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Brief (13-413)

Göttingen, d. 3. April 1924.

Sehr geehrter Herr Hofrat!

Nachdem ich glücklich mein chemisches Verbandsexamen bestanden habe, finde ich nun endlich Zeit, Ihnen den versprochenen Brief zu senden, auf den Sie gewiss schon ungeduldig warten. Ich hätte in den verflossenen Monaten, als ich mich nach halbjähriger Abwesenheit und vollständigem Ausserachtlassen meiner Universitätsstudien in wenigen Wochen auf mein Examen vorbereiten musste, schwerlich die Zeit aber noch viel weniger die Sammlung zu einem Brief aufbringen können. Ich hoffe auf Ihre Nachsichtigkeit und möchte meine Verspätung wieder wett machen durch die Ausführlichkeit, mit der ich Ihnen über die Ereignisse des verflossenen Halbjahres berichten will.
Obwohl ich hoffe dass jener Fall betreffend Ihre Primitiae durch Urquijos und Azkues Briefe zu Ihrer Zufriedenheit erledigt ist, will ich doch noch einmal kurz darauf zurückkommen, selbst auf die Gefahr hi[n] die unerfreuliche Erinnerung daran neu zu beleben. Aus dem langen Brief Urquijos, mit dem ich die Angelegenheit eingehend besprochen habe, kennen Sie ja nun den Sachverhalt. Den Kernpunkt bildet die nicht ganz klare Eindeutigkeit unseres Schreibens an den Verlag Niemeyer, auf die ich Azkue auch hinwies, der jedoch darauf bestand, dem Verleger gegenüber sozusagen “nicht alle Karten aufzudecken”, also von den Abmachungen mit Ihnen gar nicht zu sprechen. Es hat Azkue aber ganz und gar fern gelegen, das Ihnen gemachte Versprechen in irgend einer Weise zurückzunehmen oder sich ihm entziehen zu wollen. Daran hat er ebensowenig wie die Akademie jemals gedacht. Vielleicht war Azkue der Meinung —dieser Gedanke ist mir erst viel später gekommen—, dass es nicht angebracht sei, direkt mit dem Verlage in Verbindung zu treten, weil im vorigen Jahr und auch schon früher manche Ausländer keine günstigen Erfahrungen dabei gemacht hatten, was ich selbst in einigen Fällen bezeugen kann. Noch wenige Wochen vor Erscheinen Ihrer Prim. weilte Azkue mit mir in Hamburg, wo wir beobachteten dass die Preise aller Gegenstände, also auch der Bücher, in Gold umgerechnet ausserordentlich niedrig waren, so dass der Preis der Prim. von 5 pes.= 2.5 Goldmark etwas hoch scheinen konnte für ein Heft von wenigen Dutzend Seiten (Über den Umfang hatte uns Lacombe im Privatgespräch bereits aufgeklärt und auch erwähnt, dass Sie sich genötigt gesehen hatten —ich muss sagen leider!— den Umfang Ihres Werkes beträchtlich zu kürzen). Azkue wusste damals ebenso wenig wie ich etwas von dem grossen Umschwung, der sich gerade in jenen Wochen insofern vollzogen hatte, als die Warenpreise die damals 1/2-1/4 oder in besonders “günstigen” Augenblicken gar 1/5 der Weltmarktpreise betragen hatten, plötzlich weit über diese hinaufschnellten, wie Sie es ja in Österreich in den letzten Zeiten der Inflation und nach der Stabilisierung auch erlebt haben. Unter diesen Umständen hätte ich es wohl verstehen können, wenn Azkue der Gedanke gekommen wäre, als sei dem Preise ein unberechtigter “Ausländerzuschlag” hinzugefügt worden. Doch möchte ich nochmals betonen, dass dieses eine Vermutung ist, die mir erst in den letzten Wochen gekommen ist und für die ich weiter keinen Anhalt habe, da sich Azkue mir gegenüber garnicht darüber geäussert hat. Vielleicht ist er also aus diesem Grunde nicht gleich auf das Ersuchen der Verlagsbuchhandlung eingegangen, aber immer mit der Absicht —so wie er es mir damals auseinandersetzte, bezw. ich es von ihm verstanden habe— die Kosten der ganzen Auflage durch ihre Vermittlung zu tragen. Wie ich Ihnen schrieb wollte ich gern zu Ihrer Beruhigung einen Brief der Akademie “in corpore” an Sie veranlassen. Da jedoch, abgesehen von dem ursprünglichen Beschluss, den übrigen Akademikern von den Vorgängen nichts bekannt war, kam es zu keiner Erörterung, so dass also nur Azkue, Urquijo u. ich Anlass hatten, diesbezüglich mit Ihnen in Verbindung zu treten. Ich hoffe nun dass durch unser Dreier Briefe der Sachverhalt für Sie ganz klar liegt, dass die Schuld, wenn überhaupt von einer solchen gesprochen werden kann, nur bei Azkue und mir liegt. Nach diesen Erklärungen möchte ich hoffen, dass die Erinnerung daran keine bitteren Gefühle mehr in Ihnen erwecken möge.
