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Brief (27-Brief 25)

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Graz 10.2.’21.

 

Lieber Freund!

Eben erhalte ich Ihre Karte und bin versteinert.[1] Leider habe ich, wenn mir recht ist, schon bei einer früheren Gelegenheit in bezug auf Ihre Wohltaten gesagt: Tu m’en avais comblé, tu m’en veux accabler.[2] Welcher Superlativ steht mir nun zur Verfügung? Halt! Die Entente treibt unsere Phantasie in die kühnsten Höhen; ich sage ǀ2ǀ Tu m’en ententerrorises. Sie legen mir ein Diktat auf, schaffen faits accomplis, trampeln auf meinem Selbstbestimmungsrecht herum. Rasch fertig ist die Jugend mit dem Wort.[3] Haben Sie die Folgen wohl bedacht? Die Folgen für mich? Hundert Briefe kann ich schreiben (nach dem Ausland); aber doch wohl nur im Dienste der Wissenschaft, der Sancta Romanicitas, es dürfen keine Liebesbriefe dabei sein, noch weniger Schmähbriefe. Wir schwer wird mir manchmal die Scheidung fallen, ich werde dabei den Federhalter zerbeißen. Und inländische Briefe ǀ3ǀ sind jedenfalls ausgeschlossen. Die Hauptsache aber sind die Briefe die nicht geschrieben werden. Wenn nun plötzlich ein überwältigendes Ruhebedürfnis über mich käme? Wie würde mein Gewissen gefoltert werden: Du mußt das Geld abverdienen! Und an meinen Stolz denken Sie nicht? Ich stehe ja mit dem kleinen W. Herz,[4] dem früheren Gaste Bovets auf einer Stufe. Den lockte ich vor Weihnacht auf mein Schloß um ihm eine für mich unverwendbare Busennadel zu versetzen. Dafür hätte ich ja auch eine ganz hübsche Anzahl Briefe ab senden können. Und erst für meinen Frack, den ich bei einem Schneider behufs Verkaufes hinterlegt habe. Von meinem schweren Platinring ganz zu schweigen und von meinem schönen Bild des Herzogs August von Gotha. Sie werden einsehen daß Sie ǀ4ǀ Ihre Familie auf unverantwortliche Weise schädigen. Vielleicht aber erlauben Sie daß ich das Portogeld einem humanitären Zweck zuweise, da es doch wohl schon unterwegs ist? Hinsichtlich des anderen Punktes aber führen Sie mich nicht hinters Licht. Ich hatte Ihnen am 30. v. M. geschrieben; da können Sie zwar am 7. d. M. zwar an Niemeyer geschrieben aber nicht schon von ihm Antwort erhalten haben: „ich habe mit N. das abgemacht“. Über meinen Kopf hinweg? Bin ich der Alto Adige? Ich habe mich schon ganz in die Rolle des Abstinenzlers hineingefühlt; ich habe ja nichts von Spitzers Polybibliophilie, um nicht „-manie“ zu sagen. Ich bin, wie ich Ihnen schon ǀ5ǀ einmal schrieb, etwas Gilliéronist. Die Bücher bedrücken, beängstigen mich, vor allem die Zeitschriften. Es war mir ganz lieb, nur auf mich und die ältere wissenschaftliche Literatur angewiesen zu sein; mein Ehrgeiz sollte nicht mehr darauf gerichtet sein „aus zwölf Büchern ein dreizehntes zu machen“. Vorzugsweise sinnieren; meine Klage war mehr sentimental begründet. Das Lesen fällt mir schon ein wenig schwer. In meinem letzten Artikel der Zeitschrift habe ich schon öfter die Lupe ansetzen müssen[5] und z.B. in Gamillschegs Artikel (Z 40, 514) auch mit der Lupe nicht herausbringen können, ob hôrn oder hȫrn oder hŏrn dastände,[6] und dazu einen absolut unlinguistischen Mann herbeiholen müssen. Mein Aufsatz enthält, da ich ihn nicht zur Korrektur erhalten habe, eine Anzahl von „Druckfehlern“, ǀ6ǀ 255 ist zu lesen: dieser der Treffpunkt, ἀγκών 257: das Adjektiv (statt der beiden A.) rekún, gottl. Rang, Zeile 6 v. u. umplu [d. i. impleo, umblu = ambulo] 4 v. u. ungl’u, 2 v. u. +ungula. Der Druck der Zeitschr. ist überhaupt viel zu klein; schon 1877 war Mussafia unglücklich darüber: „Augenpulver“! Das empfinde ich nun jetzt schon seit einiger Zeit. Übrigens ist mir die ganze Verquickung einer Fest ….schrift mit einer Zeitschrift ganz unsympathisch. Ich habe mich darüber gründlich geäußert in meinem Aufsatz in der Allg. Z. 1903,[7] und unter dem Eindruck des jetzt Geschehenen und des Geplanten (Menéndez) hatte ich Spitzer bitten wollen, nicht etwa - ǀ7ǀ was ja bei seiner Unternehmungslust nicht ausgeschlossen ist – mir falls ich 1922 noch erlebe eine ähnliche Überraschung zu bereiten. Ich selbst habe immer nur auf meine eigene Hand und eigene Kosten eine Festschrift ins Leben gesetzt. Das hindert aber nicht daß ich dem „Schatzkästlein“ auch tätige Teilnahme erweise. – Die bask. Akademie hatte den Vorschlag Azkues daß eine von mir vorgelegte Arbeit sofort gedruckt werden würde, einstimmig angenommen; ja, aber wie ich dem Freund Lacombe bemerkt hatte, nur in der Meinung daß das in spanischer oder französischer Sprache geschehen würde. Und meine Voraussicht bestätigte sich auch. Ich habe direkt gar nicht mit der Akademie verkehrt und überhaupt nichts abgelehnt. Von der „Einführung in das Bask.“ konnte ja in diesem Falle nicht die Rede sein, sondern ǀ8ǀ nur von dem Beitrag zur Kenntnis des Bask. von Sare,[8] der aber schwierig zu übersetzen gewesen wäre und den ich wie schon früher gesagt, bei der Berl. Akademie anzubringen hoffe. Bitte berichtigen Sie doch die Meinung von Griera.[9] Ich habe lange nichts von ihm gehört; ein paar Zeilen über Andorra sollten im Herbst 1920 in der Zeitschrift veröffentlicht werden.[10] Auch eine Frage wegen des obern Spindelendes (thie) hat er mir nicht beantwortet. – Dabei fällt mir ein: wissen Sie was ich für das allerinteressanteste Wort bei Abfragungen halte: Kreisel. Seinerzeit, noch bevor dieser Teil des Atlas (toupie) in Druck gelegt war, hat mir Gilliéron in liebenswürdiger Weise die ganze Partie abgeschrieben[11] eine auf den Kreisel bezogene Arbeit ist aber in ihren Anfängen stecken geblieben.[12] – Das empfehlenswerte kymrische Wörterbuch ist das von ǀ9ǀ W. Spurrell, von 1909 ist die letzte Auflage von der ich weiß (meine ist die zweite von 1861).[13] – Mein Bild demnächst einmal! Wenn ich nur wüßte welche von den beiden Aufnahmen Sie wünschen. – Wie ich eben erfahre, scheint die Vermögensabgabe bei mir glimpflich auszufallen.[14] – Mit herzlichem Gruß und Dank für Ihre goldene Gesinnung

