Lucien Adam

Die Korrespondenz zwischen Lucien Adam und Hugo Schuchardt wurde von Philipp Krämer bearbeitet, kommentiert und eingeleitet.

Die Edition bzw. einzelne Briefe sind zu zitieren als:

Krämer, Philipp. 2013. 'Die Korrespondenz zwischen Lucien Adam und Hugo Schuchardt'. In Bernhard Hurch (Hg.) (2007-). Hugo Schuchardt Archiv. Webedition verfügbar unter http://schuchardt.uni-graz.at/id/letters/1017, abgerufen am 23.10.2017

Eine ausführlich kommentierte Printveröffentlichung findet sich in:

Krämer, Philipp. 2012. 'Hugo Schuchardt im Zentrum der frankophonen Kreolistik. Korrespondenzen mit Lucien Adam, Volcy Focard, Alfred Mercier, Alcée Fortier und René de Poyen-Bellisle'. In Grazer Linguistische Studien, 78, 129-156.

Lucien Adam

Bedeutung

Ursprünglich Jurist, widmete sich Lucien Adam (1833-1918) umfangreich auch sprachwissenschaftlichen Studien. Seine Aufmerksamkeit galt dabei vor allem den indigenen Sprachen Amerikas und der Karibik (zum Werk Adams vgl. umfassend auch Desmet 1996: 435ff.). Mit Hugo Schuchardt verbindet ihn allerdings mehr das Interesse für Kreolsprachen, das in den Essai d’hybridologie linguistique (Adam 1883) mündete. Darin formuliert Adam eine grundlegende Theorie der Kreolisierung aus dem Vergleich der Kreolsprachen von Französisch-Guayana, Trinidad und Mauritius. Er kommt zu dem Ergebnis, diese seien als Hybride mit französischem Wortschatz und afrikanischer bzw. madagassischer Grammatik anzusehen.

Informationen

Obwohl Adam, wie viele Philologen des 19. Jahrhunderts, aus heutiger Sicht als ‚Quereinsteiger‘ gelten kann, gewann er durch Kontakte zu bedeutenden Persönlichkeiten der Sprach- und Textforschung und durch Publikationen in anerkannten Zeitschriften und Verlagen hohe Bekanntheit und Anerkennung (vgl. Adam 1881a, 1881b, 1882).

Adams Arbeitsstandort in Nancy könnte erklären, weshalb er mehr als andere Kreolisten seiner Zeit auch deutschsprachige Werke nicht nur wahrnahm, sondern sie auch im Original las und zitierte. Zwar war Nancy immer politisch wie kulturell in Richtung Paris orientiert, doch die Grenzziehung in Lothringen nach 1871 und die damit verbundene periphere Lage hinterließen offenbar auch in Adams Werk ihre Spuren. Nicht zuletzt zeugt davon Adams Klage in seinem Brief an Schuchardt wie auch in seinem Essai, dass in der Bibliothek der Stadt viele Werke nicht verfügbar oder schwer zu beschaffen seien.

Gegenbriefe

Gegenbriefe Schuchardts an Adam sind soweit bekannt bisher nicht verfügbar.

Briefedition und Kommentare

Der Brief von Lucien Adam an Hugo Schuchardt ist vor einigen Jahren bereits einmal ediert und kommentiert worden (Desmet/Swiggers 1994). Die hier veröffentlichte Briefabschrift ist eine neu erstellte Version, die jedoch abgesehen von den editorischen Fußnoten keine Abweichungen zur Abschrift bei Desmet/Swiggers (1994) enthält. Die Schreibweise folgt dem Original ohne Korrekturen.