Für das mir gütigst übersandte Exemplar möchte ich Ihnen nochmals bestens danken. Ihrem Wunsche entsprechend übergab ich eines der drei Exemplare, die ich nun besass, der hiesigen Bibliothek, wofür Direktor Dr. Fick ebenfalls herzlich danken lässt. Das letzte Exemplar erhielt Prof. E. Hermann, der es als hochwillkommenen Leitfaden zum tieferen Eindringen in das Baskische benutzen will, sobald seine litauischen Studien beendet sind. Ich selbst habe mir jetzt für die Ferien vorgenommen Ihre Prim. gewissenhaft durchzuarbeiten, möchte Sie aber jetzt schon befragen wegen gewisser Zweifel die ich hege. Sollte auf S. 25., Zeile 19. u. n. diotzuet u.badiotzuet das z für s versehentlich eingetreten sein oder haben Sie absichtlich so geschieben? Ich selbst habe immer nur diotsat, di[ots]ut gefunden, und auch in den Gegenden Bizkayas wo z u. s nicht zusammen gefallen sind, ist kio immer zu tso geworden. Ich wundere mich auch, dass Sie iragan als Faktitiv von ioan also als Nebenform zu irigoan irion auffassen. Läge es nicht näher an eine Ableitung von igan steigen zu denken, da doch igaro, irago, irabo, die begrifflich gleich sind mit iragan, igaran, sicherlich Faktitive von igo, igon steigen vorstellen? Ferner scheinen Sie die allgemeine Erklärung von den ~ dan aus *daen mit dem im labortanischen sehr häufigen Bindevokal nicht zu teilen, denn Sie schreiben (S. 12), dass das a von da vor relativem n zu e wird, oder wollten Sie bloss die Tatsache schematisch angeben? Was die Klarheit des Stils anlangt, so bin ich so begeistert von der Einfachheit und Ausführlichkeit der Ausdrucksweise, dass ich meinen baskischen Kollegen die Prim. warm empfohlen habe, in der Hoffnung, dass dieses Werk viel mehr Aufklärung bringen wird, als z. B. Ihre Baskische Studien I, die wirklich eine geistige Anstrengung im Beharrlichkeit voraussetzen, wie man sie in Spanien nicht gewohnt ist. Eine Hauptrolle spie[l]en in den meisten Köpfen auch die vorge[f]assten Meinungen. So wohnte ich im September u. J. einer Sitzung der Euskaltzaindi bei, und veranlasst durch mancherlei zweifelnde Bemerkungen, trug ich an Hand vieler Verbalformen, die ich gesammelt hatte, einiges vor über die passive Theorie, wobei mich Urquijo [nur] unterstüzte. Es schien so, als ob die meisten überz[eugt] waren, Azkue dagegen fasste gerade umgekehrt n nicht als “ich” sondern als “mich” auf, also nago “mich sein” ~ nakar “mich trägt (er)”? Nun hielt ein Herr in der nächsten Sitzung ein Referat und erklärte schliesslich unter allgemeinem Beifall, dass die passive Theorie durch aus nicht bewiesen und seiner Ansicht nach unrichtig sei, ging aber dabei auf Verbalformen ka[um] ein und berührte die grundlegende Verwandtschaft zwischen nago ~ nakar, naiz ~ nau, die doch den Angelpunkt bildet, überhaupt nicht!! Der Hintergedanke war zweiffellos der, man wolle die baskische Sprache indem man sie des Transitivs beraubte, zu einer armen unvollkommenen und dürftigen Sprache stempeln, und dagegen setzt man sich mit dem blinde[n] Eifer eines misverstandenen Patriotismus und vorgefasster Meinungen zähe zur Wehr. Die Diskussion ergab nicht viel, da in vielen Köpfen ziemliche Verwirrung herrschte. Unter diesen Umständen begrüsse ich Ihre Primitiae ganz besonders, weil Sie darin in