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Ferdinand Blumentritt

Die Korrespondenz zwischen Ferdinand Blumentritt und Hugo Schuchardt wurde von Veronika Mattes bearbeitet, kommentiert und eingeleitet.

Die Edition bzw. einzelne Briefe sind zu zitieren als:

Mattes, Veronika. 2013. 'Die Korrespondenz zwischen Ferdinand Blumentritt und Hugo Schuchardt'. In Bernhard Hurch (Hg.) (2007-). Hugo Schuchardt Archiv. Webedition verfügbar unter http://schuchardt.uni-graz.at/id/letters/1160, abgerufen am 17.11.2019

Eine ausführlich kommentierte Printveröffentlichung findet sich in Mattes (2010).

Ferdinand Blumentritt

Bedeutung

Der äußerst umfangreiche Briefwechsel (zwischen 1882 und 1912) zwischen Hugo Schuchardt und Ferdinand Blumentritt entstand durch das gemeinsame Interesse an Kreolsprachen. Während Schuchardt sich in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts intensiv wissenschaftlich damit auseinander setzte, war es für Blumentritt, Lehrer und Direktor an der k.k. Oberrealschule in der böhmischen Stadt Leitmeritz ein leidenschaftliches Hobby, das er in seiner Freizeit betrieb. Obwohl er die Philippinen nie mit eigenen Augen gesehen hatte, sammelte er Zeit seines Lebens alles, was über dieses Land aufzutreiben war.

Seit 1872 trug er bereits Material für sein Vocabular zum philippinisch beeinflussten Spanischen (Blumentritt 1882d und 1885) zusammen, eine umfangreiche Sammlung spanisch-philippinischer Ausdrücke mit zum Teil sehr ausführlichen Anmerkungen und eine äußerst umfangreiche, thematisch geordnete Bibliographie, mit weit über 500 Einträgen zu allen Belangen der Philippinen. Auch andere Abhandlungen zur Geschichte, Geographie und Kultur der Philippinen und auch anderer pazifischer Inseln hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits verfasst. Allein zwischen 1882 und 1885 entstanden mindestens 40 Arbeiten (siehe Blumentritt 1885: 38f.). Blumentritt hatte sich ein großes Netzwerk an Kontakten zu Philippinern und Europäern, die auf den Philippinen lebten oder dorthin gereist waren aufgebaut, das er Zeit seines Lebens erweiterte.

Vermutlich suchte Schuchardt den Kontakt zu Blumentritt in der Hoffnung, von ihm etwas über das Spanische auf Santo Domingo zu erfahren. Blumentritt kontaktierte daraufhin die Botschaft von Santo Domingo in Paris, und landete zufällig bei dem Philippiner Pardo de Tavera, dem Sekretär der Botschaft. Der konnte ihm zwar nicht zu dessen eigentlichen Anliegen weiterhelfen, jedoch konnte er als Philippiner Auskünfte zum Spanischen auf den Philippinen anbieten. Schuchardt wurde vermutlich erst durch den Kontakt mit Blumentritt und den dadurch zufällig entstandenen Kontakt mit Pardo de Tavera (siehe Fernandez 2010) dazu angeregt, auch die philippinisch-spanische Sprachmischung in seine kreolischen Studien aufzunehmen. 1883 erschien sein Beitrag über das Malaiospanische der Philippinen (Schuchardt 1883a). Blumentritt schickte Schuchardt immer wieder Textmaterial, das dieser zu seiner grammatischen Analyse des Tagalospanischen (heute Chabacano) heranzog (Schuchardt 1883a). Einige wenige dieser Texte sind handschriftlich in Briefe integriert (z.B. Briefe Nr. 1055, 1094, 1107, 1155, 1164), die meisten wurden jedoch als Beilagen oder getrennt gesendet und sind nur noch vereinzelt in Schuchardts Nachlass erhalten.

