrie puisse se prétendre un état unitaire sans opprimer les nationalités. » Es folgen die durch Gaidoz angeregte sprachpolitische Diskussion über den „Vornamenzwang“ in Elsass-Lothringen (vgl. 068-03268); die Instruction pour les officiers de l’Etat-Civil en Alsace-Lorraine dominiert die folgenden Briefe.

Zwei Jahre Pause setzen nach dem Brief vom 6. März 1896 (083-03275) ein : « Je crois inutile de continuer une correspondance que vous avez détournée de son point principal et initial. » Der erste Brief danach datiert vom 17. Mai 1898 (085-03277), worin Gaidoz auf Schuchardts Broschüre über Tchèques et Allemands eingeht und damit wieder eine Auseinandersetzung entfacht: « Permettez-moi de vous dire que je trouve que vous avez deux poids et deux mesures; et si un esprit élevé et cultivé comme le vôtre n’arrive pas à l’impartialité, que peut-on attendre de la foule? »  Schuchardt zeigt sich zwar erfreut über den wieder aufgenommenen Briefwechsel, fühlt sich aber durch Gaidoz’ Urteil (vgl. 085-03277) beleidigt (086-SG19).

Interessant sind die Bemerkungen hinsichtlich der französischen Rezeption politischer Zustände im Ausland und in diesem Zusammenhang die besprochenen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland, aber auch zwischen Frankreich und den slawischen „Ländern“. Miteinbezogen werden Besprechungen von Artikeln in der Pensée Slave oder Liga Româna, worin Gaidoz publizierte. Dazu seien einige Zitate aus den Briefen hier wiedergegeben:

Schuchardt schreibt im Brief vom 20. November 1898 (19-SG21): „Es wundert mich dass Lángs Artikel  in der Revue politique et parlementaire erschienen ist. Wenn man bei Ihnen so viel Interesse an unsern Angelegenheiten nimmt, so muss ich eigentlich darüber empfindlich sein dass von allen Zeitungen und Zeitschriften in Paris an die H.  Welter meine Broschüre [Tchèques et Allemands] geschickt hatte (gegen dreissig!), keine einzige davon Notiz genommen hat (auch die Rev. pol. et parl. nicht).“ 

Gaidoz schreibt im Brief vom 11. Dezember 1898 (094-03283) : « Il ne faut pas vous étonner que les journaux français n’aient pas parlé de votre brochure quoiqu’on la leur ait envoyée 1° On n’a de comptes-rendus dans les journaux que par relations personnelles et camaraderie 2° On y ignore généralement les questions de politique étrangère et on ne s’y intéresse pas 3° Dans les quelques journaux où certains rédacteurs connaissent ces questions, on est prudent pour ménager les opinions, sentiments ou passions du public: or, les Tchèques étant des amis de la France et luttant contre les Allemands […] Je m’aperçois du reste à mon cours de l’Ecole des Sciences Politiques comme il est difficile de faire comprendre à des Français, habitués chez eux à l’unité en tout, la complication de l’organisation et des idées en Autriche. »

Der Brief vom 31. Dez. 1898 (96-SG22) ist sehr aussagekräftig im Hinblick auf Schuchardts Haltung gegenüber Frankreich: einerseits gesteht er seine Sympathie zu diesem Land und deutet die Gemeinsamkeiten mit Deutschland an, andererseits verheimlicht er nicht seine Kränkung über die Beziehungen zwischen den beiden Ländern und schließt seinen Brief mit folgenden Worten: „Herzlichste Wünsche für Sie und für Ihr Land, das - wider alles Hoffen und Erwarten - auch in diesem Jahre mit der Dreyfus-sache nicht fertig geworden ist.“

Um den idealistischen Kern des Diskurses zu verdeutlichen, sei noch ein Zitat aus Schuchardts Brief vom 18. Jänner 1899 (102-SG26) angeführt: „Es ist schon lange her, fünfzehn Jahre mindestens, dass ich den lebhaftesten Wunsch hege und auch ausgesprochen habe, es möge sich wenigstens in der Theorie ein consensus der Gelehrten und der Denker der verschiedenen Nationen über derartige Fragen herausbilden.“ Eine Aussage Gaidoz im letzten erhaltenen Schreiben der Korrespondenz vom 9. Februar 1904 (138-03307) zeugt von seiner pazifistischen Weltanschauung. Sich für Schuchardts Zusendung des Bericht[s] über die auf Schaffung einer künstlichen internationalen Hilfssprache gerichtete Bewegung [Archiv-/Breviernummer: 455] bedankend, fügt er, wenn man möchte, voller Hoffnung, hinzu: « Et la paix universelle? ».

Eine die/den Leserin/Leser amüsierende Gemeinsamkeit der beiden Briefpartner ist ihr Mitteilungsbedürfnis, wenn es um ihre körperlichen Leiden geht, das manches Mal in Selbstmitleid ausartet. Manche Schreiben dominiert dieser inhaltliche Aspekt sogar, sodass die anderen Informationen fast untergehen (vgl. z.B. 034-03237). Es verwundert daher nicht, dass Gaidoz Schuchardt mehrmals um Auskunft über Themenorte bittet (vgl. z.B. 098-03285).

 



[1] Für die Darstellung des Konflikts zwischen Gaidoz und Sébillot vgl. Voisenat (2011).

Gegenbriefe

Die Briefe von Hugo Schuchardt an Henri Gaidoz liegen im Lacombe-Nachlass in Baratz. Der Transkription liegen die Scans dieser Briefe zugrunde. Die Inventarnummern der Briefe entsprechen teilweise nicht der chronologischen Reihenfolge. Manche Stellen in der Korrespondenz deuten darauf hin, dass noch weitere, nicht vorhandene, Korrespondenzstücke von Schuchardt an Gaidoz verschickt wurden.

Briefedition und Kommentare

Hinweise zu den Kommentaren in den Fußnoten:

Langzitate zu Werken sind angeführt, wenn diese in der Korrespondenz, also in den Briefen, erwähnt werden. Kurzzitate beziehen sich auf konsultierte Sekundärliteratur, die verwendet wurde, um inhaltliche Aspekte der Korrespondenz zu erläutern. Entschlüsselt sind diese in der Bibliographie.

Die Schuchardt'schen Briefe sind in folgendem Format betitelt: 002-SG1. Zuerst mit der laufenden Nummer im Briefwechsel und danach mit der spezifischen Kennzeichnung S(chuchardt) G(aidoz). 1 bedeutet "erster Brief von Schuchardt an Gaidoz".