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Brief (172-s.n.)

Graz, 5. 10. '11

Sehr geehrter Freund,

Ihren Vortrag über die baskischen Studien[1] habe ich nicht nur — wie ich Ihnen schon geschrieben — mit größtem Beifall gelesen, sondern auch in meiner Besprechung von Aranzadis Antr. y Etnol.[2] zitiert. Diese Besprechung wird im letzten Heft des Anthropos von diesem Jahre erscheinen, aber als eigener Artikel da sie für den kritischen Teil zu lang geworden ist.

Heute habe ich auch einen etwa ein Halbdutzend Druckseiten umfassenden Aufsatz: gauntza, zauntza, dauntza[3] an Lacombe geschickt, für die Revue, zur gelegentlichen Veröffentlichung. Ich behandle darin die Einschaltung eines n in Verbalformen überhaupt. Ich bin besonders durch ein kürzlich erschienenes Buch angeregt worden, das mir Lacombe geschickt hatte: Buruchkak von J. Etchepare[4], worin sich zahlreiche Formen, wie zangon für zakon (zion) ginintuen usw. finden. Ich hoffe, daß Lacombe noch mancherlei dazu zu sagen weiß.

Es freut mich zu hören daß Rousselot auch in Paris seine Beobachtungen der baskischen Aussprache fortsetzen wird. Freilich wird er, besonders wenn es sich um Labourder handeln sollte, nicht ganz leicht sein<e> Feststellungen vorzunehmen: das Untersuchungsobjekt ist nicht immer so unbefangen wie es der Beobachter wünscht. Schade daß nun auch Azkue nicht das mitteilt, was er über den baskischen Akzent weiß und meint. — Ein sehr wichtiger Punkt der baskischen Phonetik ist der Unterschied der Aspiraten von den Tenues: ethorri: etorri. Die Schreibung beweist natürlich nichts; sie ist in diesem, wie in anderem höchst willkürlich.

Ich hätte Ihnen bei mir Aufzeichnungen phonetischer Kurven (im hiesigen physiologischen Institut gemacht); künstliche Gaumen und Zungenabdrücke zeigen können, die ich 1881 und folgende Jahre herstellte oder herstellen ließ. Ich glaube die zuletzt genannten sind eine Erfindung von mir. Ich benutzte die Masse (damals Stents Composition oder Hinds’ Godiva — jetzt nach drei Jahrzehnten werden wohl andere Massen in Gebrauch sein), in der die Zahnärzte Abdrücke von den Gebissen ihrer Klienten zu nehmen pflegen und legte sie mir erwärmt an den Gaumen, um die Zunge in Stellungen die vom Auge nicht übersehen werden können in die Masse zu pressen, diese kalt werden zu lassen und dann herauszunehmen und schließlich ihre Vertiefungen mit Gips auszugießen, wodurch man die Gestalt der Zunge bei der Aussprache eines bestimmten Verschlußlautes erhält. Für mich handelte es sich vor allem um den Unterschied von k und dorsalem t, die ja beide an derselben Stelle des Gaumens hervorgebracht werden können.[5]

Das Ergebnis war etwa dieses:

wie ein nach hinten sehr stark aber auch nach den Seiten hin deutlich abhebender Hügel

wie ein ziemlich flacher etwa dreiseitiger Hügel, dessen hinterer Grad am schärfsten hervortritt

Ich weiß nicht ob auch andere diese Methode angewendet haben; ich habe diesen Forschungszweig schon seit langer Zeit aus den Augen gelassen.

Was jene handschriftliche Eintragung in dem alten Pamplonaer Druck anlangt so habe ich noch nicht ermittelt, in welcher Schrift und Sprache sie abgefaßt ist. Ich denke, es ist Lateinisch in Geheimschrift. Sie sind vermutlich durch die ersten Zeichen die sich als itz lesen lassen auf den Gedanken an das Baskische geführt worden. Wie ist denn der Titel dieses Buches?

Herzlich grüßend

Ihr

H. Schuchardt

Sie werden auch bald sagen: Germanica non leguntur.

Dürfen Sie mir sagen, in welches Gebiet Faddegons Artikel schlägt? In das phonetische, morphologische, syntaktische, sprachpsychologische, sprachvergleichende?



[1] J. de U. 1911a.

[2] H. S. 1911a.

[3] H. S. 1911b.

[4] J. Etchepare, Buruchkak. Tours 1910.

[5] El procedimiento descrito por H. S. es uno de los primeros intentos conocidos en la historia de la fonética. Nuestros intentos de localizar estos modelos en el Instituto de Fisiología de la Universidad de Graz han reslutado infructuosos.