Der Briefwechsel zwischen Schuchardt und Blumentritt blieb über viele Jahre bestehen und Blumentritt entpuppte sich nicht nur als unerschöpfliche Quelle für Kontakte und Informationen zu Kreolsprachen, sondern er unterstützte Schuchardt auch sehr engagiert bei dessen Arbeit zur tschechisch-deutschen Sprachmischung für die Miklosich-Festschrift 1884 (Schuchardt 1884a). Für diese Abhandlung Slawo-Deutsches und Slawo-Italienische sammelte Schuchardt in kurzer Zeit eine große Menge an Daten zum „Küchendeutsch“ im gesamten österreichisch-ungarischen Kaiserreich, Blumentritt versorgte ihn mit dem böhmischen Teil (Schuchardt 1884a: 18). Er beobachtete und notierte „küchendeutsche“ Ausdrücke, er schickte sogar Anfragen an Bekannte aus, mit der Bitte um Wortlisten zum Tschechisch-Deutschen (s. Brief Nr. 1088). Von Juli 1883 bis Ende 1884 bestimmte das „Küchentschechische“ den Inhalt der Korrespondenz zwischen Blumentritt und Schuchardt.

Als Schuchardt sich danach anderen Themen zuwandte, wurde auch der Briefwechsel weniger intensiv. Blumentritt belieferte dennoch Schuchardt immer wieder mit Materialien, Literaturangaben und Kontakten. Sein Interesse galt inzwischen aber, vor allem auf Grund der intensiven Freundschaft mit José Rizal, mehr den brisanten politischen Entwicklungen auf den Philippinen, als den linguistischen Studien. Seine Briefe an aus der Zeit nach 1885 sind in dieser Hinsicht ein außergewöhnliches Zeitdokument, da er Schuchardt an den Geschicken seiner philippinischen Freunde teilhaben ließ. Blumentritt beobachtete nicht nur interessiert und empathisch die revolutionären Bewegungen in seinem geliebten Land, er lernte den geistigen Anführer der Revolution und heute als Nationalhelden verehrten José Rizal persönlich kennen. Zwischen den beiden entwickelte sich eine innige Freundschaft, die dazu führte, dass Blumentritt Rizal und seine Mitstreiter für die Revolution aktiv von Europa aus unterstützte und sogar nach Rizals Hinrichtung dessen Werk fortsetzte und unermüdlich bis zu seinem Tode (1913) in Wort und Schrift für die Freiheit und Unabhängigkeit der Philippinen kämpfte. Bis heute ist der Europäer Blumentritt auf den Philippinen als Revolutionär bekannt und verehrt.

Ob und wie Schuchardt dazu Stellung nahm, ist leider nur aus den Briefen Blumentritts rekonstruierbar. Es hat sicherlich auch in Bezug auf diese Themen ein Austausch zwischen den Briefpartnern stattgefunden, und Schuchardt dürfte Blumentritts Betätigungen wohlwollend kommentiert, und ihn in seinen Ansichten und den philippinophilen Aktivitäten bestärkt haben (s. v.a. Brief Nr. 1170).

Im Verlauf des umfangreichen Briefwechsels ist zwischen Blumentritt und Schuchardt mehr entstanden, als ein rein professioneller Austausch auf linguistischem Gebiet. Den Briefen ist durchaus auch gegenseitiges persönliches Interesse und Sympathie zu entnehmen. Obwohl sich beide mehrmals gegenseitig zu einem Besuch aufgefordert haben, kam es in den 13 Jahren der Brieffreundschaft jedoch nie zu einer persönlichen Begegnung.

Informationen

Ferdinand Blumentritt wurde am 10. September 1853 in Prag geboren, damals Österreich-Ungarn. Nach seinem Studium kam er 1876, mit 23 Jahren, als Lehrer für Geographie, Geschichte und Deutsch nach Leitmeritz und blieb dort für den Rest seines Lebens. Bis 1900 war er Lehrer, dann Direktor an der k. und k. Staats-Ober-Realschule zu Leitmeritz, 1911 wurde er pensioniert. Blumentritt hatte mit seiner Ehefrau Rosa drei Kinder, Fritz (*1879), Dolores (*1880) und Konrad (*1883). Er starb am 20. September 1913, gerade 60-jährig, nach einem Schlaganfall.

