Georg Curtius

Die Korrespondenz zwischen Georg Curtius und Hugo Schuchardt wurde von Sandra Ziagos bearbeitet, kommentiert und eingeleitet.

Die Edition bzw. einzelne Briefe sind zu zitieren als:

Ziagos, Sandra. 2014. 'Die Korrespondenz zwischen Georg Curtius und Hugo Schuchardt'. In Bernhard Hurch (Hg.) (2007-). Hugo Schuchardt Archiv. Webedition verfügbar unter: http://schuchardt.uni-graz.at/id/letters/1349, abgerufen am 24.05.2017

Georg Curtius

Bedeutung

Georg Curtius, am 16. April 1820 in Lübeck geboren, war zwar klassischer Philologe, setzte sich jedoch bereits in seiner Studienzeit in Bonn und Berlin auch mit den Entwicklungen in der Sprachwissenschaft auseinander. Zu seinen Lehrern zählen Ch. Lassen, A. W. v. Schlegel und F. Bopp. Geprägt wurde Curtius zudem von W. v. Humboldt, mit dessen wissenschaftlichem Nachlass er sich intensiv beschäftigt hat.

Nachdem sich der Einfluss der vergleichenden Sprachwissenschaft schon in seinen frühen Publikationen gezeigt hatte, in denen er vor allem Fragen der Wortbildung und Etymologie behandelte, war in seiner Arbeit "Die Sprachvergleichung in ihrem Verhältniss zur classischen Philologie" (1845) das Thema, das ihn zeitlebens beschäftigen sollte, erstmals bereits im Titel explizit formuliert.

1846 habilitierte sich Curtius in Berlin, und noch im selben Jahr wurde sein erstes größeres Werk "Die Bildung der Tempora und Modi im Griechischen und Lateinischen sprachvergleichend dargestellt" veröffentlicht, in dem er die Bedeutung der historischen Sprachwissenschaft für die Einsicht in die Sprachstruktur hervorhebt.

Von 1849 bis 1854 lehrte Curtius in Prag. In dieser Zeit verfasste er seine "Griechische Schulgrammatik", die Generationen von SchülerInnen begleitet hat, und ergänzte sie später durch "Erläuterungen", die sprachwissenschaftlich unbedarften Lehrern als Nachschlagewerk dienen sollten. Zu den wichtigsten Neuerungen in seiner Grammatik gehörte die Unterscheidung von "Zeitart" (bei Brugmann später durch "Aktionsart" ersetzt) und "Zeitstufe", womit er aus heutiger Sicht die Bedeutung von Aspektualität für das Verbalsystem des Griechischen in den Vordergrund gerückt hat.

In seiner Prager Zeit begann Curtius, sich mit dem Tschechischen (damals: Böhmischen) zu beschäftigen, und über A. Schleicher, seinem Kollegen in Prag, kam er auch mit dem Litauischen in Kontakt. Seine Hochzeit mit Amalie Reichhelm 1850 fiel ebenfalls in diese Zeit.

1854 folgte Curtius dem Ruf nach Kiel, wo er die "Grundzüge der griechischen Etymologie" verfasste, die als sein Hauptwerk gelten. In Kiel schrieb er auch seinen Vortragstext "Ueber die Geschichte und Aufgabe der Philologie" (1862), in dem er die Bedeutung W. v. Humboldts für die Sprachforschung hervorhebt, für wissenschaftlichen Austausch plädiert und betont, dass das Ziel der Philologie nicht nur in der indogermanischen Forschung liege.

Seine nächste Station war Leipzig, wo er in seiner Antrittsrede über "Philologie und Sprachwissenschaft" (1862) einmal mehr die Bedeutung der Sprachwissenschaft für die klassische Philologie unterstreicht.

Von 1868-78 gab Curtius die Zeitschrift "Studien zur griechischen und lateinischen Grammatik" (10 Bde., Bd. 9 und 10 gemeinsam mit Karl Brugmann) heraus, in der zahlreiche Erstlingsarbeiten und Dissertationen veröffentlicht wurden. Nachdem er sich mit Brugmann überworfen hatte, was vor allem auf seine Ablehnung von Brugmanns Arbeit "Nasalis sonans in der indogermanischen Grundsprache" (1876) zurückzuführen war, stellte er die "Studien" schließlich ein und gab fortan gemeinsam mit L. Lange, O. Ribbeck und H. Lipsius die "Leipziger Studien zur classischen Philologie" heraus.

