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Brief (101-01138)

Leitmeritz, 8. Juli 1885

Verehrter Freund!

Ihre heute eingetroffene Karte lässt mich befürchten, dass ich eine ernste Dummheit begangen habe, ich schloß nämlich aus dem Tenor der Tarjeta Anterior, ich solle in Ihrem Namen dem Vogrinz (G. Vogrinz, Prof. a. k.h. II. deutschen Gymnasium in Brünn) schreiben, denn Sie verlangten zwar im ersten Theile seine Adresse, im zweiten aber sagten Sie: "schreiben Sie ihm das."1 Ich zögerte eine Zeit, fragte dann aber mein kluges einfaches Weible und dieses erklärte: "Natürlich musst du es schreiben" und nun schrieb ich. Verzeihen Sie mir meinen Geniestreich.

Sobald die Ferien da sind, werde ich mich an die böhmischen Dalken machen. Heute habe ich ein Gassengespräch zwischen zwei Frauen belauscht u. sofort zu Papier gebracht (meine čechische Orthographie ist rein nach dem Gehör geregelt:

On řekl že to möchte nur gemocht werden, ale to nejde so im Hand ŭmdrehen. 2---

Jo, voni maj3ruft, ale my nemáme tak moc, aby jsme mohly rumkutschironnt a dělat Landpartien i Ausflugi, on ale myslí ze my mu mužeme dělat všechno ganz nachBelieben.4

Voni ho neznaj, von je Krakehler a Strabanzer a […] se unterhaltonat bez Rücksicht.5 ===

Weiteres konnte ich nicht vernehmen da die Sprecherin (die andere Frau sprach correctes Čechisch) auf mich aufmerksam wurde.

Ich hatte dann noch das Glück einen Herrn zu treffen, der mir mittheilte, dass in Westpreußen der Flößer Flissak genannt wird.

Mit der Antwort an Baranera6 warte ich, damit ich eventuelle Anfragen Ihrerseits einschieben kann.

Herzliche Grüße von
Ihrem abgehetzten Amigo

F. Blumentritt


[1] Schuchardt stand mit Vogrinz bereits seit 1883 in brieflichem Verkehr.

[2] „Er sagte, derjenige möchte nur gemocht werden, aber das geht nicht so im Handumdrehen.“

[3] Voni maj nicht ganz klar, aber vermutlich „Sie haben, Sie besitzen“ ((v)oni „Sie“, mají „haben“.

[4] „Jo, Sie haben ruft er, aber wir haben nicht so viel, dass wir rumkutschieren könnten und Landpartien und Ausflüge machen, er aber denkt von uns, wir könnten das alles für ihn machen.“

[5] „Sie kennen ihn nicht, er ist ein Krakehler und Strawanzer […] ohne Rücksicht.“
Ich danke Barbara Tiefenbacher für die Unterstützung bei den Übersetzungen.

[6] Antwort auf den Brief Baraneras an Blumentritt vom 1. Juli 1885. Blumentritt leitete den Brief an Schuchardt weiter. Daher befindet sich dieser im Nachlass Schuchardts (verzeichnet und hier online abrufbar als Brief Nr. 00508A). Ich danke Mauro Fernández für die freundliche Zurverfügungstellung der Abschrift des Briefes. Baranera beschreibt darin das Spanische in Zamboanga.