Blumentritts Leben und Werk ist äußerst bemerkenswert, doch in Europa weitgehend unbekannt. Auf den Philippinen jedoch ist Blumentritt eine Berühmtheit. Er ist Ehrenbürger in mehreren Städten, nach ihm sind überall auf den philippinischen Inseln Straßen und Plätze benannt. Dort kennt man ihn als den europäischen Freund und Mitstreiter der philippinischen Bevölkerung in der Revolution Ende des 19. Jahrhunderts. Ferdinand Blumentritt muss ein sehr weltoffener, vielseitig interessierter und geistreicher Mensch gewesen sein, der die politische Entwicklung nicht nur Europas, sondern insbesondere Asiens, aber auch anderer Kontinente mit großem Interesse verfolgte. Laut Sichrovskys Nachforschungen (1983: 28) wurde Blumentritt als ein „natürlicher, herzlicher, bescheidener Mensch, manchmal von Melancholie geplagt, oft von Krankhheit heimgesucht“ wahrgenommen, und genau diese Wesenszüge, äußern sich auch in seinen Briefen an Schuchardt, aus denen darüberhinaus eine bemerkenswerte Leidenschaft und Energie spricht.

Mehr zu Blumentritts Leben und seiner Beziehung zu den Philippinen findet sich bei Sichrovsky (1983).

Briefedition und Kommentare

Die 143 erhaltenen Briefe und Postkarten Blumentritts an Schuchardt (Bibl. Nr. 1038 bis 1180) wurden alle in Leitmeritz geschrieben und verteilen sich auf die Zeit vom 2. Januar 1882 bis zum 6. Februar 1912. Sie werden im Nachlass Schuchardts an der Universität Graz aufbewahrt. Leider konnten die Gegenbriefe Schuchardts bis heute nicht ausfindig gemacht werden. Zwischen 1882 und 1885 war der Briefwechsel sehr intensiv, also zu der Zeit als sich Schuchardt mit Kreolsprachen und ab 1884 mit dem Tschechisch-Deutschen beschäftigte. Regelmäßige Korrespondenz fand immerhin darüberhinaus noch bis 1890 statt. Ab dieser Zeit war Blumentritt vor allem mit politischen Aktivitäten in Bezug auf die Philippinen beschäftigt (s.o.) und Schuchardt beendete seinen Kreol-Schwerpunkt und wandte sich anderen Themenbereichen zu. Nach 1890 gibt es nur noch sehr vereinzelte Briefe und Karten, v.a. Gratulationen zu runden Geburtstagen und zur Pensionierung. Die letzte Karte schrieb Blumentritt ein Jahr vor seinem Tod, anlässlich des 70. Geburtstages von Hugo Schuchardt. Zu den Briefen und Karten kamen zahlreiche Drucksendungen und Büchersendungen, auf die sich immer wieder Hinweise in den Briefen finden. Höchstwahrscheinlich gab es mehr als die im Nachlass erhaltenen 143 Briefe, vor allem die späten Briefe dürften nicht vollständig erhalten sein. Der Briefwechsel umfasst drei große Themenbereiche (die sich selbstverständlich überschneiden), aber chronologisch grob in folgende Abschnitte eingeteilt werden können: das „Küchenspanisch“ auf den Philippinen (v.a. 1882 bis 1885), das „Küchendeutsch“ in Böhmen (von 1883 bis 1885) und die Reformations- und Revolutionsbewegungen auf den Philippinen (von 1886 bis 1897).


FN: Dieser Text basiert auf der Edition der Blumentritt Briefe von Veronika Mattes (2010). Die Autorin bedankt sich bei Mauro Fernández und Bernhard Hurch für zahlreiche inhaltliche Hilfestellungen, Barbara Tiefenbacher für Auskünfte zum Tschechischen, sowie Andrea Kröll, Claudia Math und Elisabeth Steiner für die Unterstützung bei editorischen Arbeiten.


Bibliographie:

Zur Aufschlüsselung der bibliographischen Angaben der Webedition vgl. die Bibliographie der kommentierten Printveröffentlichung Mattes (2010).


Die Webedition wurde unter Mitarbeit von Birgit Dorn und Marlene Ulbing erstellt.