Adam stellt im Brief seine substratorientierte Hybridtheorie als wichtigstes Ergebnis in den Vordergrund, diese wird aber auch in seinem kreolistischen Hauptwerk selbst bestens deutlich (Adam 1883). Der Brief lieferte dahingehend Schuchardt also keine neuen Informationen und auch für die Disziplingeschichte bietet er keine bisher unbekannten Erkenntnisse zu Adams Vorstellung von Kreolisierung. Dennoch zeigt die Erwähnung, dass Adam seine Erkenntnis für bedeutend hält. Sein Essai d’hybridologie linguistique ist nicht bloß ein zweitrangiges Produkt neben seinen sonstigen fachlichen Interessen, sondern er sieht es als gewichtige Publikation, von der er überzeugt ist und die er bekannt machen will. Bemerkenswert ist dabei der Zeitpunkt des Briefes: Adam kündigt darin erst die Veröffentlichung des Buches an, das er gerade vollendet hat. Vorher war Adam wohl noch nicht als Kreolist in Erscheinung getreten, auch wenn er bereits philologische Arbeiten in anderen Bereichen publiziert hatte. Lediglich geographisch gibt es mit Adams Arbeiten zu den indigenen Sprachen der Karibik eine Überschneidung zu kreolophonen Gebieten, die aber nicht unmittelbar darauf hindeuten muss, dass er schon dadurch als Kreolist wahrgenommen wurde. Trotzdem hatte offenkundig Schuchardt vorher Adam angeschrieben, denn dieser reagiert auf eine nicht näher zu klärende Bitte Schuchardts mit der Antwort, er könne nur die Dokumente nennen, die er zur Verfügung habe (der vorausgehende Brief von Schuchardt an Adam ist entweder nicht erhalten oder zumindest bisher nicht editiert worden, vgl. hierzu auch Desmet/Swiggers 1994: 236). Möglicherweise wusste Schuchardt um Adams Aufenthalt in Französisch-Guayana und erhoffte sich Materialien oder Erfahrungsberichte, ohne von Adams kreolistischem Projekt zu wissen. Es ist auch denkbar, dass Schuchardt über Dritte von Adams Publikationsvorhaben erfahren hatte. Adam arbeitete beispielsweise mit Julien Vinson zusammen, der ebenfalls mit Schuchardt korrespondierte. Aus dem Brief und Adams Arbeit allein kann man jedoch nur schwer schließen, wie Schuchardt auf ihn als Kreolist aufmerksam geworden sein könnte.

Obwohl Schuchardt also den Essai noch nicht gelesen haben kann, schreibt er an Adam ganz eindeutig in dessen Eigenschaft als Kreolist, denn alle Informationen in dem Brief sind ausschließlich mit diesem Fachbereich verbunden. Für Schuchardt stehen zu dieser Zeit gerade die Kreolsprachen im Mittelpunkt des Interesses, als er in den frühen 1880er Jahren beginnt dazu zu publizieren.

Vor allem interessiert sich Adam für eine umfassende Kreolisierungstheorie als solche, also für die Frage, wie Kreolsprachen als Gesamtphänomen erfassbar sind. Damit deckt sich Adams Projekt mit demjenigen Schuchardts, der ebenfalls Sprachwandel- und Sprachkontaktphänomene in ihrer Gesamtheit begreifen möchte, während die meisten anderen Kreolisten nur jeweils die einzelne, ihnen bekannte Kreolsprache im Blick haben. Dass zu den teils sehr unterschiedlichen Standpunkten Schuchardts und Adams beispielsweise zur Frage des Substrateinflusses kein ausführlicher direkter Austausch zustande kommt, muss erstaunen. Immerhin hatte Schuchardt kurze Zeit nach dem Erscheinen von Adams Buch eine Rezension geschrieben, die durchaus Anlass für weitere Diskussionen hätte liefern können.[1]

Die Webedition wurde unter Mitarbeit von Katrin Purgay erstellt.

Bibliographie:

Adam, Lucien (1881a). Les classifications de la linguistique. Revue de Linguistique et de Philologie comparée, XIV, 217-268.

Adam, Lucien (1881b). La linguistique est-elle une science naturelle ou une science historique? Revue de Linguistique et de Philologie comparée, XIV, 373-395.

Adam, Lucien (1882). La linguistique et la doctrine de l’évolution. Revue de linguistique et de philologie comparée, XV, 21-38.

Adam, Lucien (1883). Les idiomes négro-aryen et maléo-aryen. Essai d’hybridologie linguistique. Paris: Maisonneuve et Cie.

Desmet, Piet & Pierre Swiggers (1994). Glanures de l’histoire de la créolistique: Une lettre de Lucien Adam à Hugo Schuchardt. Orbis, 37, 234-247.

Schuchardt, Hugo (1883). [Rezension von] Les idiomes négro-aryen et maléo-aryen. Essai d’hybridologie linguistique, par Lucien Adam. Literaturblatt für germanische und romanische Philologie, 4. Jg. (1883), 236-240.



[1] Schuchardt (1883, Brevier-/Archivnr. 157). Bemerkenswert ist, dass die Rezension auf Februar 1883 datiert ist, obwohl das Buch von Adam erst im März 1883 angekündigt wird. Auch das Post-Scriptum im Buch ist auf März 1883 datiert und enthält Hinweise auf Quellen, die Adam fehlten (Adam 1883: 70ff.). Jene Hinweise berücksichtigt wiederum Schuchardt in der Rezension, die aber im Februar entstanden sein soll (Schuchardt 1883: 236f.). Möglicherweise ist die Rezension also fehlerhaft datiert.