klarer übersichtlicher Form Ihre wesentlichen Gedanken über das Baskische, auch etwas über das Zeitwort aussagen, aber ohne die für so viele verwirrende Fülle und Ausführlichkeit Ihrer Baskische Studien. Bedauerlich ist, dass nur wenige in Spanien Deutsch lesen können, nämlich ausser Urquijo und Azkue wohl nur Campión und Iraizoz. Aber später, wenn ich erst einmal dort bin, stehe ich ja jederzeit zum Übersetzen zur Verfügung. Wie Sie wissen hatte mein f[a]st halbjähriger Aufenthalt im Baskenlande den Zweck Azkues Triple Cuestionario an möglichst vielen Orten zu sammeln, also gewissermassen eine Arbeit zu leisten, die als Vorstudie zum Sprachatlas aufgefasst werden kann. Ich habe nun etwa 65 solcher Hefte an ebensoviel Punkten ausgefüllt, nicht immer ohne Schwierigkeiten seitens des ungebildeten Volkes, mit dem ich mich ja befassen musste und das ja in solchen Fällen immer Mis[s]trauen hegt, oft aber auch ohne auf Verständnis zu stossen bei solchen Leuten die als “gebildet” gelten wollen, die aber jeglichen Mangel an Bildung schon durch das Fehlen von Interesse und teilweise sogar [durch] die Verachtung ihrer Muttersprache bekundeten. Natürlich traf ich auch viele “vascófilos” und auch manche von der seltsamen Sippe der “aficionados”, die sich gern für allerlei zur Verfügung stellten. Ich habe natürlich, so weit die gebotene Eile meiner Untersuchungen es zuliess, auch alles andere gesammelt, was mir irgendwie auff[iel], z. B. unbekannte Vokabeln und Nebenformen, Redensarten eine grosse Zahl z. T. sehr interessanter Verbalformen und auch einiges Wenige über die Betonung, die Sie ja besonders reizt. Dass ich in diesem letzten Punkte nicht viel habe sammeln können liegt an der kurzen Zeit die mir für jeden Ort zur Verfügung stand, während doch mindestens ein mehrtägiger wenn nicht gar mehrwöchiger Aufenthalt an einem bestimmten Punkte erforderlich ist, um die betreffende Mundart genau zu erforschen und erst wenn das gelungen ist, kann man sich erst an das Studium das Akzentes heranmachen. Nach meinen allgemeinen Eindrücken hat sich jedoch meine Meinung dass der Akzent in Guipuzcoa fest ist und der musikalische Akzent weder im Wort noch im Satz nur im Entferntesten die Rolle spielt wie im Französischen bestätigt. Ein starkes Schwanken der Tonhöhe im Satz stellte ich in Fuenterrabia fes[t,] eine Erscheinung die die dortige Mundart besonders au[s]zuzeichnen scheint und der sie jedenfalls die nicht gerade schmeichelhafte Bezeichnung als izkuntza zikiña durch die Unwohnenden verdankt. Ich habe noch nichts ordnen können, doch erinnere ich mich, dass an vielen Punkte[n] Guipuzcoas der (expiratorische Akzent verbunden mit dem?) musikalischen zur Unterscheiden bedeutungsverschiedener Formen dient z. B.:

gizónai dem Menschen

gizonái den Mensch[en]; hier mit eine[r] ausgesprochenen Erhöhung der Tonlage des a, aber auch mit stärkerer Betonung.

(In Andoain: gizónari gizonáidi)
Das musikalische Schriftbild würde sich ungefähr folgendermassen darstellen:

In Mutiloa bei Segura im südlichen Guipuzcoa, wo der i , u Umlaut sehr stark vertreten ist und dadurch die Formen für didazu “du es mir” und diezu (diotezu) “du es ihnen” zusammenfallen, unterscheidet man sie durch den Akzent folgendermassen:
diezú diézu, d. h.