Nach seinen sprachhistorisch und indogermanistisch ausgerichteten Werken "Zur Chronologie der indogermanischen Sprachforschung" und "Das Verbum der griechischen Sprache seinem Baue nach dargestellt" erschien 1885 seine letzte größere Arbeit "Zur Kritik der neuesten Sprachforschung", die auch in der Korrespondenz mit Schuchardt zur Sprache kommt. Curtius setzt sich darin mit der von den Junggrammatikern propagierten Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze sowie mit deren Kritikern auseinander und löst damit eine mit der Publikation weiterer Arbeiten einhergende Auseinandersetzung mit diesem Thema aus (s. Wilbur 1977).

Zwei Jahre nach Curtius' Tod am 12. August 1885 hat E. Windisch seinen Lehrer mit einer "Charakteristik" gewürdigt, in der er keine Zweifel bezüglich der nachhaltigen Bedeutung von Curtius aufkommen lässt: "Zwei grosse Wissenschaften zuerst in eine sie wechselseitig fördernde Berührung gebracht zu haben, ist anerkanntermassen das grosse historische Verdienst von Georg Curtius" (1887:6). Dieses Zugeständnis findet sich in ähnlicher Form auch in anderen Quellen, selbst bei Autoren, die ihm, zumindest in Einzelfragen, durchaus kritisch gegenüberstanden. Dass er nach Bopps Tod von der Berliner Fakultät einstimmig als dessen Nachfolger vorgeschlagen wurde, zeigt auch, dass er von den Sprachwissenschaftlern der damaligen Zeit durchaus als einer der Ihren anerkannt wurde; er blieb jedoch in Leipzig.

Die Liste seiner Schüler liest sich wie ein Who-is-Who der Jungrammatiker. Bei Jankowsky (2006: 331) etwa heißt es: "He was an inspiring and influential teacher of men like the Neogrammarians Leskien, Osthoff, Brugmann, Sievers, and Braune"; dieselben Namen führt auch Windisch (1887: 36) an, bei Lochner von Hüttenbach (1983: 224) wird auch H. Paul genannt. Auch wenn Curtius in erster Linie als Altphilologe gilt, wird man doch in einer Geschichte der Sprachwissenschaft nicht an ihm vorbeikommen.

Informationen

Der Briefwechsel zwischen Hugo Schuchardt und Georg Curtius erstreckt sich über einen Zeitraum von 16 Jahren (1869-1885). Aus der ersten Phase der Korrespondenz (1869 bis ca. 1870) stammen 10 Briefe, die größtenteils von Formalitäten bezüglich Schuchardts Habilitationsverfahren handeln: Fristen und Termine das Colloquium und den Probevortrag betreffend, Vorgaben der Habilitationsordnung, Abgabe der Habilitationsschrift, Themenwahl für den Probevortrag, etc. Nach etwa 10jähriger Unterbrechung wird die Korrespondenz 1880 wieder aufgenommen und endet wenige Wochen vor Curtius' Tod. Diese zweite Phase des Briefwechsels (1880-1885) bietet einen unmittelbareren Einblick in die wissenschaftliche Debatte jener Zeit. Auch wenn ihre Beziehung nicht von regem wissenschaftlichem Austausch gekennzeichnet war, hatten Curtius und Schuchardt doch in ihrer Ablehnung der junggrammatischen Positionen eine fundamentale Gemeinsamkeit. Sowohl Curtius' Text "Zur Kritik der neuesten Sprachforschung" als auch Schuchardts Text "Über die Lautgesetze. Gegen die Junggrammatiker" erschienen 1885 – ersterer im Jänner, letzterer im Dezember, bereits nach Curtius' Tod. Die Entstehungsgeschichte dieser Werke kann anhand des vorliegenden Briefwechsels episodisch mitverfolgt werden.

Von den 15 bearbeiteten Briefen, die zur Orientierung in der folgenden Tabelle zusammengestellt sind, stammen 11 von Curtius und 4 von Schuchardt (2208-2218 aus der UB Graz, nl_224 001-009 aus der UB Leipzig). Die vorangestellten Nummern 01-15 ordnen die Briefe chronologisch. Zum Brief 2215_1 ist anzumerken, dass er der Nummer 10292 aus dem Schlüssel zum Nachlass von Hugo Schuchardt (Wolf 1993) entspricht; Curtius hat seine Antwort (02215_2) auf den freien Seiten von 2215_1 verfasst, sodass Schuchardts Brief wieder zurück nach Graz gelangte. Auch können die Briefe 2215_1 und 2215_2 zeitlich nicht exakt eingeordnet werden; da Curtius jedoch in 02215_2 den fünften Band der "Revue de linguistique et de philologie comparée" erwähnt, der 1872 erschienen ist, sind wohl beide erst nach 02216 anzusiedeln.

Lfd.Nr.