Ihr getreuer

HSchuchardt

 

Ich singe zwar nicht wie der Zigeunerbaron:

Das Schreiben und das Lesen, Ist nie mein Fall gewesen,

wohl aber meinem jetzigen Zustand gemäß:

Das Lesen und das Schreiben, Laß ich allmählich bleiben.

 

Von Nekrologen Morfs habe ich bisher erhalten, die von Gauchat (zweimal), die von Tappolet, die von Lerch.

Urtel hat mir einen sehr lieben Brief geschrieben; er glaubte, ich hätte das 80ste schon hinter mir.



[1] Es geht im Folgenden um das Hugo-Schuchardt-Brevier, das Schuchardt zu seinem 80. Geburtstag am 4. Februar 1922 dargebracht werden sollte (und wurde). Herausgeber war Leo Spitzer (vgl. seinen Brief 282-11042, ed. Hurch, 188-189), an der Finanzierung beteiligten sich in erster Linie schweizerische Romanisten (Forscher und Lehrer). Die bei Niemeyer in Halle erschienene 1. Aufl. (1922) enthält zu Beginn eine Namensliste der schweizerischen Förderer. – Schuchardt fühlt sich zwar geehrt und geschmeichelt, dennoch artikuliert er Vorbehalte gegen die geplante Ehrung.

[2] Vgl. Corneille, Cinna V,3  „Je t'en avais comblé, je t'en veux accabler“. – Vgl. Brief 22 (4.1.1920).

[3] Schiller, Wallensteins Tod II,2: „Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort“,

[4] Walter Herz; vgl. HSA 04672-04673.

[5] Angesichts der großen Zahl seiner Beiträge zu ZrP 40 nicht zu ermitteln.

[6] Ernst Gamillscheg, „Französische Etymologien II“, ZrP 40, 1920, 513-542.

[7] Schuchardt, „Über die Festsammelschriften“, Beilage zur Allgemeinen Zeitung (Augsburg, München 159, 1903, 114f.).

[8] Schuchardt, „Zur Kenntnis des Baskischen von Sara (Labourd)“, Abhandl. d. Berl. Ak. d. W, 1922, 1-39.

[9] Antonio Griera y Gaja (1887-1974), span. Romanist und Katalanist, vgl. HSA 03971-03985.

[10] Schuchardt, „Andorra“, Butlletí de dialectologia catalana 8, 1920, 77.

[11] Vgl. HSA 03758 (28.6.1905).

[12] Vgl. aber Schuchardt, „Der Kreisel im Baskischen. Zu Rev. 1923, 676 ff.“, Revista Internacional de Estudios Vascos / Revue International des Études Basques 15, 1924, 351-360.

[13] William Spurrell, English-Welsh pronouncing dictionary; with preliminary observations on the elementary sounds of the English language, a copious vocabulary of the roots of English words, and a list of scripture proper names; Geiriadur cynaniaethol Seisoneg a Chymraeg, Carmarthen: Spurrell, 1861; 6. Aufl. Caerfyrddin: Spurrell, 1909.

[14] Gesetz vom 21. Juli 1920, St. G. Bl. Nr. 371, über die einmalige große Vermögensabgabe (V. A. G.).