Weiter habe ich nichts gegenwärtig und meine verstreuten Aufzeichnungen harren noch der Sammlung in diesen Ferien, falls ich meine anderen Arbeiten zu Ende führen kann. Zunächst hatte ich mir vorgenommen eine neue Novelle Azkues Latsibi, die er bizkainisch verfasst hatte aber gern gipuzkoanisch veröffentlichen wollte, in die zentrale Schriftsprache zu übertragen und bin nun mit dieser langwierigen schon Anfang vorigen Jahres begonnenen Tätigkeit soweit gediehen, dass ich hoffen kann sie demnächst abzuschliessen und den Rest meiner ziemlich kurzen Ferien den “baskischen Analysen” zu widmen, wie Sie sagen. Diese sollen nun nicht darin bestehen, dass ich mich selbst auf die etymologische Erforschung des euskara werfe, sondern ich hatte zunächst nur die Absicht, die bisher gemachten etymologischen Deutungen kritisch zu sammeln und mit der Zeit ein kleines etymologisches Wörterbuch, das so dringend nötig wäre, anzulegen. Nun habe ich mir schon alles verfügbare Material zusammengetragen und einiges von auswärtigen Bibliotheken bestellt und sehe nun schon welchen Umfang eine solche Arbeit einnehmen würde und wieviel Zeit eine gewissenhafte etymologische Sichtung erfordet, die ich mir eigentlich nur als angenehmen Zeitvertreib für 2-3 Wochen gedacht hatte. In den letzten Tagen habe ich nun bereits etwa 1000 Etymologien aus der Revue de ling., Museum, Z. R. Ph. und aus Ihren Werken zusammengetragen es sind also meist Aufstellungen von Ihnen, van Eys, Uhlenbeck, Vinson, Saroïhandi, Urtel, Luchaire, Humboldt u. einiger andere. Auf Charencey habe ich meist, auf die unwissenschaftlichen Spekulanten wie Larramendi, Astarloa u. Arana-Goiri ganz verzichten müssen, ausser wenn eine Etymologie zwar verkehrt war, aber doch etwas geistreich oder [g]ar witzig schien, was bei Larramendi nicht selten der Fall ist. Sehr gespannt war ich auf die Euskara (Berlin), die hier nicht vorhanden ist und die ich mir erst von Berlin bestellten musste, da ich Sie als Mitarbeiter vermu[te]te. Jetzt erscheint mir der Inhalt aber doch ziemlich bunt und heterogen. Am meisten Ausbeute erhoffe ich von der R. I., besitze aber zu meinem Bedauern nur die letzten 3-4 Jahrgänge, so dass ich schon aus diesem Grunde meine Arbeit hier noch nicht zu Ende führen kann sondern erst dazu in Spanien im Stande sein werde. Azkue schien sehr erfreut, als ich ihm kürzlich meinen Plan wissen liess, aber ich bin überzeugt, dass ein etymologisches Wörterbuch bei den Basken wirken würde, wie ein Steinwurf in’s Wespennest, was mich natürlich ganz und gar nicht abhalten soll eifrig weiter zu sammeln. Ich wäre Ihnen auch sehr dankbar, wenn Sie mir gestatteten Ihnen gelegentlich Zweifel gegen diese oder jene Ableitung vorzutragen und selbst[v]erständlich auch für jeden Wink und guten Rat sowie für alle neuen Etymologien und Zusammenhänge. So schreiben Sie zum Beisp. in den Prim. dass bildu “sammeln” wahrscheinlich ein romanisches Wort sei. Nun habe ich noch nicht feststellen können, zu welchem Stamm das Wort gehört, sondern nahm bisher immer an, dass es mit *bil “rund” in gurpil, biribil, luharbil, amil, usw. zusammenhinge. Inguratu “umgeben” heisst ja auch mancherorts “sammeln”, so dass der Bedeutungs übergang wohl keine Schwierigkeiten machte. Bei Uhlenbeck fällt mir oft die Kühnheit der etymologischen Zergliederung auf, die eines Astarloa würdig wäre, aber natürlich ist er in ganz anderer weise zuständig und dazu fähig als dieser grosse Phantast. Neuerdings hat sich ja auch Meyer-Lübke sehr hervorgetan durch seine Etymologien, sie betreffen aber meist die Entlehnungen aus dem Romanischen und nicht die echt baskischen Wörter.