Datum

Verfasser

Inhalt

01-02208

29.12.1869

Curtius

Habilitation

02-02209

23.01.1870

Curtius

Habilitation

03-02210

24.02.1870

Curtius

Habilitation

04-02211

28.02.1870

Curtius

Habilitation

05-02212

12.04.1870

Curtius

Habilitation

06-02213

20.04.1870

Curtius

Habilitation

07-02214

22.04.1870

Curtius

Habilitation

08-02216

08.11.1870

Curtius

Einladung

09-02215_1 (10292)

vor 1872

Schuchardt

Suche nach einem Zeitschriftenband

10-02215_2

vor 1872

Curtius

Suche nach einem Zeitschriftenband

11-02217

08.12.1880

Curtius

Stellungnahme zu Gustav Meyer und Bitte um Literaturhinweise zu sporadischen Lautübergängen in romanischen Sprachen

12-nl_224_001-003

03.01.1881

Schuchardt

Literaturhinweise zu sporadischen Lautübergängen in romanischen Sprachen und Stellungnahme zum Thema

13-nl_224_004-006

02.02.1885

Schuchardt

Stellungnahme "zur Kritik der neuesten Sprachforschung"

14-nl_224_007-009

21.05.1885

Schuchardt

Glückwunsch zur Ernennung zum Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Ankündigung der Schrift "über die Lautgesetze"

15-02218

23.05.1885

Curtius

Resümeehafte Stellungnahme

Gegenbriefe

Drei Gegenbriefe stammen aus dem Curtius-Nachlass in den Sondersammlungen der UB Leipzig, ein vierter wurde, wie oben erläutert, von Curtius retourniert und befindet sich in den Sondersammlungen der UB Graz. Der Verbleib der fehlenden Gegenbriefe ist ungewiss.

Bibliographie:

Angermann, Constantin. 1886. Georg Curtius. (Nekrolog.) Beiträge zur Kunde der indogermanischen Sprachen, 10, 325-340.

Curtius, Georg. 1845. Die Sprachvergleichung in ihrem Verhältniss zur classischen Philologie. Dresden: Ernst Blochmann und Sohn.

Curtius, Georg. 1846. Die Bildung der Tempora und Modi im Griechischen und Lateinischen sprachvergleichend dargestellt. Berlin: Wilhelm Besser.

Curtius, Georg. 1852. Griechische Schulgrammatik. Prag: Tempsky.

Curtius, Georg. 1858. Grundzüge der griechischen Etymologie. Erster Theil. Leipzig: Teubner.

Curtius, Georg. 1862. Grundzüge der griechischen Etymologie. Zweiter Theil. Leipzig: Teubner.

Curtius, Georg. 1862. Ueber die Geschichte und Aufgabe der Philologie. Ein Vortrag gehalten im Saale der Harmonie am 22. Februar 1862. Kiel: Ernst Homann.

Curtius, Georg. 1862. Philologie und Sprachwissenschaft. Antrittsvorlesung gehalten zu Leipzig am 30. April 1862. Leipzig: Teubner.

Curtius, Georg. 1863. Erläuterungen zu meiner griechischen Schulgrammatik. Prag: Tempsky.

Curtius, Georg. 1867. Zur Chronologie der indogermanischen Sprachforschung. Leipzig: S. Hirzel.

Curtius, Georg. 1873. Das Verbum der griechischen Sprache seinem Baue nach dargestellt. Erster Band. Leipzig: Hirzel.

Curtius, Georg. 1876. Das Verbum der griechischen Sprache seinem Baue nach dargestellt. Zweiter Band. Leipzig: Hirzel.

Curtius, Georg. 1885. Zur Kritik der neuesten Sprachforschung. Leipzig: Hirzel.

Jankowsky, Kurt R. 2006. Curtius, Georg (1820-1885). In Brown, Keith (Hg.) Encyclopedia of Language and Linguistics, 2. Aufl. Oxford: Elsevier, 331-332.

Lochner von Hüttenbach, Fritz Frhr. 1983. Georg Curtius und die vergleichende Sprachwissenschaft. In Händel, Paul & Wolfgang Meid (Hgg.) Festschrift für Robert Muth zum 65. Geburtstag am 1. Januar 1981, dargebracht von Freunden und Kollegen. Innsbruck: AMŒ (= Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft, 22), 217-229.

Wilbur, Terence K. (Hg.) 1977. The Lautgesetz-Controversy: A documentation (1885-86). Amsterdam: John Benjamins (= Amsterdam Studies in the Theory and History of Linguistic Science, I; Amsterdam Classics in Linguistics, Vol. 9).

Windisch, Ernst. 1887. Georg Curtius. Eine Charakteristik. Berlin: S. Calvary & Co.

Wolf, Michaela. 1993. Hugo Schuchardt Nachlaß. Schlüssel zum Nachlaß des Linguisten und Romanisten Hugo Schuchardt (1842-1927). Graz: Leykam (= Arbeiten aus der Abteilung "Vergleichende Sprachwissenschaft" Graz, 6).