Um auf die umstrittene iberische Frage zu kommen möchte ich Sie fragen, ob Ihnen E. Assmanns Artikel in der Zeitschrift Spanien (herausgegeben vom Ibero-amerikanischen Institut in Hamburg) III Jahrgang, Nr. 1: “Altspanische Ortsnamen als Zeugen babylonischer Kolonisation” vor die Augen gekommen ist. Die Ähnlichkeit mancher Namen ist so gross, dass man ganz überrascht ist. Sollte sich die aufgestellte Theorie wirklich bewähren, worüber ich mir natürlich gar kein Urteil anmassen kann, so könnten sich doch sehr wichtige und unerwartete neue Gesichtspunkte für die Erforschung der iberischen Völker ergeben. Jetzt erst habe ich erst einiges erfahren können über Schultens Deutung der Basken als Ligurer, sowie auch dass Sie dieser Annahme nicht günstig gegenüberstehen.
Um noch einmal auf Uhlenbeck zurückzukommen, hatte ich den Eindruck, als ob er in seinen ersten Arbeiten (1893?) noch zu viel romanische Elemente in den Kreis seiner Deutungen und Studien über urbaskische Wurzeln und Suffixe einbezogen hat, z. B. ordu, orde, ardura, usw. Vielleicht denkt er heute über manche seiner Etymologien anders. Damals stand ihm ja auch nur van Eys Wörterbuch zur Verfügung.
Ich würde Ihnen auch danken, wenn Sie mir gelegentlich einmal angäben wo ich noch irgendwelche Bemerkungen Ihrerseits über das Baskische u. bes. Etymologien finden kann, ausser in Z. f. R. Ph., Litteraturblatt f. germ. u. roman. Philologie, R. I. E. V., Museum und Ihren Einzelwerken, da mir nicht bekannt ist, an welchen Zeitschriften Sie ausserdem noch als Mitarbeiter tätig gewesen sind. Ich habe sonst nichts neues entdecken können. Doch habe ich mit dem Durcharbeiten des Materials, das ich zusammengesucht habe, auf lange Zeit hinaus zu tun, besonders, da ich während des Semesters doch wieder ganz durch meine chemische Tätigkeit beschäftigt sein werde.
Während ich nun schreibe und Seite zu Seite füge, kommt mir der Gedanke, dass Ihnen ein langes Schreiben vielleicht doch nicht so willkommen ist in Anbetracht Ihrer stark geschwächten Sehkraft und der damit verbundenen Anstrengung. Gern hätte ich mit Rücksicht darauf meinen Brief in Maschinenschrift abgefasst, aber in unserem Studentenheim wir Gelegenheit haben fünf Schreibmaschinen zu benutzen, herrscht gegenwärtigt wegen der vielen Examens- u. Doktorarbeiten ein derartiger Hochbetrieb, dass ich frühestens in einer Woche Gelegenheit gehabt hätte zu schreiben, und noch länger wollte ich diesen Brief doch nicht aufschieben. Sollte ich Ihnen also in Zukunft einmal einen Brief in Schreibmaschinenschrift senden, so möchte ich Sie im Voraus bitten, das nicht als Unhöflichkeit aufzufassen, sondern als Versuch Ihnen möglichst wenig Anstrengung zu bereiten, da ich meine Hand doch nicht so meistern kann, wie ich möchte.
Hoffentlich sind meine Befürchtungen in diesem Punkte übertrieben und erfreuen Sie sich eines gesundheitlichen Wohlbefindens, wie es bei dem jetzt herrschenden Frühlingswetter— und noch mehr dort, unter südlicherer Sonne in dem heitere[n], durch die Alpen vor kalten Winden wohlgeborgenen Graz— wünschenswert ist.
Mit diesem Wunsche und der ferneren Hoffnung auf weitere Bereicherung der Baskischen Forschung durch Ihre unnermüdliche Forschertätigkeit möchte ich schliessen und sende Ihnen recht herzliche Grüsse.

Ihr sehr ergebener Gerhard Bähr
cand chem et phil.